Kaste & Gesellschaftsschicht

Wie Privilegien und Ungleichheit über Generationen wirksam bleiben.

Das Kastensystem wird auch als „Asiens versteckte Apartheid“ bezeichnet. Betroffen sind rund 240 Millionen Menschen, die oft eine prekäre Existenz am Rande der Gesellschaft führen, weil sie wie etwa in Indien als „Unberührbare“ oder Dalit gelten. Zwar ist die Kastendiskriminierung in Indien verboten, was sich dort aber in der Praxis nicht wesentlich auswirkt. Jedes Jahr werden in Indien 100.000 Verbrechen gegen Dalit wie Morde, Vergewaltigungen, Brandstiftung und andere Gewalttätigkeiten registriert, der Großteil davon in Reaktion auf ihre Versuche, die gesellschaftliche Ordnung in Frage zu stellen oder Mindestlöhne oder grundlegende Menschenrechte einzufordern.
Schätzungsweise 40 Millionen Menschen, darunter 15 Millionen Kinder, leben in Schuldknechtschaft und arbeiten unter sklavenähnlichen Bedingungen, um ihre Schulden zurückzuzahlen. Die meisten sind Dalit. Eine Million Dalit müssen sich ihren Lebensunterhalt mit dem Säubern von Latrinen oder der Beseitigung von Tierkadavern verdienen. Tausende Dalit-Frauen und Mädchen werden zur Prostitution gezwungen.

Im Dezember 1999 überreichte die National Campaign for Dalit Human Rights, eine Dachorganisation indischer Menschenrechtsbewegungen in 14 Teilstaaten, dem indischen Premierminister eine von 2,5 Millionen Menschen unterzeichnete Petition. Darin wurde die Abschaffung der „Unberührbarkeit“ gefordert und die Gremien der UNO dringend ersucht, sich direkt mit Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierung aufgrund der Kastenzugehörigkeit zu befassen. Derartige Versuche, auf das Problem der Kastendiskriminierung aufmerksam zu machen, werden jedoch von der indischen Regierung beständig hintertrieben.
Trotzdem haben weltweit Organisationen wie etwa von Apartheid-GegnerInnen in Südafrika und afroamerikanische Gruppen in den USA begonnen, den Kampf der Dalit als eine neue Form der BürgerInnenrechtsbewegung zu unterstützen.

Die soziale Schichtung einer Gesellschaft führt zu weniger schreienden Ungerechtigkeiten, dafür sind sie aber weiter verbreitet und mindestens ebenso folgenreich, und sie werden durch ein komplexes Gefüge gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller Normen aufrechterhalten. Anders als bei einer Kaste ist die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht nicht unveränderlich. Das traditionelle Erbschaftsrecht übt jedoch nach wie vor großen Einfluss aus. In Großbritannien etwa befinden sich zwei Drittel des Landes im Besitz von nur 189.000 Familien. Reichtum sorgt dafür, dass Privilegien über Generationen fortwirken. Eine aktuelle Untersuchung des British Institute of Education ergab, dass Kinder aus ArbeiterInnenfamilien heute um keinen Deut mehr Chancen haben, einen Schulabschluss zu erwerben als vor 20 Jahren. 48 Prozent der Kinder aus den drei obersten sozialen Schichten - wovon viele auch Privatunterricht erhalten dürften - gehen schließlich auf die Universität, während es bei den drei untersten sozialen Schichten nur 18 Prozent sind. Selbst im öffentlichen Gesundheitswesen des Landes haben Wohlhabende aus der Mittelschicht eine um 40 Prozent höhere Chance auf eine Bypass-Operation als PatientInnen aus unteren Schichten.

Die Schichtzugehörigkeit manifestiert sich auch in der Art der Berufstätigkeit. Die Armee der USA etwa besteht überwiegend aus Angehörigen der Arbeiterschicht, und diese stellen bisher auch die meisten Opfer des Irak-Kriegs. In Russland, wo früher offiziell die „Herrschaft der Arbeiterklasse“ gefeiert wurde, werden ArbeiterInnen von PolitikerInnen heute abfällig als „rückwärtsgewandt“, „unverantwortlich“, „parasitär“, als „Schnorrer“ oder „unnütz“ bezeichnet. Es ist schwierig, sich zu diesem Zeitpunkt des 21. Jahrhunderts eine lebensfähige Bewegung vorzustellen, die für Gleichheit im Sinne einer Abschaffung der sozialen Schichten kämpft.

copyright New Internationalist


Quellen: Human Rights Watch 2003;
Kevin Cahill, Who Owns Britain, Canongate 2002; „Research Shows Class Still Rules“, Times Educational Supplement (21. 4. 2000);
„Row over student class gap“, The Guardian (4.3.2003); „Rich Patients get better health care“, The Guardian (7.11.2003); „Military Mirrors Working Class America“, New York Times (30.3.2003);
„Russia in Transition“, Le Monde Diplomatique.

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