Keine Angst, aber großen Respekt

Ebola: Trotzdem geht das tägliche Leben weiter, meint der österreichische Arzt Michael Kühnel-Rouchouze, der in Liberia im Einsatz ist.

Michael Kühnel-Rouchouze

Sierra Leone, Juni 2014. Kailahun – eine kleine Stadt im Osten. Wir stehen am Beginn des größten Ebola-Ausbruches der Geschichte. Im Team des Roten Kreuzes trainiere ich Freiwillige im „Dead Body Management“: Wie schütze ich mich, wie berge, wie begrabe ich Ebola-Opfer?

Liberia, Oktober 2014. Monrovia: Dr. Ominga Senga kontrolliert die Schutzausrüstung. Hier, im St. Joseph Hospital, findet ein Training für Hebammen statt. Bald soll die Maternity – die Geburtenstation – wieder geöffnet werden. Vor Ebola wurden hier 80 Kinder im Monat entbunden. Seit dem Ausbruch sind die Gänge leer, das Spital geschlossen. Neun MitarbeiterInnen sind gestorben. Auch Dr. Senga war krank. Er hatte das Glück, das Virus zu überleben. Daher ist er sehr genau, was die Einhaltung der Richtlinien angeht.

Für mich zwei Orte, zwischen denen vier Monate, 220 Kilometer und tausende Infizierte und Tote liegen. Ich werde oft gefragt, warum ich mir das antue. Aus Liebe zum Menschen. Als Arzt habe ich mir selbst gegenüber eine Verpflichtung zu helfen.

Meine Familie hält zu mir, auch wenn sie gerade jetzt große Angst hat. Beim ersten Einsatz konnte ich mit „Hygienetraining in Afrika“ sehr vage bleiben. Der Rummel um Ebola und um mich selbst – österreichische Medien berichteten über meine Einsätze – hat sie nun informiert. Meine Frau: Sie wird vielleicht als Hygiene- und Trinkwasser-Expertin auch nach Liberia kommen.

Ich teile die Worte mancher Organisationen, wonach alles „außer Kontrolle“ sei, nicht gerne. Was das Virus angeht, mag es so sein. Leider. Aber für mich hieße das auch Anarchie und Chaos. Dem ist nicht so – weder in Kailahun noch in Monrovia. Das tägliche Leben geht weiter – vorsichtiger. Die Märkte sind nicht stark bevölkert, Bars bleiben zu. Es gilt eine Ausgangssperre ab 23 Uhr.

Vor jedem Geschäft stehen Kübel mit Chlorlösung. Zuerst Hände waschen. Vor der Bank wird die Temperatur gemessen, ebenso bei der Ankunft im Büro.

Auch ich bin vorsichtiger als in anderen Missionen. NO TOUCH! Das heißt kein Körperkontakt, kein Händeschütteln. Etwas, das einem fehlt: Berührung. Morgens beginnt das Denken. Was berühre ich, wann desinfiziere ich die Hände? Ich habe keine Angst, aber großen Respekt.

Als Teil des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) versuche ich nun, nach den Todeserfahrungen in Sierra Leone, Leben zu schenken: Mit der Eröffnung der Geburtenstation. Es wäre schön dabei zu sein, wie dort wieder ein Kind entbunden wird.

Die Menschen hier sind uns dankbar. Es sind nicht nur EuropäerInnen und AmerikanerInnen, die im Einsatz sind – auch viele AfrikanerInnen. Menschen aus aller Welt helfen.

Michael Kühnel-Rouchouze bloggt auf blog.roteskreuz.at/einsatz über seinen Aufenthalt in Liberia.

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