Jenseits der Solidarität

Der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett arbeitet seit mehr als 40 Jahren zu den Themen Klasse und soziale Exklusion. NI-Autor Horatio Morpurgo sprach mit ihm über sein jüngstes Buch „Together – The Rituals, Pleasure and Politics of Co-operation“.
Eine Zusammenfassung seiner Aussagen.

Richard Sennett

Kooperation ist eine Kompetenz, eine Fertigkeit, die ich oft mit jener von Musikern vergleiche. Der Unterschied ist gar nicht so groß. Ob man ein Musikstück übt oder ein geschäftliches Projekt durchführt – wenn man anderen Leuten nicht aufmerksam zuhört, verhaut man es. Das Buch hat zwei große Themen: Das erste ist, dass gegen Ende des 19. Jhdts. – im hochindustrialisierten Europa – eine Kluft zwischen der „Political Left“ und der „Social Left“ [Anm. d. Red.: im Deutschen gibt es keine unmittelbaren Entsprechungen für diese Kategorien] darüber entsteht, wie man sich organisieren soll. Für die Political Left war das ein Top-Down-Modell, man orientierte sich auf die Regierung usw. Die Social Left ging von der Basis aus, war auf lokale Aktion ausgerichtet: man versuchte, dort etwas zu tun, wo man lebte und arbeitete.

Bei dem zweiten wichtigen Punkt geht es um Kooperation und weniger um Solidarität. Ich glaube, dass die moderne Gesellschaft zu vielfältig ist; sie ist zu kompliziert. Solidarität ist kein gutes Modell. Wir müssen Wege finden, Menschen zusammen zu halten, die sehr unterschiedlich sind, die sich untereinander nicht verstehen, sich nicht kennen und sich vielleicht nicht einmal mögen. Und da setzt der Teil des Buches an, der sich mit Kompetenz beschäftigt – mit Menschen umzugehen, die man nicht kennt oder nicht versteht, erfordert mehr Kompetenzen als mit jemand zu arbeiten, der genauso ist wie man selbst.

Bei der Linken hier und auch in den USA hat dann die Idee der Machteroberung über Wahlen, sich die Regierungsgewalt zu sichern, den Charakter einer Obsession angenommen, es ging nicht um die Kontrolle von Institutionen auf lokaler Ebene wie etwa Gewerkschaften, lokale Banken oder Lebensmittelkooperativen.

An der Occupy-Bewegung war u.a. interessant, wie sie an der Basis gearbeitet haben. Natürlich sind wir alle gegen die Superreichen – wir sind alle für die 99%, das ist ein Klischee. Mich hat interessiert, wie sie tatsächlich einen Raum besetzt, wie sie sich organisiert und wie sie zusammengearbeitet haben.

In London und genauso in New York hatten sie es mit Menschen zu tun, die ganz anders waren als sie. Das waren nicht bloß Studenten und die üblichen Linksverdächtigen, sondern Pensionisten, Arbeitslose mittleren Alters.

Nach 2008 interviewte ich Leute, die in den Backoffices an der Wall Street arbeiteten – viele von ihnen hatten ihre Jobs verloren. Das waren die Techniker, sie hielten das ganze Werkel aufrecht. Man kann nicht wirklich Mitleid mit ihnen haben – es ging ihnen ganz gut, nach welchen Maßstäben auch immer. Mich hat interessiert, dass sie an einem Ort waren, an dem die Kommunikation zusammengebrochen war. Die Leute in den führenden Positionen verstanden die komplexen mathematischen Algorithmen nicht und wollten auch nichts davon wissen. 2008 war insofern das Resultat einer gesellschaftlichen Katastrophe, eines allmählichen Vertrauensverlusts zwischen den Menschen.

All diesen politischen Entwicklungen liegt letztlich zugrunde, dass sich in der westlichen Kultur eine Konfusion in Zusammenhang mit dem Begriff Kooperation etabliert hat. Für Protestanten während der Reformation im 16. Jhdt. wurde Kooperation zu einem ethisch motivierten, bewussten Verhalten, sie war nichts Rituelles mehr. „Ich will.“ „Ich sollte.“ Betonung auf „ich“. Aber Kooperation ist nicht dasselbe wie Altruismus: Wir wollen etwas zustande bringen, wir sind nicht „gut“. Diese Konfusion entstand mit dem Protestantismus.

In China gibt es guanxi, das ist ihr Konzept einer rituellen Kooperation. Man weiß nicht, was man als Gegenleistung erhalten wird, aber wenn ich etwas Bestimmtes tue, dann wirst du dich zu irgendeinem Zeitpunkt revanchieren, vielleicht nicht in derselben Art, aber zwischen uns ist eine Verbindung entstanden. Wenn sich daher eine Person in der Kette der Kooperation als Betrüger herausstellt, werden andere Leute da hineingezogen. Für Leute aus dem Westen kann das wie Korruption aussehen, aber manchmal ist das nur eine Art der Kooperation. Es ist eine Fertigkeit, die viele hier im Westen verlernt haben.

Copyright New Internationalist

Horatio Morpurgo ist ein britischer Schriftsteller und schreibt regelmäßig für den New Internationalist.

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