Kampf um die letzten Fische

Der Wasserspiegel des Turkana-Sees, des größten Wüstensees der Welt, fällt. Wie in Kenia Kämpfe um Fisch zunehmen, berichtet Bettina Rühl.

Begleitschutz für Fischer: Wegen der Bedrohung durch Bewaffnete fahren kenianische Milizionäre mit aufs Wasser.© Tony Karumba / AFP / picturedesk.com

Silvia Akiru sitzt auf der Bastmatte, die ihr ein Nachbar geschenkt hat, und wartet. Gerade sind einige Fischer mit ihrem Boot ans Ufer zurückgekommen. Jetzt hofft die 42-jährige Kenianerin, dass sie zumindest etwas Fisch in ihren Netzen haben. „Meistens geben sie mir etwas ab“, erzählt Silvia mit leiser Stimme. „Und wenn ihr Fang gut war, schenken sie mir ein paar Fische mehr. Die kann ich dann trocknen und vielleicht verkaufen.“

Silvia sitzt nicht weit vom See entfernt in ihrem Unterschlupf, der kaum eine Hütte zu nennen ist, und behält die Fischer im Blick. Die zarte, kleine Frau lebt mit ihrer zehnjährigen Tochter Akhal in der Siedlung Nayana Esanyanait am Turkana-See im Norden von Kenia. Nayana Esanyanait ist die letzte Siedlung vor der äthiopischen Grenze.

Flucht an den See. Silvia und ihre Tochter sind erst vor gut einem Jahr an den See gekommen, nach der Katastrophe, die ihr altes Leben zerstörte: Ihr Mann und ihre beiden Söhne wurden beim Hüten der eigenen Herde von schwer bewaffneten Angreifern überfallen und getötet, die 150 Ziegen der Familie geraubt. Bis dahin hatte die Familie dank der Herde ein gutes Auskommen gehabt, jetzt hat Silvia nichts mehr. Mit ihrem jüngsten Kind, Tochter Akhal, floh sie an den See, weil sie hoffte, dort immerhin etwas zu essen zu finden.

Früher hätte sich diese Hoffnung erfüllt. Wegen seines Reichtums an Tieren und Pflanzen wurde der Turkana-See schon 1997 zum Weltnaturerbe erklärt. Aber von dem früheren Überfluss ist nichts geblieben. „Wir fangen kaum noch etwas“, sagt Collin Pili niedergeschlagen, einer der Fischer des Ortes.

Pili macht dafür einen Staudamm im Nachbarland Äthiopien verantwortlich, der den Omo staut. Aus diesem Fluss, der hier als einziger ganzjährig Wasser führt, speist sich der Turkana-See zu 90 Prozent. „Ich habe gehört, dass der Damm die Nährstoffe zurückhält und die Fische nicht mehr genug zu fressen finden“, erzählt Pili.

Millionen Menschen betroffen. Dass die Fangmenge im Turkana-See zurückgeht, bestätigt Lomodei Evans, der in der Fischereibehörde des Landkreises Turkana arbeitet. Auch er sieht den Staudamm als Ursache, neben einer Reihe schwerer Dürren. „Der Wasserspiegel des Sees ist deutlich gefallen“, berichtet Evans, der selbst am Turkana-See aufgewachsen ist. „Die Folgen sind dramatisch, denn die Fische können sich nicht mehr so vermehren wie früher.“

Viele ehemalige Brutstätten liegen nicht mehr im Wasser. Weil der Pegel fällt, nimmt außerdem der Salzgehalt weiter zu. Ohnehin ist der Turkana-See einer der salzigsten Seen Afrikas. Nun droht er völlig zu versalzen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch legte Anfang 2017 einen Bericht mit Daten zu den Wasserständen des Turkana-Sees vor. Im Ferguson-Golf, einer der am meisten für den Fischfang genutzten Regionen, sei der See seit November 2014 um 1,7 Kilometer zurückgegangen. Fällt der Wasserspiegel weiter, sieht Human Rights Watch die Ernährung von einer halben Million Menschen am Omo-Fluss und am Turkana-See bedroht.

