Kann Gold „fair“ sein?

Trotz Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen setzt die Goldbranche auf althergebrachte Imagepolitur, um ihre Pfründe zu sichern, berichtet NI-Autorin Stephanie Boyd.

Umweltsünden und Menschenrechtsverletzungen: Alltag in einer Tagbaumine im Nordosten von Kongo.

Dem modernen Goldbergbau scheint eine gewisse mythologische Zauberkraft anzuhaften: Wie von König Midas berührt, verwandeln sich selbst Lagerstätten mit geringstem Erzgehalt in enormen Reichtum. Die Konsequenzen sind jedoch verheerend: mehr als 900 Bauern und Bäuerinnen in den Bergen Perus mit Quecksilber vergiftet; tausende Angehörige des Akim-Volkes in Ghana aus ihrer Heimat in einem Waldschutzgebiet vertrieben; ein Fischerdorf in Indonesien verseucht durch Arsen und Quecksilber; die Westlichen Shoshone in Nevada um ihre vertraglichen Rechte und ihr angestammtes Land gebracht …

Das sind nur einige wenige der Vorwürfe gegen eines der führenden Unternehmen im weltweiten Goldbergbau, die Newmont Mining Corporation. Was Newmont nicht daran hindert, sich als gesellschaftlich verantwortlicher Goldproduzent zu vermarkten. Das Umweltmanagementsystem des Unternehmens ist nach ISO (Internationale Organisation für Normung) zertifiziert, und irgendwie schaffte es der Konzern sieben Jahre in Folge in den Dow Jones Sustainability Index der Branche (Nachhaltigkeitsindex erstellt in Kooperation mit dem Schweizer Investmenthaus RobecoSAM, Anm. d. Red.).

Newmont ist auch Mitglied verschiedener Organisationen und Initiativen mit beeindruckenden Namen, darunter der United Nations Global Compact, die Freiwilligen Grundsätze zur Wahrung der Sicherheit und der Menschenrechte und „Partnering Against Corruption“, eine Initiative des Weltwirtschaftsforums. Klingt beruhigend, bis man das Kleingedruckte liest: Die Mitgliedschaft beruht auf Freiwilligkeit, und ob die jeweiligen Kriterien auch eingehalten werden, überprüfen die Unternehmen selbst – oder Prüfungsfirmen, die von ihnen bezahlt werden. Und selbst wenn unabhängige Audits Menschenrechtsverletzungen feststellen, werden Unternehmen wie Newmont nicht mit einem Ausschluss bestraft.

Es wäre allerdings nicht fair, bloß auf Newmont herumzuhacken. Praktisch alle größeren Akteure im Goldbergbau wurden bereits beschuldigt, für Menschenrechtsverletzungen und Umweltsünden verantwortlich zu sein; und alle haben sich vergnügt in die reinigende Lauge der neuen Image-Waschmaschine namens Corporate Responsibility geworfen – ein nahezu perfekter Widerspruch in sich.

Spur der Zerstörung. Die meisten Goldminen, so Robert Moran, ein Wissenschaftler, der sich mehr als vier Jahrzehnte mit dem Wassermanagement in der Bergwerksbranche befasst hat, sind von den Unternehmen kontrollierte Herrschafts-Enklaven. VertreterInnen von Behörden brauchen eine Genehmigung, wenn sie einen Standort inspizieren wollen, und alle technischen Daten und Informationen stammen von den Unternehmen selbst, von der Art der verwendeten Chemikalien bis zur Zusammensetzung des Abraums und anderer Abfallstoffe. „Was den Umgang mit Wasserressourcen betrifft“, sagt Moran, „ist mir noch nie ein langfristig nachhaltiges Bergwerk untergekommen.“

