Kaiserliche und königliche Kolonialisten

Eine Ostafrika-Expedition unter österreichischer Beteiligung erschloss in Absprache mit Großbritannien Gebiete kolonial. Das zeigen Neuauswertungen historischer Dokumente. Simon Loidl berichtet.

Leutnant Ludwig von Höhnel reiste in das Gebiet des heutigen Kenia, um Einheimische zu kolonisieren.

Der österreichische k. & k. Marineoffizier Ludwig von Höhnel organisierte Ende des 19. Jahrhunderts eine Expedition nach Ostafrika mit, die im Namen Großbritanniens Unterwerfungsverträge mit Einheimischen abschließen sollte. Das ist eine neue Erkenntnis, die der Wiener Historiker Franz Kotrba in seinem neuen Buch „k.u.k. in Ostafrika“ präsentiert. Und es ist ein weiterer Beweis dafür, dass Österreicher eine Rolle auch in der afrikanischen Kolonialgeschichte spielten.

Nach wie vor hängen viele WissenschaftlerInnen der traditionellen Betrachtung Österreichs als einer Großmacht ohne koloniale Ambitionen an. Das Buch von Kotrba zeigt, dass HistorikerInnen dieses Verständnis weiter hinterfragen sollten: Kotrba wertete neue Dokumente zu der 1892/93 vom US-Amerikaner William Astor Chanler (1867–1934) und Höhnel (1857-1942) durchgeführten Expedition in ein Gebiet des heutigen Kenia aus. Aus Briefen geht hervor, dass die beiden Expeditionsleiter von der Imperial British East Africa Company damit beauftragt worden waren, mit einzelnen Einheimischengruppen zu vereinbaren, künftig Europäer willkommen zu heißen. Formale Abkommen konnten dabei aber keine geschlossen werden, wie Chanler in einem in dem Buch zitierten Schreiben berichtet.

Kotrba beschreibt die Chanler-Höhnel-Expedition als „Kriegszug“. Die Forscher „verstanden die Aufschließung Afrikas für europäische Interessen durch eine gewaltsame ‚Forschungsreise‘ als Kultur- oder Zivilisationsauftrag“. Dieser wurde mitunter mit Waffengewalt durchgesetzt, wie aus Aufzeichnungen Höhnels hervorgeht. Wenn die Expedition etwa nicht entgegenkommend behandelt wurde, plünderte man schon mal die Essensvorräte ganzer Dörfer und lieferte sich dabei regelrechte Gefechte mit der Bevölkerung.

Die bisher als reine Forschungsexpedition dargestellte Reise mit maßgeblicher österreichischer Beteiligung war also direkt in die koloniale Erschließung eingebunden.

Import-Export. Doch österreichische Aktivitäten in Afrika beschränkten sich nicht auf Forschungsexpeditionen. Im zweiten Teil seines Buches beschreibt Kotrba die Lebensgeschichte von Otto Markus (1878-1955). Der an der „Export-Akademie“ in Wien ausgebildete spätere Vizehonorarkonsul für Österreich-Ungarn in Mombasa baute um 1900 ein Import-Export-Unternehmen in Ostafrika auf. Zucker, Sturmlaternen, aber auch Baumwolle aus der Monarchie wurden nach Afrika eingeführt, Häute und Felle nach Europa verkauft. In Mombasa befand sich der Hauptsitz, bis 1914 entstanden Filialen unter anderem in Kampala, Daressalam, Kigali und Sansibar. Das bis 1914 zur zweitgrößten Handelsfirma der Region gewachsene Unternehmen sieht Kotrba als Beispiel für die österreichischen Bemühungen, „sich in die kolonialen Handelsbeziehungen“ einzuschalten.

„Entdeckungen“. Die Neubewertung von Österreichs Rolle in der Kolonialgeschichte stieß immer wieder auf Kritik. Mittlerweile haben WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen allerdings so viele Indizien zusammengetragen, dass die Rede von einer österreichischen Kolonialgeschichte sinnvoll erscheint. Einer der Pioniere dieses Ansatzes ist der Historiker Walter Sauer. Der an der Universität Wien lehrende Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte kritisiert einen bis heute vorhandenen „entdeckungsgeschichtlichen Diskurs“.

Beispiel Forschungsreisen: Die werden Sauer zufolge bis heute gerne als Unternehmungen beschrieben, die jenseits kolonialer Ambitionen stattfanden. Ein Naheverhältnis österreichischer Forschungsreisender zu kolonialistischen Aktivitäten sei ignoriert oder verschleiert worden. Allmählich verfestigte sich laut dem Historiker so eine Betrachtungsweise, die ÖsterreicherInnen eine von politischen Verwicklungen freie Lust an der Forschung und „Entdeckung“ zuschrieb. Politische Ambitionen oder ökonomische Interessen, die hinter vielen Expeditionen standen, würden ebenso ausgeblendet wie die Zuarbeit von ÖsterreicherInnen für Kolonialmächte. Denn auch „wenn Österreich-Ungarn im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert keine Kolonien“ eroberte, so Sauer im Vorwort zu Kotrbas Buch, Forscher wie Chanler und Höhnel leisteten einen „wesentlichen Beitrag dazu, dass andere Großmächte dies tun konnten“.

Simon Loidl ist freier Journalist und Historiker, er lebt in Wien.

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