Jung, männlich und aus Nigeria

Migranten aus Nigeria haben in Österreich mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Wieso man sich jede Geschichte einzeln ansehen muss, zeigt der Fall von Gabriel.

© Illustration: Thomas Kussin

Gabriel* wartet auf einer Bank in einem kleinen Park unweit des Bahnhofes Wien-Meidling. Von hinten erkennt man ihn an seinen geflochtenen Zöpfen. Von der Bank nebenan sind laute Hip Hop-Beats zu hören, zu denen ein junger Mann reimt. Ein Familienvater, der mit seiner Tochter auf den danebenliegenden Spielplatz geht, beäugt Gabriel, den jungen Nigerianer, sowie den Hobby-Rapper mit kritischen Blicken.

„Ob ich schon einmal für einen Dealer gehalten wurde? Ja, ein paar Mal“, sagt Gabriel. „Das fühlt sich schlecht an. Ich zeige es dann nicht nach außen, aber innen drin schmerzt es.“ Er schaut kurz ernst, kehrt aber gleich wieder in seine unbekümmerte, positive Art zurück, die er schon bei der Begrüßung an den Tag gelegt hat. Gabriels Geschichte erzählt viel über Nigeria, Migration und Österreich. Der Jugendliche kommt aus Jos, einem Schmelztiegel der Bevölkerungsgruppen Nigerias, von dem aus Zinn exportiert wird. Doch die Stadt im östlichen Zentralnigeria ist in den vergangenen 15 Jahren sehr unruhig geworden. Es kam immer wieder zu Ausschreitungen mit hunderten Toten, zwischen AnhängerInnen unterschiedlicher Parteien bzw. ChristInnen und MuslimInnen.

Plötzlich allein. Im Mai 2014 explodierten zwei Bomben in Jos, 118 Menschen starben, Dutzende wurden schwer verletzt. Der Anschlag wird Boko Haram zugeschrieben.

Eine der Bomben ging in der Nähe eines Marktes hoch, in der Gegend wohnte damals Gabriels Familie. Im Chaos, das auf die Explosionen folgte, verlor er seine Familie aus den Augen. „Unser Haus wurde schwer beschädigt. Von der Familie konnte ich niemanden finden.“ Die Eltern, die vier Geschwister – wurden sie verletzt oder gar getötet? Seine Suche endete ergebnislos – und Gabriel landete auf der Straße.

Nach sieben Monaten, in denen er sich bettelnd als Straßenkind durchschlug, wollte er nicht mehr so weiter machen. Ein muslimischer Bäcker gab ihm manchmal Brot, sonst gab es keine Hilfe.

Gabriel kam in Kontakt mit Menschenschmugglern, bei denen er sich verschuldete. Über die nordnigerianische Stadt Kaduna ging es Richtung Sahara, und dann via Libyen und über das Mittelmeer nach Europa.

Im Flüchtlingslager in der Region Piemont, in dem er untergebracht war, wurde der Umgang mit einer Gruppe älterer Asylwerbender immer schwieriger. „Sie schikanierten uns Jüngere, verlangten Dinge. Unter anderem, dass wir für sie mit Drogen handeln.“ BetreuerInnen und Behörden wollten sich mit solchen „internen Angelegenheiten“ unter den Flüchtlingen nicht auseinandersetzen. Gabriel nahm Reißaus. „Ich wollte nur weg, bin zum Bahnhof und in einen Zug gesprungen. So landete ich in Wien.“

Aufgeblüht. Seit Sommer 2015 ist Gabriel in Österreich. Vermittelt über die Diakonie kann er seit bald einem Jahr eine Schule besuchen. Er lernt immer besser Deutsch, singt im Schulchor, ist gut vernetzt. „Ich habe viele Freunde, so viele hatte ich noch nie!“, sagt er und grinst breit. Er träumt davon, eine Elektrotechnik-Ausbildung zu machen. „Ich habe immer schon mit elektrischen Geräten hantiert, das liegt mir.“

Plötzlich tauchte die Familie wieder auf dem Radar auf: In Österreich legte sich Gabriel ein Facebook-Profil zu. Über nigerianische Kontakte fand er Monate später im sozialen Netzwerk seine Eltern, die mittlerweile in einer anderen Stadt leben. Er will trotzdem in Wien bleiben – der Neustart ist geschafft, er sieht Perspektiven, die er in seiner Heimat nie hatte.

Mehrere Faktoren, nicht zuletzt das Auftauchen der Familie, könnten ihm in Zusammenhang mit seinem Wunsch, in Österreich zu leben, zum Verhängnis werden. Die Anerkennungsquote von Asylanträgen von NigerianerInnen ist generell niedrig: 2015 wurde in zwölf Fällen Asyl gewährt, in 637 Fällen gab es eine negative Entscheidung.

Was wäre wenn? Wenn Gabriel daran denkt, dass er vielleicht nicht hierbleiben kann, verschwindet die Sonne aus seinem Gesicht. „Weißt du, ich hab’ ein Lied geschrieben über meine Geschichte.“ Er drückt ein paar Knöpfe auf seinem Handy. Der Pop-Song klingt wie von einem Profi produziert und hat eine eingängige Melodie. „You’ve come so far. Move on!“, singt er darin auf Englisch: Wenn du es schon so weit geschafft hast, mach weiter!

*) Aus Rücksicht auf das laufende Asylverfahren anonymisieren wir den Protagonisten.

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