Aber die Öffentlichkeit hat dazu gelernt, und der wachsende Widerstand gegen neue Bergwerke rund um die Welt hat die Branche beunruhigt. Sogar an der Wall Street ist man besorgt: Soziale Konflikte sorgen für fallende Aktienkurse. Vor zwei Jahren etwa wurde das Newmont-Projekt Minas Conga, das mehrere Seen in den peruanischen Bergen zerstört hätte, aufgrund des lokalen Widerstands vorläufig eingestellt. Newmont versucht bis heute, nervöse AnlegerInnen davon zu überzeugen, dass es mit dem Projekt vorwärts geht, obwohl hunderte BäuerInnen an den Seeufern kampieren und entschlossen sind, sich den Maschinen des Unternehmens in den Weg zu stellen.

Der Konflikt hat zwar für Schlagzeilen in der Wirtschaftspresse gesorgt. Doch selbst Investmentfirmen wie etwa Christian Brothers (gegründet von Mitgliedern des katholischen Ordens der Schulbrüder, Anm. d. Red.), die eine sozial verantwortliche Veranlagung versprechen, haben weiterhin Newmont-Aktien in ihren Portfolios.

Ihr Nahverhältnis zur Goldbergwerksbranche verteidigen „ethisch orientierte“ Investmentfirmen mit ihrem Aktivismus: Sie würden die Unternehmen „herausfordern“, böse Briefe schrei-ben und Beschlüsse auf Aktionärsversammlungen beantragen. Aber wie effektiv kann das alles sein, wenn sie es bisher nicht geschafft haben, am tatsächlichen Vorgehen der Unternehmen vor Ort irgendetwas zu ändern? Stellen sie den Unternehmen bloß ein Leumundszeugnis aus, das sie nicht verdienen?

Viele AnlegerInnen fragen sich daher, ob es so etwas wie sozial- und umweltverantwortlich gefördertes Gold überhaupt gibt: Wird hier bloß ein weiteres kapitalistisches Märchen erzählt?

Goldenes Erbe aus den 1970er Jahren: mit Cyanid verseuchter See nahe Rosia Montană in Rumänien 2014.

Zertifiziert sauber? Vor zehn Jahren beschloss eine NGO-Koalition unter Führung von Earthworks und Oxfam, das Problem anzugehen, und startete die Kampagne „No dirty gold“. Mehr als 100 Juwelierketten, darunter acht der zehn größten Schmuckeinzelhändler in den USA, verpflichteten sich auf die so genannten „Golden Rules“, die ihnen auferlegen, kein Gold von Unternehmen zu beziehen, denen Menschenrechtsverletzungen oder Umweltsünden vorgeworfen werden. Nur: Wie stellen diese Firmen eigentlich sicher, dass sie „sauberes“ Gold kaufen?

Nun, dem Ingenieur ist nichts zu schwör: Sie gründeten 2005 eine eigene Zertifizierungsorganisation, den Responsible Jewellery Council (RJC). Dem RJC haben sich mittlerweile 450 Firmen angeschlossen, darunter Bergwerksunternehmen, Edelmetallraffinierien und Juwelierketten. Tatsächlich aber hängt der RJC die Latte ziemlich niedrig, so die Bilanz von Umweltorganisationen und Gewerkschaften in einem Bericht von 2013 („More Shine than Substance“*), insbesondere im Hinblick auf die Umwelt und ArbeiterInnenrechte, und er leidet an mangelnder Transparenz.

Schon die Mitgliederliste des RJC liest sich wie ein „Who’s who“ der Unternehmen, denen Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. Darunter befindet sich etwa der Bergwerksgigant Rio Tinto, der eine alles andere als unbeschädigte Reputation genießt. Als dem Unternehmen gestattet wurde, im Rahmen eines Sponsorvertrags das Metall für die Medaillen bei den Olympischen Sommerspielen von 2012 zu liefern, legten Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen Protest ein. Ein weiteres Mitglied ist Argor-Heraeus SA. Gegen das Unternehmen wird in der Schweiz ermittelt, weil es Gold von einer illegalen bewaffneten Gruppe in der DR Kongo angekauft haben soll. Die Gewinne aus dem Verkauf von „Konfliktgold“ in der DR Kongo helfen mit, einen blutigen Bürgerkrieg zu finanzieren, der seit den 1990er Jahren knapp sechs Millionen Todesopfer gefordert hat.

