Keine Ruhe für Somalia

Mit dem Eingreifen Äthiopiens und der USA hat Somalia seine nationale Souveränität verloren – die Somalis werden sich damit nicht abfinden.

Von Dominic Johnson
Ist das ein Äthiopier?“, fragte ein neugieriger Somali den anderen, als der anreisende Journalist in einem Ruinenfeld in Mogadischu aus dem Auto stieg. „Nein“, klärte der andere den Fragenden auf, „der ist doch weiß. Äthiopier sind schwarz wie wir.“ Der Wortwechsel, überliefert von einem Reporter der französischen Zeitung Le Monde, illustriert den tiefen Graben, den die jüngsten Umwälzungen in Somalia zwischen das geschundene Bürgerkriegsland und seinen Nachbarstaat gerissen haben. Für ungebildete Somalis könnten ÄthiopierInnen jetzt genauso gut Weiße sein, denn sie haben eine mächtige Armee, gewinnen Kriege und stehen weltpolitisch auf der richtigen, also US-amerikanischen Seite.
In einem Blitzkrieg zu Weihnachten hat Äthiopien geschafft, was in den letzten vergangenen Jahrhunderten den abessinischen Kaisern nie gelang: den Durchbruch an den Indischen Ozean, nach Mogadischu, die Eroberung Somalias und die Einsetzung eines Vasallenregimes. In früheren Zeiten wäre das somalische Territorium wohl einfach Äthiopien einverleibt worden, so wie im 19. Jahrhundert bereits die somalisch besiedelte Ogaden-Wüste. Damals wehrte sich Äthiopien erfolgreich mit eigener Expansion gegen die kolonialen Gelüste Italiens. Heute ist man diskreter. Äthiopien, mit seiner zehnmal größeren Bevölkerung als Somalia, will seine Armee aus Angst vor Verlusten und innerer Unzufriedenheit wohl eher heute als morgen abziehen und das somalische Territorium einer loyalen Regierung und einer afrikanischen Eingreiftruppe hinterlassen. Doch selbst wenn dieser Plan aufgeht und Soldaten aus Ruanda, Malawi und Algerien statt aus Äthiopien in Mogadischu Patrouille fahren, wäre die Erniedrigung Somalias komplett. Auf den Zerfall des somalischen Zentralstaates 1991, der immerhin als Befreiung von einer brutalen Diktatur gefeiert werden konnte, ist nun mit dem äthiopischen Einmarsch 2006 der Verlust der nationalen Eigenständigkeit geworden.

Den somalischen Nationalismus dürfte der Sturz der „Union Islamischer Gerichte“ in Mogadischu eher befördern. Somalis sind immer vereint, wenn es gegen fremde Eindringlinge zu kämpfen gilt. Aber sie sind gespalten, wenn sie sich selbst überlassen sind. Da dies zuletzt das Erstarken militanter Islamisten begünstigte, worauf die USA und Äthiopien mit militärischer Gewalt geantwortet haben, wird die internationale Gemeinschaft Somalia nicht mehr sich selbst überlassen. Eine dauerhafte internationale Präsenz zum Schutz einer dauerhaften somalischen Übergangsregierung, die aber wegen ihrer Abhängigkeit vom Ausland wenig Respekt im Land genießt – so sieht die mittelfristige Zukunft Somalias aus, wenn die gegenwärtig diskutierten Eingreifpläne der Afrikanischen Union aufgehen.
Das somalische Volk kann sich nun mit seinen neuen, schwachen Regierenden vertragen, sie ignorieren oder sie bekämpfen. Nur eines wird es nicht können: Sich mit fremder Besatzung abfinden. Daher wird Somalia jetzt so schnell nicht zur Ruhe finden, ob mit oder ohne Äthiopien.

Dominic Johnson ist Afrika-Redakteur bei der Berliner Tageszeitung taz.

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