(K)eine Frage der Religion

Für viele Menschen verpflichtet der Glaube ganz besonders zur Mildtätigkeit. Einblicke in die Welt der Religionen.

Von Hans Gerald Hödl
Gesegnete Suppe: Franziskaner-Mönche verteilen Nahrung an arme und obdachlose Menschen in Lima, Peru.

"Nächstenliebe“ ist die zentrale ethische Forderung der großen religiösen Traditionen. Diese ist aber nicht unabhängig von ihrer jeweiligen weltanschaulichen Einbettung zu sehen. Dabei ist wohl die unterschiedliche Auffassung von Geschichte zentral: In den abrahamitischen Traditionen verläuft diese linear; die Welt hat einen Anfang und ein Ende, das Individuum ist einmalig und erhofft, nach einem Endgericht an der ewigen Heilszeit teilzunehmen.

Indische Religionen hingegen beruhen auf einem zyklischen Geschichtsverständnis, das von sehr großen Perioden von Weltentstehung, -altern und -untergang ausgeht. Individuen durchlaufen einen (verschieden konzipierten) Kreislauf von Geburten. Hier zielen die religiösen Übungen auf Befreiung aus dem Rad der Wiedergeburt, dort auf einmalige Bewährung, um durch das Gericht ins ewige Leben einzugehen.

Die in den abrahamitischen Traditionen vorausgesetzten Ideen einer unsterblichen Seele und der Auferstehung der Toten haben sich im Judentum erst allmählich entwickelt. Zunächst dient das Gesetz dazu, ein heiles Leben zu führen. Grundlage der Beachtung des Gesetzes ist der Bund, den Jahwe mit dem Volk geschlossen hat, nachdem er es aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Gesetzeserfüllung bedeutet also, der Heilszusage Gottes entsprechend zu leben. So führt die Abgabe für Leviten, Fremde, Waisen und Witwen in jedem dritten Jahr dazu, dass Gott seinen Segen gibt. Gebote, wie die Nachlese ökonomisch Schwachen zu überlassen oder verarmte Volksgenossen und Fremde zu unterstützen, werden mit der Befreiung aus Ägypten begründet (z.B. Lev 25, 35ff.). Dass der Fremde wie ein Einheimischer zu lieben sei, folgt daraus, dass die Israeliten „selbst Fremde in Ägypten gewesen“ sind (Lev 19, 33f.). Das ist fast die in der Bergpredigt gegebene Kurzform des Gesetzes, die andern zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will (Mat 7, 12). Diese „goldene Regel“ wurde schon vor Jesus von Rabbi Hillel d. Ä. als Kernstück der Ethik gesehen. Oft werden in den neutestamentlichen Schriften Jenseitsglaube und Ethik verbunden: das Sammeln von unvergänglichen himmlischen Schätzen wird der Gier nach vergänglichen irdischen Gütern entgegengesetzt (Mat 6, 19ff.), das Prinzip, nach dem die Guten von den Bösen im Gericht unterschieden werden, ist Mildtätigkeit: Hungrige speisen, Fremde beherbergen usw. (Mat 25, 31-46).

Mildtätigkeit ist auch eine zentrale Forderung islamischer Ethik, in Sure 2, 262 in einem Gleichnis dargestellt: Wer sein Vermögen der Religion Allahs gibt, ist wie ein Samenkorn, das sieben Ähren treibt, die jede 100 Samenkörner besitzt. Der an der zitierten Stelle verwendete Begriff infāq umfasst vieles, vom Almosen an die Armen bis zum Einsatz von Zeit oder Fähigkeiten. Zentrale religiöse Pflicht ist zakāt (oder zakāh), eine von jedem Muslim und jeder Muslima, der/die über die entsprechenden Mittel verfügt, verlangte Abgabe – je nach besteuertem Gut zwischen 2,5 und 10%. Diese „4. Säule des Islam“, verschiedentlich als „Almosen“, „Wohltätigkeit“ oder auch „religiöse Steuer“ bezeichnet, kommt zuerst den Bedürftigen zu Gute. Ihr Hauptzweck ist, Armut zu bekämpfen. In der Tradition wurde die Abgabe von Rechtsgelehrten auch anderen Zwecken, wie Glaubensverbreitung, Freikauf von SklavInnen, Entschuldung, Hilfe bedürftiger Reisender u.a., zugewiesen. Neben der Funktion als zentrale Institution sozialer Gerechtigkeit in islamischen Gesellschaften, spielt zakāt als Form der spirituellen Reinigung der Gläubigen eine wichtige Rolle. Gemäß Sure 92, 18ff. gibt der Fromme sein Vermögen zur Läuterung seiner Seele weg. Die Gabe ist auch Anerkennung des Umstandes, dass Gott der wahre Besitzer von allem ist.

Spirituellen Fortschritt bringt das Geben ebenso in den buddhistischen Traditionen mit sich. Die Laienschaft hat die Möglichkeit, ihr karma durch die Erhaltung der Mönche zu verbessern. In der buddhistischen Tugendlehre wird als erste der sechs Vollkommenheiten eines bodhisattva (im Mahāyāna ein zur Erleuchtung Gelangter, der aus Mitleid auf den Eingang ins nirvāṇa verzichtet, um alle Wesen zur Erleuchtung zu führen) dāna genannt, Großzügigkeit, denn eine selbstbezogene Person wird am spirituellen Weg nicht weit vorankommen. Im Ideal des bodhisattva ist in gewisser Weise die höchste Form der Mildtätigkeit personifiziert, als die Hinwendung zu den der Erlösung bedürfenden Wesen. Somit ist auch die Weitergabe der Lehre, dharma, durch die Mönche die höchste Form von dāna.

Hans Gerald Hödl ist außerordentlicher Professor am Institut für Religionswissenschaft der Universität Wien.

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