Keine Aussicht auf Entspannung

Der Bürgerkrieg in Kolumbien wird immer mehr auf dem Rücken der Zivilbevölkerung und entführter Geiseln ausgefochten.

Von Ralf Leonhard
Eine Befreiungsaktion prominenter Geiseln mitten im Dickicht des von der Guerilla kontrollierten Urwalds war als Überraschungscoup geplant. Noch nie hatte die kolumbianische Armee sich auf eine so gewagte Operation im Herzen des Feindeslandes eingelassen. Während Präsident Alvaro Uribe am 4. Mai weit im Süden ein Bataillon im Naturpark Los Farallones einweihte, kreisten US-amerikanische Black-Hawk-Hubschrauber mit 75 Mann Spezialtruppen um das Lager der FARC-Rebellen in den Wäldern des Chocó, wo neben einem Dutzend Soldaten zwei prominente Politiker festgehalten wurden: Guillermo Gaviria, Gouverneur des Departments Antioquia, und Gilberto Echeverri, ehemaliger Verteidigungsminister und Friedensberater des Gouverneurs.
Als das Kommando allerdings in das Lager eindrang, waren die Guerilleros über alle Berge. Ein Dutzend Geiseln, darunter die beiden Politiker, hatten sie vorher auf Befehl ihres Kommandanten exekutiert. Das berichteten zwei kriegsgefangene Soldaten, die das Massaker überlebt hatten.

Die Nachricht löste in ganz Kolumbien Empörung aus, berichtet Alonso Cardona, der Direktor der NGO Conciudadanía, die in Antioquia die Zivilgesellschaft stärkt. Das Erschießen wehrloser Gefangener ist ein klarer Verstoß gegen das Kriegsvölkerrecht.
Allerdings muss sich Präsident Uribe den Vorwurf gefallen lassen, dass er wusste, worauf er sich einließ. Jorge Briceño, alias Mono Jojoy, einer der obersten Kommandanten der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC), hatte die Armee vor Befreiungsaktionen gewarnt und die Hinrichtung der Gefangenen angedroht.
Seit dem Abbruch des Friedensdialogs durch Uribes Vorgänger Andrés Pastrana im Februar 2002 verfolgen die FARC als oberstes politisches Ziel einen umfangreichen Gefangenenaustausch. Zwischen 600 und tausend Guerilleros sitzen hinter Gittern. Die Guerilla hingegen hält mehrere dutzend Soldaten und Offiziere, manche davon seit mehr als fünf Jahren, und über zehn Politiker fest. Prominenteste Geisel ist die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die ergriffen wurde, als sie im Guerillagebiet Wahlkampf machen wollte. Die Angehörigen der Verschleppten machen schon lange Druck zugunsten eines Austauschs, und der greise Ex-Präsident Alfonso López Michelsen, der hohes Ansehen genießt, stellte sich an die Spitze einer „Bewegung für die humanitäre Aktion“.

Seit Alvaro Uribe Vélez im vergangenen August sein Amt angetreten hat, ist die militärische Eskalation fast überall im Lande zu spüren. Der Militärhaushalt steigt, in den Dörfern wird eine Bauernmiliz aufgebaut und das Land mit einem Spitzelnetz überzogen. Gleichzeitig ruft die schleichende Zunahme von Militärberatern aus den USA fatale Erinnerungen an Vietnam und Zentralamerika wach.
Besonders tragisch am Schicksal von Gouverneur Gaviria und Gilberto Echeverri ist, dass es keine Scharfmacher, sondern Männer des Dialogs getroffen hat, wie Alonso Cardona, der im Mai auf Einladung der Dreikönigsaktion Wien besuchte, versichert. Anders als der Präsident hätten sie an eine politische Lösung geglaubt.
Die tägliche Praxis in Antioquia, der am stärksten militarisierten Region des Landes, beweist auch, dass das Leben der Bevölkerung durch lokale Dialoge erträglicher werden kann. Gaviria ließ sich von ehemaligen Mitstreitern des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King in gewaltfreier Konfliktlösung beraten.

Sie begleiteten ihn auch, als er im April letzten Jahres einen sechstägigen Marsch von Medellín in die Gemeinde Caicedo anführte. Die Bauern von Caicedo, deren wichtigste Einkommensquelle der Kaffee ist, hatten geklagt, sie seien wiederholt von der Guerilla gestoppt und eines Teils ihrer Ernte beraubt worden. Es handelt sich um kleine und mittlere Produzenten, die diese Verluste schwer verschmerzen können. Am Ende des Marsches sollte eine Begegnung mit „El Paisa“, dem Kommandanten der lokalen FARC-Front, stehen. Dieser ließ den Marsch jedoch kurz vor der letzten Brücke stoppen und rief die Politiker zu sich. Dann erklärte er ihnen, sie seien auf Befehl des Oberkommandos „festgehalten“ (retenidos – das ist der gebräuchliche Euphemismus für Kidnapping) worden.
Erst Monate später sollte Yolanda Pinto, die Ehefrau des Gouverneurs, in Form eines handgeschriebenen Briefes das erste Lebenszeichen von ihrem Mann erhalten. Es war auch das letzte.
Trotz des blutigen Ausgangs des Befreiungsversuchs findet die harte Linie der Regierung in der Bevölkerung weiterhin breite Zustimmung. Waren vor der missglückten Kommandoaktion noch 43 Prozent der Befragten gegen einen Gefangenenaustausch, so schwoll die Ablehnungsfront unmittelbar danach auf nicht weniger als 68 Prozent an.

Der Autor lebt als freier Journalist und Korrespondent der Berliner ?taz? in Wien.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen