Kein Wachstum ist auch eine Lösung

Haben wir ein Ende des Wirtschaftswachstums erreicht und bringen die Coronakrisen einen notwendigen Neustart? Über Alternativen, Maßnahmen und Post-Corona-Utopien.

Von Marina Wetzlmaier

© Illustration: Thomas Kussin

Ein Gedankenspiel: Einige Jahre sind seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie vergangen. Rückblickend betrachtet war sie ein punktuelles Ereignis, aber entscheidend für das, was danach kam: Rekordarbeitslosigkeit und Zukunftsängste prägten die Menschen damals. Überfordert trat die Bundesregierung zurück.

Inmitten dieser Turbulenzen bot sich der Anlass für einen grundlegenden Kurswechsel. Eine Allianz aus NGOs, Klimaaktivist*innen, Gewerkschaften und engagierten Bürger*innen erreichte bei Neuwahlen die absolute Mehrheit. Ihre Selbstbezeichnung: „Koalition der Zukunftsträchtigen“.

Als erste Maßnahme zur Überwindung der Krise verpflichtete sie die Reichsten der Gesellschaft zu einer einmaligen Abgabe. Das nannten sie: Corona-Lastenausgleich, wie einst von der NGO Attac vorgeschlagen.

Mit diesem Geld konnte in eine sozial und ökologisch verträgliche Umgestaltung der Wirtschaft investiert werden. Das Gemeinwohl der Menschen trat in den Vordergrund. Arbeitszeiten wurden, bei gleichem Lohn, stark reduziert.

Der öffentliche Verkehr wurde ausgebaut. Landwirtschaftliche Produkte sowie Energie werden seither vorwiegend regional und nachhaltig produziert.

Eine Utopie in weiter Zukunft – zusammengesetzt aus Vorschlägen jener Expert*innen, die sich gegenwärtig fragen: Wie kann es nach der Pandemie weitergehen? Und wie können wir die soziale Ungleichheit, die Klimakrise und unser zerstörerisches Wirtschaftssystem überwinden? Immer mehr Menschen wird bewusst, dass es kein Zurück in die alte Normalität geben kann, sondern einen Wandel braucht. Denn: Das derzeitige Wachstums- und Profitstreben verbraucht immer mehr Energie und Ressourcen und verursacht damit weitere Umweltzerstörungen.

Frage der Verteilung. „Wirtschaftswachstum war jahrzehntelang ein Erfolgsmodell“, sagt Heinz Högelsberger, Mitarbeiter in der Abteilung Umwelt und Verkehr der Arbeiterkammer Wien. Im Zeitraum von den 1920er bis zu den 1970er Jahren führte mehr Produktivität zu hohen Wachstumsraten, die steigende Löhne mit sich brachten und tatsächlich Wohlstand für immer mehr Menschen ermöglichten.

Die Grenzen scheinen jedoch erreicht: „In den vergangen 20, 30 Jahren wächst zwar die Wirtschaft weiter, aber bei denen, die das Wachstum erarbeiten, kommt dieses nicht an.“

Als Messzahl für die Entwicklung von Wirtschaften gilt nach wie vor das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Es beinhaltet, grob gesagt, die Summe aller Markttransaktionen innerhalb eines Nationalstaates. Aus dem BIP ergibt sich durch eine einfache Rechnung der derzeit bestimmende Maßstab für Wohlstand: das BIP pro Kopf.

Das heißt, dass das Wachstum statistisch gleichmäßig auf alle Einwohner*innen aufgeteilt wird. Soziale Ungleichheiten in der Bevölkerung bleiben dadurch unsichtbar. Und Wachstum bedeutet nicht automatisch Wohlstand für alle.

Das BIP ermöglicht es, die wirtschaftliche Performance von Nationalstaaten miteinander zu vergleichen und damit den Wettbewerb anzutreiben. Es wurde zum allgemeinen Indikator für das Prestige von Ländern, schreiben Matthias Schmelzer und Andrea Vetter in ihrem Buch „Degrowth/Postwachstum“ (Junius Verlag, 2019).

Viele Bereiche der Gesellschaft sind auf dieser Idee aufgebaut, u.a. das Sozialsystem. Hier genauso die Logik: Durch ein steigendes BIP werden mehr Einnahmen generiert, die man auf die Bevölkerung verteilen kann. In dieser Abhängigkeit von Wachstum fällt es schwer, abseits davon zu denken.

