„Jetzt habe ich Freunde“

Kinderarbeit wird in unseren Breiten vielfach rundum abgelehnt. In vielen Gesellschaften werden dazu andere Meinungen vertreten. Und dann gibt es die bittere Not, die Kinder zum Geldverdienen zwingt. Peter Strack hat mit Betroffenen in Lateinamerika gesprochen und schildert, wie sie sich selber helfen, ein besseres Leben zu führen.

Es ist sieben Uhr in der bolivianischen Bergwerksstadt Potosí. Trotz der morgendlichen Sonne liegen die Temperaturen auf fast 4.000 Meter Höhe nur wenig über dem Gefrierpunkt. Etwa 40 Buben drängen sich um den Angestellten der Lokalzeitung "El Potosí", der die Bestellungen der Kinder notiert. Sie rangeln darum, möglichst viele Exemplare verkaufen zu dürfen. Pepito will 50 Stück. Er ist elf Jahre alt und der erfolgreichste "Canillita". Dass die Kinder heute umgerechnet etwa acht Cent pro verkauftem Exemplar bekommen, ist ein Erfolg ihrer Organisation, berichtet der 17-jährige Ariel. Er gehörte damals zu jener Delegation, die eine Lohnerhöhung forderte und deshalb von der Geschäftsführung auf eine schwarze Liste gesetzt wurde. Dann traten die Kinder in einen Streik und erreichten die Verdoppelung des Honorars.
Zeitungsverkauf ist Bubenarbeit, ebenso das Schuhputzen oder das Lastentragen. Mädchen sind vor allem als Verkäuferinnen oder Hausangestellte beschäftigt. Doch auch bei der Plackerei in den Bergwerken finden sich viele.

Potosí war in den vergangenen Jahren ein Schwerpunkt staatlicher wie privater Programme zur Abschaffung der "schlimmsten Formen der Kinderarbeit", zu denen die internationale Arbeitsorganisation (ILO) in der Konvention 182 neben Kinderprostitution und Zwangsarbeit wegen der Gesundheitsgefährdung auch die Arbeit im Bergwerkssektor zählt. Auch die Kinder lehnen solche Ausbeutung ab. Aber etwa Polizisten vor die Eingänge der Bergwerke zu stellen führe nur dazu, dass in den Stollen schuftende Kinder sich tagsüber nicht mehr nach draußen trauten. So blieben sie länger im Berg, kritisiert zum Beispiel Rosmery Portillo, die von der peruanischen Bewegung arbeitender Kinder nach Bolivien geschickt worden ist, um die Kinder in Bolivien bei ihrer Selbstorganisation zu unterstützen. Statt sie zu verfolgen, müssten Kinder vielmehr geschützt werden. Zweifel gibt es auch an der Wirkung der Stipendien, die für einen Schulbesuch angeboten werden. Die seien zu gering angesichts des Geldmangels in den Familien. Und was geschieht nach Auslaufen der Förderprogramme?

Die Projekte gegen Kinderarbeit, sagt terre des hommes-Projektpartnerin Luz Ribera von der Sozialpastoral in Potosí, die die Organisation arbeitender Kinder in Potosí unterstützt, hätten viele aus den Bergwerken zwar in die Schule gebracht, erwerbstätig seien sie aber immer noch - zumeist selbständig im informellen Sektor in der Stadt. Der zwischenzeitliche Mineralienboom hatte zwar die lokale Wirtschaft belebt, aber auch die Lebenshaltungskosten in der Stadt in die Höhe getrieben. Noch immer brauchen viele Kinder einen Verdienst. Sie wollen unter gesünderen Bedingungen, kürzer und besser bezahlt arbeiten und nach Möglichkeit bei der Arbeit auch noch etwas Praktisches lernen. Viele stöhnen unter der Last, aber weil sie so fleißig seien, erklärt Ariel, "sind einige Kinder unserer Organisation sogar Klassenbeste".

Doch dann hält es auch ihn nicht mehr beim Gespräch: Gerade werden die Zeitungspakete angeliefert. Jeder versucht, als erster mit seinem Packen loszuziehen.
Pepito, Ariel, der 14-jährige Richard und der 10-jährige Marco verkaufen am und um den Hauptplatz von Potosí. Ebenso wie Julio, der sieben Geschwister hat und nach einer Stunde bereits die Hälfte der Zeitungen losgeworden ist. Die meisten Kunden tragen Anzüge und hasten - so gut es in dieser Höhe geht - über den Platz. Julio spricht sie mit ihrem Namen an und drückt ihnen eine Zeitung in die Hand. Später wird er in ihren Büros in den umliegenden Straßen vorbeischauen um zu kassieren. Schule ist für diese Kinder am Nachmittag, ebenso wie für den 14-jährigen Lidio, der seit drei Jahren am Hauptplatz für einen Boliviano (umgerechnet 10 €-Cent) Schuhe putzt. Umgerechnet drei Euro verdient er an einem Arbeitstag. Dass er davon nur 50 Cent für Creme abziehen muss und die Schuhe trotzdem glänzen, das liegt am gemeinsamen Einkauf der Stiefelputzer, deren Sprecher Lidio ist. Doch die Gemeinschaft untereinander zählt für Lidio noch viel mehr: "Früher hat mir das Leben nicht gefallen, weil ich einsam war. Jetzt aber habe ich Freunde."

Peter Strack ist Pressereferent bei terre des hommes-Deutschland und war von 1996 bis 2006 Leiter des Regionalbüros Andenstaaten.

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