Islamisches MTV

Der ägyptische Musiksender 4Shabab sendet für junge konservative MuslimInnen. Frauen kommen dabei nicht vor.

Von Kristina Bergmann
4Shbab-Gründer Ahmed Abu Haiba vertritt aus westlicher Sicht einen rigiden Islam – für die saudischen Geldgeber ist er aber noch viel zu locker.

Der TV-Sender 4Shabab befindet sich in Kairo, sendet aber in die weite Welt hinaus. Vor allem in die arabische, denn am Golf und in Nordafrika lebt das Zielpublikum von 4Shabab: junge MuslimInnen. „4Shabab“ heißt so viel wie „für die Jugend“. Der Sender hat sich dem Thema Nr. 1 der Jugend verschrieben, der Musik. Da zahlreiche arabische Musiksender Musik unverhohlen mit Freizügigkeit und Sexualität verbinden, vollzog der Erfinder von 4Shabab, der 43-jährige Ägypter Ahmed Abu Haiba, einen Spagat. Er hatte die Vorstellung, Musik müsse mit der Hauptreligion der arabischen Welt, dem Islam, zu verbinden sein. „Musik muss sein – ohne sie kann man heute kein Fernsehen mehr machen“, sagt Abu Haiba. 2007 wurde der Sender gegründet. Das Geld für den Sender kommt aus Saudi-Arabien, es machte seine Verwirklichung erst möglich. Abu Haiba, der die Idee hatte, passte sich vielen konservativ-islamischen Vorgaben der Financiers an, von denen er vermutlich nicht ganz überzeugt war. So entwickelte er ein Konzept, in dem es wohl Musik, aber keine Frauen und keinen Alkohol gibt. Sein Hauptanliegen bis heute: Er wolle Jugendliche über andere Wege als über den der heißen Video-Clips erreichen, und „Anstößigkeiten“ vermeiden.

Während Abu Haiba aus europäischer Sicht einen rigiden Islam vertritt, ist 4Shabab den saudischen Geldgebern oft noch viel zu locker. Sie beharren auf einem Sender, in dem keine Frauen arbeiten. Lange hat Abu Haiba das mitgemacht. Seine Argumentation war simpel und entsprach jener der Saudis: Frauen sollten nicht spät abends tätig sein.

Doch in Ägypten ist die Abwesenheit von Frauen nicht nur seltsam, sondern undenkbar. Frauen sind im Nilland seit Urzeiten auf den Straßen und auch in modernen Einrichtungen, also auch im Fernsehen, zu sehen. Was in Saudi-Arabien möglich ist, nämlich Frauen quasi aus der Öffentlichkeit zu verbannen, ist in Ägypten ausgeschlossen. Auch strenggläubige ägyptische MuslimInnen verstehen nicht, warum der Sender „Für die Jugend“ heißt und die Hälfte davon ausklammert. „Es wäre logischer, wenn Frauen als Macherinnen des Senders integriert wären“, meint ein Zuschauer.

Es gibt auch keine Video-Clips von Sängerinnen auf 4Shabab. Es singen nur Männer, doch ja nicht von der geschlechtlichen Liebe! Der wichtigste der männlichen Stars heißt Sami Yussef. Er gilt als hochbegabt und sehr fromm. Seine Lieder sind gut gesungen, poppig und gleichzeitig gottgefällig. „Die Botschaft des Völker verbindenden Islam verbreitet Yussef nun per Fernsehen von Syrien bis Marokko“, sagt der Medienforscher Rami Gad von der Cairo University. In Saudi-Arabien und bei 4Shabab scheint die Antwort auf die Frage, was Islam sei, zwar leicht von den Lippen zu kommen, doch die zahllosen Diskussionen rund um „den Islam“ beweisen, dass es keine klare Antwort gibt. Vielmehr scheint die Gemeinsamkeit auf einer Illusion zu beruhen. Ein Beweis dafür könnte sein, dass saudische Sunniten das Schiitentum als puren Aberglauben abtun. In Ägypten tun sich eifernde MuslimInnen wiederum schwer mit den ebenfalls muslimischen Sufis. Dabei gibt es die seit Jahrhunderten am Nil, und ihre Gefolgschaften haben Millionen von AnhängerInnen.

Wegen der vielen Musik, der Video-Clips und seiner Coolness bezeichnet sich 4Shabab selbst häufig als das „islamische MTV“. Tatsächlich mutet es auf den ersten Blick so an. Im Programm läuft vieles, das unter jungen Leuten angesagt ist, nämlich Musik, lustige Filmchen und interessante Talkshows von Predigern, die ohne den üblichen Firlefanz von muslimischen Scheichs, nämlich einem weißen Gewand und langen Bärten, Rede und Antwort stehen. Ahmed Abu Haiba hatte schon vor Jahren den ägyptischen muslimischen Prediger Amr Khaled entdeckt, der sich in der arabischen Welt im Anzug zum Star entwickelte. Danach kreierte Abu Haiba den Sender „Risala“, dessen selbst ernannte Aufgabe es ist, den „wahren Islam“ zu präsentieren. Sowohl für Khaleds als auch den Erfolg der beiden Fernsehsender sei der Glaube verantwortlich, sagt Abu Haiba. Doch das Gelingen von 4Shabab scheint sich auf eine extrem konservative Denkweise, die Frauen ausklammert, zu reduzieren. In einer Region, wo Jugendliche vor allem die arabischen Musiksender „Rotana“ – in Saudi-Arabien für die arabischen Länder produziert – und den in Ägypten produzierten „Mazzika“ verfolgen, wurde 4Shabab zur Besonderheit. Auf „Rotana“ und „Mazzika“ sind die Sängerinnen nicht nur sehr leicht bekleidet, sondern benehmen sich auch extrem aufreizend. „Mir passt, dass 4Shabab ohne Sex auskommt, doch fehlen mir die Moderatorinnen und Sängerinnen“, meint die ägyptische Zuschauerin Amel Saleh. Saleh gehört zu den 60 Prozent des weiblichen Publikums von 4Shabab. Tatsächlich ist dieses größer als das männliche.