Äthiopien beschwichtigt. Die äthiopische Regierung wischt Warnungen vor dem Austrocknen des größten Wüstensees der Welt regelmäßig vom Tisch. „Wir achten auf den vernünftigen und gerechten Gebrauch von Ressourcen“, sagt Alemayehu Tegenu, der äthiopische Minister für Wasser, Bewässerung und Energie. „Was wir tun, ist richtig: dass wir das Potenzial unseres Wassers nutzen. Wasser ist der Schlüssel für jede Entwicklung.“

Am Omo-Fluss sollen außer dem Staudamm auf insgesamt 170.000 Hektar Zuckerrohr- und Baumwollplantagen entstehen. Einer Studie der Universität Oxford zufolge will die äthiopische Regierung im Jahr 2024 über 30 Prozent des Wassers, das der Omo mit sich führt, entnehmen und nutzen. Laut der britischen Studie würde der Wasserspiegel des Turkana-Sees dadurch dauerhaft um mindestens 13 Meter sinken, gemessen am Stand von 2012 – bei einer mittleren Wassertiefe von 30 Metern.

Das Wasser weicht. Wo die Menschen von Nayana Esanyanait wohnen, haben sie vor zwei oder drei Jahren noch gefischt: Früher lag die Siedlung ein paar hundert Meter weiter westlich, aber dann wich das Wasser zurück, und die Fischer folgten. Selina Akiru sitzt am Ufer im Sand und nimmt Fische aus. Sechs Tage lang sei ihr Mann auf dem See gewesen, etwa 20 Fische habe er gefangen. Noch vor wenigen Jahren hätten die Männer nach sechs Tagen meist 50 Fische gehabt, sagt Selina. Mehr als die Hälfte der Fische will sie trocknen, den Rest kocht sie für ihre sechs Kinder. Sie selbst verzichte immer, wenn es nicht für alle reicht, sagt die Mutter. Noch sind ihre Kinder klein. Die Grundschule ist in Kenia kostenlos – danach werden die Kinder kaum weiter lernen können, Schulgeld können sich Akiru und ihr Mann nicht leisten.

Bewaffnete Konflikte. Bedrückend sei aber vor allem die ständige Gefahr, sagt Fischer Pili. Im Kampf um den knapper werdenden Fisch würden sie jetzt immer häufiger von schwer bewaffneten Äthiopiern attackiert. „Sie wollen uns vertreiben, damit sie ohne Konkurrenz fischen können.“ Allein im vergangenen Jahr sei er selbst vier Mal beim Fischen unter Beschuss geraten.

Deshalb versuchen die BewohnerInnen von Nayana Esanyanait inzwischen, möglichst immer mit bewaffnetem Begleitschutz zum Fischen zu fahren, wenn sie nicht in Ufernähe bleiben. Patrik Kolé Akai, einer der Milizionäre des Ortes, hockt vor seiner Hütte im Sand. Der 51-Jährige gehört seit dem Jahr 2000 zur „National Police Reserve“, einer Art Selbstverteidigungsmiliz, die ihre Waffen und Munition aber vom kenianischen Staat bekommt.

„Fast alle hier haben durch die Konflikte schon Verwandte verloren: Brüder, Schwestern, Mütter oder Väter“, berichtet Patrik. Die Menschen würden beim Fischen, aber auch beim Hüten ihrer Herden attackiert – so wie Silvia Akirus Familie. „Es wird von Tag zu Tag schlimmer“, sagt der Milizionär. Trotzdem gibt er sich furchtlos. „Das ist mein Land, mein Volk. Meine Regierung hat mir diese Menschen anvertraut, damit ich sie verteidige. Wer wird sie schützen, wenn ich Angst habe und davonlaufe? Ich trage große Verantwortung und fürchte den Tod nicht.“

Bettina Rühl ist freiberufliche Journalistin für Printmedien und Radio. Sie lebt in Nairobi, Kenia.

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