Es scheint, als wäre derzeit auf verschiedenen Seiten die Angst vor Verteilungskämpfen sehr groß, als Folge wird am Prinzip Wachstum nicht gerüttelt. Auch Interessenvertretungen wie die Gewerkschaften setzen auf Wachstum: „Ein wachsender Kuchen ist leichter zu verteilen“, erklärt Högelsberger.

Größer, schneller, weiter. Dass die Pandemie zu einem völligen Umdenken in Sachen Wachstum führt, bezweifelt Wirtschaftsforscherin und Regionalökonomin Anna Kleissner.

Sie sieht zwei parallele Trends, die weiterhin bestehen werden: Zum einen die Rückkehr zu Regionalität, vor allem beim Konsum. Gleichzeitig setzt sich das globale Streben nach dem Motto „größer, schneller und weiter“ fort. Hinweise dafür liefert ein Blick auf die internationale Ebene: „Die Exporte springen jetzt schon wieder an“, so Kleissner. „Wir haben auf den internationalen Gütermärkten eine Aktivität auf Vor-Krisen-Niveau.“

In China, wo die Pandemie ihren Ursprung nahm, folgte nach einem Wirtschaftseinbruch im ersten Halbjahr 2020 wieder ein Wachstum.

In Bezug auf Österreich schätzt Kleissner: „Laut Berechnungen werden die Wachstumsraten so hoch ausfallen, dass wir bis Ende 2022 wieder auf dem Niveau von Anfang 2020 zurück sind.“

Mit einer höheren Impfrate in der Bevölkerung komme eine gewisse Sicherheit und mit der Sicherheit springe die Wirtschaft wieder an. Davon gehen auch große Forschungsinstitute wie das Institut für Höhere Studien (IHS) aus.

Auf globaler Ebene prognostiziert der Internationale Wirtschaftsfonds (IWF) einen Aufschwung von 5,5 Prozent in diesem Jahr.

Die derzeitige Verflechtung Österreichs in einen internationalen Wettbewerb mache es unmöglich, sich als Nation dem Wachstumsparadigma zu entziehen, so Kleissner. Außerdem hätten einige Regionen sehr wohl Wachstum nötig. Kleissner verweist etwa auf Länder in Ost- und Südeuropa: „Da wird es schwierig zu erklären, dass Gewinne sekundär sind.“

Deshalb fordern Globalisierungskritiker*innen eine Änderung des Systems: „Wir dürfen nicht auf einem Wachstumspfad sein, der dazu führt, dass wir die Erde und damit unsere Lebensgrundlage ruinieren“, warnt etwa Kai Lingnau von der globalisierungskritischen NGO Attac.

Das Streben nach mehr Profit und Ressourcen müsse eingedämmt werden und ein gutes Leben für alle das Ziel sein. Das gelinge vor allem durch Umverteilung von Vermögen und Arbeit, sowie eine Orientierung am Gemeinwohl.

Wachstum selektieren. Aus dem Globalen Süden kommt durchaus Kritik am Modell des schnellen Wachstums. Der philippinische Ökonom Walden Bello etwa warnt Länder des Südens davor. Vielmehr solle der Fokus auf Strategien für mehr Gerechtigkeit liegen. Die Pandemie sieht er als Chance für ökonomische Transformationen, beispielsweise, indem Länder ihre lokalen Produktionen und Landwirtschaften fördern. So seien sie zudem weniger von internationalen Lieferketten abhängig. Er plädiert für ein globales Wirtschaftssystem, das weg von den Interessen transnationaler Konzerne führt, hin zu den Bedürfnissen nationaler und lokaler Communities.

Wachstum wird von den Kritiker*innen nicht pauschal abgelehnt. Aus ihrer Sicht gilt es zu unterscheiden, was schrumpfen soll und wovon es mehr braucht – beispielsweise Gesundheit und Bildung. Laut Högelsberger müsse Österreich vor allem in den Sozialstaat investieren, der in den vergangenen Jahren immer mehr „zurechtgestutzt“ worden sei.

Schrumpfen sollen hingegen – Stichwort Klimakrise – emissionsintensive Bereiche, sagt Daniela Kletzan-Slamanig, Umweltökonomin am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Sie schlägt dafür eine CO2-Steuer vor: „Viele Entscheidungen werden anders ausfallen, wenn der Umweltpreis, also ein CO2-Preis, eine Rolle spielt.“ Andere Steuern sollen gleichzeitig aber gesenkt werden, um einkommensschwache Gruppen zu entlasten.

Der Fokus soll Kletzan-Slamanig zufolge auf erneuerbaren Energien liegen, sowie auf alternativen Mobilitätskonzepten und öffentlichem Verkehr. Auch im Bereich Gebäudesanierung müsste mehr investiert werden.