Kleinstbergbau. Großen Zertifizierungsorganisationen wie dem RJC fällt es oft schwer, das Gold vom Abbauort bis zu den EndabnehmerInnen zu verfolgen. Kleinere Initiativen waren dabei erfolgreicher, etwa Fairtrade Gold (von Fairtrade International) und Fairmined Gold von der Allianz für einen verantwortlichen Bergbau (Alliance for Responsible Mining, ARM). Diese Initiativen arbeiten direkt mit Gemeinschaften in Lateinamerika und Afrika zusammen, die Gold in Kleinstbergbau gewinnen, womit die Rückverfolgbarkeit gewährleistet ist.

Nach Angaben von Fairtrade International leben weltweit rund 100 Millionen Menschen von Klein- und Kleinstbergbau. Zwar stammen nur zehn Prozent der jährlichen Goldförderung von KleinschürferInnen, sie repräsentieren aber 90 Prozent der Beschäftigten im Goldbergbau. Ihr Beitrag zum Lebensunterhalt ihrer Familien ist oft lebenswichtig. „Die Schürfer kämpfen gegen die Armut“, sagt Manuel Reinoso, Vizepräsident der ARM. „Das ist nicht wie im industriellen Bergbau, wo die ArbeiterInnen ausgebeutet werden, 90 Prozent der Gewinne ins Ausland verschwinden und nichts übrig bleibt.“

Reinoso kennt das harte Leben der KleinschürferInnen aus eigener Erfahrung; seine muskulösen Arme und seinen durchtrainierten Körper verdankt er mehr als 20 Jahren Arbeit im Bergbau. Er räumt ein, dass es noch immer Probleme mit der Umweltzertifizierung gibt – nicht alles Gold von ARM und Fairtrade wurde ohne Quecksilber und Cyanid gewonnen. Man arbeite daran, diese Chemikalien nicht mehr zu verwenden, so Reinoso; das werde aber Zeit und Geld kosten.

ARM betreibt zwei Pilotprojekte in Afrika, die auf chemikalienfreie gravimetrische Verfahren zur Goldgewinnung setzen. Fairtrade hat ein eigenes Gütesiegel für Gold eingeführt, das ohne Chemikalien gewonnen wurde: „Ecological Gold“. Doch selbst ohne Quecksilber und Cyanid sind die Auswirkungen des Bergbaus auf die Umwelt erheblich, insbesondere in ökologisch sensiblen Gebieten wie in Regenwäldern und Wassereinzugsgebieten. Das bedeutet auch, dass Initiativen wie Fairtrade Gold und Fairmined Gold klein bleiben müssen; wenn sie zu wachsen versuchen, werden sie nicht mehr nachhaltig sein.

Nur neun Prozent unseres Goldverbrauchs entfallen auf die Industrie (vor allem Elektronikprodukte) und die Zahnmedizin, der Rest wird als Schmuck oder Wertanlage verwendet. Nach Angaben des World Gold Council stammt bereits mehr als ein Drittel des Goldangebots aus der Wiederverwertung. Wir könnten also den Bedarf der Industrie und Medizin ohne jede Goldförderung decken.

Copyright New Internationalist

Stephanie Boyd lebt als Autorin und Filmemacherin in Peru und schreibt regelmäßig für den New Internationalist. Sie arbeitet derzeit an einem Buch über die Auswirkungen des Goldbergbaus auf die Umwelt und lokale Gemeinschaften („The Price of Gold“).

* Download: www.earthworksaction.org/library/detail/more_shine_than_substance

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