ZuseherInnen unter zwanzig im arabischen Raum finden 4Shabab oft absurd. Sie sind der Meinung, dass Frauen zu einem guten Musiksender einfach dazugehören. „Das ist nicht MTV – niemals“, meint der 18-jährige Zuschauer Karim Ahmed ablehnend, schnaubt und zappt weiter. Bei genauem Befragen stellt sich heraus, dass ihm mehr als die betörend aufgemachten Sängerinnen die Einblendung der von ZuschauerInnen eingesandten Kurzmitteilungen gefallen. Auf 4Shabab sind sie tabu.

Könnte es sein, dass manchen AraberInnen ein ernsthafter Sender vorschwebt, der gute Musik ohne nackte Haut, aber durchaus mit Frauen und Unterhaltung brächte? Während solche Sender im Westen längst geschaffen wurden, gibt es sie in der arabischen Welt nicht. In Europa wird das TV-Programm anhand der Gegensätze „ernsthaft-banal“ gestaltet, doch im arabischen Raum anhand „religiös-unreligiös“. Der Medienforscher Rami Gad meint, erst eine echte Säkularisierung der arabischen Länder würde liberale und gleichzeitig wertvolle (Fernseh-)Unterhaltung nach Kairo bringen.

Auch Abu Haiba wurde das Fehlen von Frauen bei 4Shabab zu absurd. 2009 forderte er die Ägypterin Yasmin Mohsen, ein 24-jähriges muslimisches verschleiertes Model auf, zu moderieren. Angeblich tat sie das so schlecht, dass Abu Haiba sie feuern musste. Oder steckten die saudischen Financiers hinter der fristlosen Kündigung? Bereits 2008 hatten sie gedroht, dass sie den Sender schließen würden, falls Frauen aufträten. Saudische Scheichs erwarten eine komplette Segregation der Geschlechter. Mohsen wurde entlassen. Trotz des Zwischenfalls spricht Abu Haiba vom „guten Einvernehmen“ mit den saudischen Financiers.

Am 25. Jänner dieses Jahres begann in Ägypten die Revolution. Auch Abu Haiba trieb es zum Tahrir-Platz, dem Zentrum des Aufstands. Dort traf er einen gewieften Talkshowmeister, Ibrahim Issa. Issa ist kritisch und hatte deshalb ständig mit dem früheren diktatorischen Regime Probleme. Nachdem die beiden einander kennengelernt hatten, beschlossen sie, gemeinsam einen neuen Sender namens „Tahrir“ zu gründen. Das ist nicht nur der Name des Revolutions-Platzes in Kairo, sondern bedeutet auch „Befreiung“.

Somit wird Abu Haiba bei 4Shabab kündigen müssen. Er kann nämlich nicht gleichzeitig zwei Sender leiten und hat die saudischen Financiers endgültig gegen sich aufgebracht. Sie sind nicht nur gegen Moderatorinnen, sondern auch gegen die ägyptische Revolution. Sie achten Herrscher – egal wie brutal die sind. Außerdem ist das saudische Königshaus eng mit dem früheren Präsidenten Hosni Mubarak, den die ÄgypterInnen so sehr hassen, befreundet.

Der Zeitpunkt für Abu Haibas Wechsel scheint gut gewählt, denn in den vergangenen Monaten wuchsen Abhängigkeit und Widersprüche zwischen ihm und den Saudis. Sie wollen 4Shabab in die Emirate verlegen und von dort aus operieren lassen. Zwar müssen sie Abu Haiba, der das Konzept entwickelte, auszahlen, doch ist Geld am Golf, wo sich die weltweit größten Erdölquellen befinden, vorhanden. Dafür scheinen die Mentalitäten der Emirate und Saudi-Arabiens besser zu harmonieren als die des saudischen Königreichs und des Nillandes.

„Tahrir“ ist übrigens der erste arabische Sender, dessen Betrieb ausschließlich über Werbeeinnahmen finanziert werden soll. Das hat es bis anhin im arabischen Raum, wo hinter jedem Sender ein wohlhabender Mann steht, noch nie gegeben. Werbeeinnahmen schaffen zwar keine gänzliche Unabhängigkeit, doch wäre diese mit ihnen größer als zuvor. Bis jetzt haben entweder Diktatoren, brutale Regime oder Scheichs das Programm diktiert.

Kristina Bergmann lebt in Kairo und ist Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung und Übersetzerin.

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