Je suis … wer eigentlich?

Reden wir einmal nicht über Paris. Vielleicht kommen wir dann einen Schritt weiter.

Von Nora Holzmann

Wir sind alle Charlie. Aber wer ist Baga? Fast unbeachtet von der Weltöffentlichkeit fand praktisch zeitgleich zu den Attentaten in Paris ein grauenhaftes Massaker in der Stadt Baga im Norden Nigerias statt. Boko Haram tötete nach ersten Berichten 2.000 Menschen – genaue Zahlen waren auch zu Redaktionsschluss noch nicht bekannt und werden es wahrscheinlich nie sein. Die ORF-Nachrichtensendung „Zeit im Bild“ befasste sich am 7. Jänner – zu Recht – ausführlich mit den Ereignissen in Paris. Über Nigeria wurden gefühlte zwei Sätze verloren: Tausendfacher Mord als beiläufige Kurzmeldung? Selbst afrikanische Medien sind stumm geblieben, kritisieren afrikanische Kommentatoren wie Simon Allison. Führende nigerianische Politiker hätten sich nicht öffentlich zu den Vorkommnissen geäußert, aber die Attentate in Paris verurteilt. „Wir als Afrikaner vernachlässigen unsere eigenen Tragödien und stellen westliche Leben über die unseren“, schreibt Allison in der südafrikanischen Online-Zeitung „Daily Maverick“.

Warum wollen junge Menschen aus Europa in den Dschihad? Wie kann man Terroranschläge verhindern? Was darf Satire? Europäische Medien beschäftigen sich zurzeit mit wichtigen Fragen, schmoren aber doch nur im eigenen Saft. Der Blick bleibt beschränkt auf das, was uns unmittelbar zu betreffen scheint – ohne einige sehr wesentliche Themen anzusprechen. Dass es eigentlich in den Debatten um Islamismus viel mehr um die politische Situation im arabischen Raum gehen sollte, schaffen nur wenige Journalistinnen und Journalisten zu vermitteln. Die prekäre Lage im Irak durcheine völlig verfehlte Besatzungspolitik der USA, die unerträgliche Situation der Palästinenserinnen und Palästinenser, der nicht enden wollende Krieg in Syrien: Beobachter wie Karim El-Gawhary plädieren für politische Lösungen, gesteuert durch regionale Mächte, anstatt für militärische Antworten durch den Westen. Die allgegenwärtige Terror- Berichterstattung lässt aber für solche Diskurse kaum Platz.

Zu kompliziert, zu abstrakt, zu weit entfernt: Das sind die häufig genannten Gründe, warum man so wenig über politische Entwicklungen, die zum Islamismus führen, und über dessen Auswirkungen etwa in Nigeria berichtet. „Ich habe einfach nicht so einen Bezug dazu, dass eine ganze Ortschaft in Afrika ausgerottet wird. Das könnte ja hier nicht passieren“, schreibt ein Leser im Online-Forum der britischen Zeitung „The Guardian“. „Dann finde einen Bezug dazu!“ antwortet ihm eine Posterin. „Schließlich geht es nicht um Vieh, das abgeschlachtet wird, sondern um Kinder, Frauen und Männer.“ Dabei müssen die Medien helfen. Es ist ihre Aufgabe, Menschen zu zeigen, wie verschiedene Entwicklungen in der Welt zusammenhängen, Ereignisse einzuordnen, zu analysieren, Debatten anzustoßen. Und es ist Aufgabe der Medien, den Blick der Öffentlichkeit dorthin zu lenken, wo politisch Verantwortliche lieber nicht hinsehen. Nach Baga zum Beispiel.

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