Karoshi auf amerikanisch

Von Matthew Reiss ·

Karoshi, sich zu Tode arbeiten, galt früher als spezifisch japanisch. Aber US-AmerikanerInnen ist das Phänomen nicht fremd, berichtet Matthew Reiss.

Der magere, etwa 40-jährige Mann, graumeliert und mit blassem Teint, blickt von seinem Notebook auf. „Hi, ich bin Emerson“, sagt er, „und ich bin arbeitssüchtig“. „Hi, Emerson“, antworten die übrigen Anwesenden – TeilnehmerInnen an einem abendlichen Treffen der „Workaholics Anonymous“ in einem Untergeschoss einer Kirche in Manhattans Upper West Side. Emerson ist Dozent an einer großen Universität bei New York. Abgesehen von der Erfüllung seiner Lehrverpflichtungen erarbeitete er im letzten Semester zwei neue Vorlesungsreihen, reichte ein Manuskript im Umfang eines Buches zur Publikation ein und war als Geschäftsführer einer kleinen Nonprofit-Firma tätig. „In meinen Augen bin ich ein Faulpelz“, erklärt er. Selbst die Teilnahme an diesem Treffen verursachte ihm schwerste innere Konflikte. Es ging ihm nicht aus dem Kopf, dass er eigentlich nach Hause gehen und seine Telefonanrufliste aktualisieren sollte. „Ich stehe wie unter einem Zwang. Es ist ein Wahnsinn.“
Emerson ist kein Einzelfall. Sein Zustand ist ein Produkt der Gesellschaft, in der er lebt. Die Arbeitswut der US-AmerikanerInnen hat epidemische Ausmaße erreicht, konstatiert Dr. Bryan E. Robinson, Familientherapeut und Autor des 1998 erschienenen Buchs „Chained to the Desk“ (New York University Press) (Deutsch: Wenn der Job zur Droge wird. Walter Vlg., Düsseldorf 2000). Für ihn ist „Workaholism“ eine Krankheit, die Menschen tötet und Familien zerstört. Arbeitswütige Menschen lassen sich oft in New York nieder, der „Stadt, die niemals schläft“. In New York ist Zeit Geld, und da der Wert einer Person nach ihrer Fähigkeit bemessen wird, Geld zu verdienen, ist es nicht nur eine gute Idee, sich zu überarbeiten, sondern es entspricht dem Gesetz von Angebot und Nachfrage.

In Hollywood, wo es vor allem auf das Aussehen ankommt, kann sich das selbe Problem als Magersucht manifestieren, meint der Psychiater Jay B. Rohrlich. Aber in New York, wo es zur Norm gehört, sich für den Erfolg in Arbeit zu stürzen, klinken die Menschen aus. Obwohl sie 14 Jahre lang 80 bis 100 Stunden pro Woche für eine Maklerfirma an der Wall Street gearbeitet hatte, wollte Jennifer, eine elegante Frau im Chanel-Kostüm mit einem geschmackvollen Goldarmband, bis vor zwei Jahren nicht zugeben, dass sie an einer „Krankheit“ litt. „Ich fühlte mich wie in goldenen Handschellen“, sagt sie. „Ich hätte nichts anderes tun können, um derart viel Geld zu verdienen. Und so machte ich weiter, bis ich 35 war, ohne Leben, ohne Persönlichkeit und mit einem Haufen Geld.“ Ein Blick auf das Outfit Jennifers genügt, um Robinson zu glauben: Er meint, Workaholism sei „das bestgekleidete Problem des 20. Jahrhunderts“.
Eine aktuelle Studie des Versicherungsunternehmens Oxford Health Plans ergab, dass eine/r von fünf US-AmerikanerInnen auch dann arbeiten geht, wenn er/sie krank ist, sich eine Verletzung zugezogen hat oder dadurch einen Arzttermin versäumt. Ebenfalls 20 Prozent nehmen ihren Urlaub nicht in Anspruch – ein Versäumnis, dass den Betreffenden nachweislich das Risiko eines vorzeitigen Todes einträgt. Zu den Ursachen dieser „Urlaubsphobie“ gehört die Angst, bei der Rückkehr jemand anderen an seinem Schreibtisch vorzufinden, oder die Vorstellung, alles würde während seiner/ihrer Abwesenheit zusammenbrechen.

Eine von den Workaholics Anonymous veröffentlichte Liste von Alarmsignalen umfasst unter anderem: mehr als 40 Stunden Arbeit pro Woche; die Arbeit ins Bett, ins Wochenende oder in den Urlaub mitnehmen; mehr über Arbeit als über alles andere reden; der Glaube, es sei in Ordnung, lange zu arbeiten, wenn man/frau seine Arbeit liebt; beim Autofahren, Einschlafen oder im Gespräch mit anderen ans Arbeiten denken.
Für New YorkerInnen sind das natürlich bloß die Gewohnheiten erfolgreicher Menschen. Zum „Labour Day“ (Tag der Arbeit) am 3. September veröffentlichte die Internationale Arbeitsorganisation ILO Daten, wonach die US-AmerikanerInnen bereits Mitte der 90er Jahre die JapanerInnen als arbeitsamste Bevölkerung der Welt hinter sich gelassen haben: Mit zuletzt 1.979 Stunden im Jahr wurde in den USA im Schnitt rund dreieinhalb Wochen mehr als in Japan, sechseinhalb Wochen mehr als in Großbritannien und etwa zwölfeinhalb Wochen länger als in Deutschland gearbeitet.
Unternehmen kompensieren den chronischen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften oft, indem sie Überstunden einfordern. Ein höheres Gehalt mag zwar helfen, chronische Überarbeitung auszuhalten, zu hoher Arbeitsstress kann aber zu irreparablen Herzschäden führen. Wird in Japan ein Manager am Morgen tot über seine Tastatur gebeugt aufgefunden, kann eine Untersuchung verlangt werden, ob „Karoshi“ die Todesursache war. In New York dagegen würde ein Coroner (Leichenbeschauer) einfach Herzversagen feststellen. Herzerkrankungen sind komplexe Phänomene, die mit Ernährung, Aktivitätsniveau, Rauchen, Trinken und Stress zusammenhängen – und sie treten in den USA in epidemischem Ausmaß auf. Aber Coroners und RichterInnen weigern sich trotz etablierter Fallgeschichten, übermäßigen Stress in der Arbeit als Todesursache anzuerkennen.

Der japanische Wirtschaftsboom in den 80er Jahren war von einer explosionsartigen Zunahme von Karoshi-Fällen begleitet. Seit der damaligen gesetzlichen Anerkennung der Diagnose Karoshi wurde diese Todesursache in 30.000 Fällen festgestellt. Diese große Zahl veranlasste Tokio dazu, ein landesweites Pensionssystem für Hinterbliebene von Karoshi-Opfern einzurichten. Washington hat bisher nichts dergleichen getan.
US-Gerichte sehen keinen Grund, Schadenersatzansprüche überarbeiteter BürgerInnen anzuerkennen. Da praktisch alle bis zur Erschöpfung überarbeitet sind, scheint das geltende Recht Entschädigung für einzelne Betroffene auszuschließen. Damit wird die protestantische Arbeitsethik in den USA zu einer puritanischen Plage und bestätigt die Auffassung des Anthropologen Marshall Sahlin: Die Marktgesellschaft habe die Menschen dazu verurteilt, „im Schweiße ihres Angesichts“ zu leben.

copyright New Internationalist

Matthew Reiss (nyreport@aol.com) ist Journalist und lebt in New York City.

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