„Eine Transformation wird stattfinden“, sagt Kletzan-Slamanig, und zeigt sich optimistisch. Impulse sieht sie da vor allem von Seiten der Europäischen Union im Rahmen der EU-Klimaziele und eines Aufbauplans, der zusätzlich als Antwort auf die Pandemie formuliert wurde. Dieser verspricht ein „grüneres, digitaleres und resilienteres“ Post-Corona-Europa.

1,8 Billionen Euro sollen dorthin führen. Der Handlungsdruck auf Österreich, allen voran auf die Bundesregierung, mehr in ökologische Maßnahmen zu investieren, steige damit, so die Ökonomin.

© Illustration: Thomas Kussin

Erde mit Grenzen. Andere Expert*innen sind da skeptischer. Für Attac-Mitarbeiter Lingnau bedeuten „grüne Investitionen“ ein Festhalten am Wachstumsparadigma: „Wir sehen die Profitidee dahinter kritisch.“ Der Begriff „Grünes Wachstum“ nähre zwar die Hoffnung, dass Nachhaltigkeit und weiteres Wachstum in den Ländern des Nordens vereinbar wären.

Einige Studien widerlegen diese Idee mittlerweile. In der ökologischen Wachstumskritik gibt es Versuche, den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch an Zahlen festzumachen. Dazu wurden neun planetarische Belastungsgrenzen definiert, u.a. der Klimawandel mit der CO2-Konzentration in der Atmosphäre als Messgröße, die Landnutzung, das Artensterben und der Stickstoffkreislauf. In den genannten Beispielen seien Forschungen zufolge die Belastungsgrenzen bereits überschritten und die Folgen möglicherweise irreversibel.

Dass fossiles Wirtschaftswachstum nicht nachhaltig ist, darüber herrscht laut Autor*innen Schmelzer und Vetter wissenschaftlicher Konsens. Und: „Die Hoffnung auf grünes Wachstum entpuppt sich als Illusion“, betonen die Wissenschaftler*innen in ihrem Degrowth-Buch. Die Alternative liege darin, Wege zu finden, mit dem auszukommen, was Mensch und Natur zumutbar ist.

Einen anderen Vorschlag liefert die Arbeiterkammer mit fünf Zieldimensionen, die zeigen, wie Wohlstand abseits vom BIP definiert werden kann: Vollbeschäftigung und gute Arbeit; Lebensqualität; faire Verteilung; eine intakte Umwelt und ökonomische Stabilität.

Die Indikatoren zur Bewertung dieser Ziele orientieren sich u.a. an den UN-Nachhaltigkeitszielen, den SDGs (Sustainable Development Goals).

Der aktuelle AK-Wohlstandsbericht von 2020 zeigt bereits, wie sich die Covid-19-Pandemie auswirkt: In keiner der fünf Zieldimensionen konnte die AK Fortschritte feststellen, weshalb sie einige Maßnahmen vorschlägt, vor allem für den Arbeitsmarkt. „Man wird die Arbeitszeit verkürzen und die Arbeit gerechter auf alle aufteilen müssen“, stellt Högelsberger fest.

Kein Weg zurück. Ökonomin*innen verschiedener Richtungen glauben in der Pandemiezeit an die viel zitierte „Krise als Chance“: Unterschiedlich fällt aber die Definition dessen aus, was diese Chance beinhaltet.

Einen Schritt weiter geht Högelsberger. Er sieht die Zeit für „radikale“ Veränderungen gekommen. Die Pandemie habe gezeigt, wie schnell es zu Einschnitten und Verhaltensänderungen kommen kann, beispielsweise in der Reduktion des Flugverkehrs.

Österreich könne zudem sehr wohl unabhängig von internationalen Zwängen Veränderungen umsetzen, etwa im Energiesystem, in der Besteuerung, der Mobilität, Öko-Landwirtschaft, Arbeitsmarktpolitik und in der Förderung von Regionen.

Zurück zum gewohnten Gang, zur Normalität der Vor-Corona-Zeit werde es in jedem Fall nicht gehen – darüber sind sich viele einig.

Die Frage ist, wie tiefgreifend zukünftige Veränderungen sein werden. Werden es „grüne“ Investitionen bei Erhalt des Systems oder eine Transformation des Gesellschaftsmodells? Fest steht: Echte Veränderung verlangt ein visionäres Denken, viel Steuerung und Planung.

Marina Wetzlmaier ist freie Journalistin und lebt in Wels/Oberösterreich.

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