Jugendbanden schließen Frieden

Seit Jahren wird vergeblich versucht, dem mörderischen Treiben der Jugendbanden in Mittelamerika ein Ende zu setzen. Nunmehr scheint zumindest in El Salvador eine Lösung gefunden zu sein.

Von Ralf Leonhard
Der Militärbischof Fabio Colindres im Gespräch mit Mitgliedern der Mara 18 nach einem Dankgottesdienst für das Abkommen.

Wenn konventionelle Lösungen versagen, bringen manchmal unorthodoxe Ansätze den Durchbruch. Das scheint sich im Kleinstaat El Salvador zu bewahrheiten, wo das Problem der Jugendbanden für unlösbar gehalten wurde. Eine Alternative zur „Politik der harten Hand“ war niemandem eingefallen. Jugendliche, die sich durch Körpertätowierungen als Mitglied einer „Mara“ zu erkennen gaben, wurden von der Polizei routinemäßig angehalten, festgenommen und manchmal gleich umgebracht. Die von den Banden ausgehende Gewalt konnte dadurch nicht vermindert werden.

Jetzt herrscht plötzlich Hoffnung. Am 9. März unterzeichneten die beiden größten Jugendbanden El Salvadors, die Pandilla Salvatrucha und die Mara 18, ein Abkommen, in dem sie darauf verzichten, Gebietsstreitigkeiten blutig auszutragen, und sich verpflichten, keine Sicherheitskräfte und Behördenvertreter mehr zu attackieren. Als einziges sichtbares Zugeständnis des Staates wurden 30 Bandenchefs vom Hochsicherheitsgefängnis in Zacatecoluca in Haftanstalten mit weniger rigorosem Vollzug verlegt. Und die etwa 10.000 inhaftierten Pandilleros haben ein Kommuniqué herausgegeben, in dem sie den Prozess unterstützen, obwohl ihnen weder Amnestie noch Strafnachlass in Aussicht gestellt wurden.

Seither ist die Todesrate durch Gewalteinwirkung von durchschnittlich 14 auf 5,2 Menschen pro Tag gesunken. Vermittler Raúl Mijango damals: „Wir erleben gerade ein Wunder.“

Gemeinsam mit Militärbischof Fabio Colindres hatte Mijango dieses Wunder zustande gebracht. Der ehemalige Guerillakommandant, der mehrere Jahre die FMLN als Abgeordneter im Parlament vertrat, hatte sich die letzten Jahre als Händler von Butangaszylindern in der Privatwirtschaft verdingt. Dabei war er in den städtischen Randbezirken auch mit Bandenmitgliedern in Kontakt gekommen. Und er entdeckte Erstaunliches: „Die Bandenchefs sind sehr gebildet, sie lesen viel. Die meisten sind zweisprachig und kennen die Gesetze.“

Die Banden sind entstanden, als nach den Friedensabkommen in El Salvador (1992) und Guatemala (1996) tausende Jugendliche zentralamerikanischer Herkunft aus den USA abgeschoben wurden. Viele Jugendliche hatten sich dort nach dem Vorbild der einheimischen Banden zusammengeschlossen. Die Bande bot Schutz und ersetzte oft die kaputte Familie. In ihren Heimatländern hatten die entwurzelten Jugendlichen weder Aussicht auf einen Job noch sozialen Anschluss. Den fanden sie wieder nur in der Bande, die durch Schutzgelderpressung und Drogenhandel auch für ein Einkommen der Bandenmitglieder sorgte. Dieses sollte man aber nicht überschätzen, warnt Mijango bei einem Gespräch mit dem Autor dieses Berichts in San Salvador: „Das meiste müssen sie für Anwälte ausgeben oder für die Bestechung von Richtern. Im Grunde bleiben sie arm.“ Und ihre Lebenserwartung war so kurz, dass jeder täglich damit rechnen musste, am Abend nicht mehr nach Hause zurückzukehren.

„Ich habe ein Konzept vorgeschlagen“, so Mijango, „das sich kommunitäre Sicherheit nennt. Die Jugendlichen sollen in den eigenen Bezirken für die Sicherheit sorgen: gegen Geld. Heute sorgen sie für Unsicherheit.“ Am 3. Mai folgte eine weitere spektakuläre Erklärung. Die beiden Banden erklärten sämtliche öffentlichen und privaten Schulen zu Friedenszonen. Das heißt, dass dort keine Drogen angeboten und keine Mitglieder angeworben werden. Auch auf Zwangsrekrutierungen wollen die Banden verzichten.

Inzwischen sind auch die anfangs skeptischen Innenminister der Nachbarstaaten Honduras und Guatemala aufmerksam geworden und haben sich von ihrem Kollegen über die erstaunlichen Erfolge berichten lassen. Ein Indiz, dass auch die Bevölkerung den Prozess mehrheitlich unterstützt, ist eine Umfrage von Mitte Mai. Darin schneidet der Innenminister David Munguía Payés, der die Regelung mitträgt, von allen Kabinettsmitgliedern am besten ab.

Durch das Abkommen wurden seit Anfang März über 500 Leben gerettet. Wenn die Lösung nachhaltig sein soll, muss den Bandenmitgliedern eine Alternative angeboten werden. „Es geht nicht nur um ein kriminelles Phänomen, sondern um dessen soziale und wirtschaftliche Ursachen“, sagt Mijango. Es gehe um Ausgeschlossene, die keine Arbeit finden. „Wenn sie Jobangebote hätten“, gibt sich der Ex-Comandante der Guerilla überzeugt, „würden sie diese annehmen. Eine Politik der harten Hand löst nur mehr Gewalt aus.“

Südwind-Mitarbeiter Ralf Leonhard bereiste kürzlich mehrere mittelamerikanische Länder.

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