Ivan Illich, der Vordenker

Der 1926 in Wien geborene Theologe, Priester und Philosoph verbrachte einen großen Teil seines Lebens in Puerto Rico und Mexiko. Viele seiner Ideen wurden später von den Post-Development-TheoretikerInnen aufgenommen.

Mit seiner Gesellschaftskritik und seiner Weltsicht war Illich seiner Zeit um Jahrzehnte voraus.

Unser Weltbild verkörpert sich in unseren Institutionen, deren Gefangene wir sind. Fabriken, Massenmedien, Krankenhäuser, Regierungen und Schulen produzieren Waren und Dienstleistungen, in denen unsere Weltanschauung steckt. Wir, die Reichen, verstehen unter Fortschritt die Verbreitung solcher Institutionen. Unter erhöhter Mobilität verstehen wir Luxus und Sicherheit in der Verpackung von General Motors oder Boeing. Unter Förderung des allgemeinen Wohlbefindens verstehen wir ein dichteres Netz von Ärzten und Krankenhäusern, die uns verlängertes Leben als Gesundheit verkaufen. Und zu unserem steigenden Bildungsbedarf fällt uns nichts anderes ein, als Schüler immer länger in Klassenzimmer zu sperren. Anders ausgedrückt: Wir haben die Bildung in ein Paket mit aufsichtlicher Fürsorge, Zugangsberechtigung zum Arbeitsmarkt und dem Wahlrecht gepackt und das alles in christliche, liberale oder kommunistische Indoktrination eingewickelt.

In weniger als hundert Jahren hat die Industriegesellschaft Patentlösungen für menschliche Grundbedürfnisse erfunden und uns zu dem Glauben bekehrt, der Schöpfer habe die Bedürfnisse des Menschen als Verlangen nach den von uns erfundenen Erzeugnissen gestaltet. Das gilt für Russland und Japan ebenso wie für die nordatlantische Staatengemeinschaft. Der Verbraucher wird darauf gedrillt, dass die Produkte veralten, und damit dauerhaft an dieselben Produzenten gebunden, die ihm die gleichen Waren in unterschiedlicher Qualität oder neuer Verpackung liefern.

Die Industriegesellschaften können den meisten ihrer Bürger solche Pakete für den persönlichen Bedarf zur Verfügung stellen, aber das bedeutet nicht, dass diese Gesellschaften vernünftig oder wirtschaftlich sind oder dass sie dem Leben dienen. Ganz im Gegenteil: Je mehr diese Bürger auf den Verbrauch von abgepackten Waren und von Dienstleistungen gedrillt werden, umso weniger scheinen sie imstande zu sein, ihre Umwelt zu gestalten. Ihre Kräfte und ihr Geld werden für die Herstellung immer neuer Modelle ihrer Massenartikel aufgezehrt, und die Umwelt wird zum Abfallprodukt ihrer Konsumgewohnheiten. (…)

Heute verpassen reiche Nationen den armen Nationen aus Wohlwollen eine Zwangsjacke aus Verkehrsstaus, Krankenhausaufenthalten und Klassenzimmern und nennen das nach internationalem Übereinkommen „Entwicklung“. Die Reichen, Geschulten und Alten dieser Welt versuchen, ihre zweifelhaften Segnungen mit anderen zu teilen, indem sie der Dritten Welt ihre abgepackten Lösungen aufzwingen.

Dieser Text ist dem Band „Klassiker der Entwicklungstheorie“ entnommen (Mandelbaum Verlag, Wien 20102). Wir danken für die Abdruckerlaubnis. Der hier auszugsweise wiedergegebene Essay stammt aus den späten 1960er Jahren.

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