„Kenia ist an der Spitze“

Europa kann im digitalen Bereich jede Menge von Afrika lernen,  meint die kenianische IT-Expertin Mugethi Gitau im Interview.

Durch das Internet und andere Kommunikationstechnologien kann eine junge Frau im ländlichen Kenia mit einem Mann im Silicon Valley mithalten, haben Sie einmal gesagt. Ist das Ihr Ernst?

Ja! Technologie macht Dinge möglich. Wer innovativ ist, kann seine Innovationen so zum Geschäft machen. Ich glaube wirklich, dass wir keine Entwicklungshilfe brauchen. Wir müssen den Leuten technisches Know-how geben.

Internet ist in Kenia sehr verbreitet. Für umgerechnet fünf US-Dollar bekommt man mittlerweile ein Gigabyte Daten. Ohne das Streamen von Videos kann man damit bis zu vier Wochen auskommen. Die Regierung hat außerdem viel in den Mobilfunksektor investiert. Über 80 Prozent der Leute haben ein Handy, zwei Drittel ein Smartphone. Nicht alle benutzen darauf das Internet, aber die Möglichkeit ist da. Studien zeigen, dass Kenianerinnen und Kenianer sehr empfänglich für neue Technologien sind.

Sind soziale Medien wie Twitter und Facebook also keiner Elite vorbehalten?

Immerhin vier von 44 Millionen Menschen in Kenia sind auf Facebook, es ist schon eine Plattform der breiten Masse. Über Facebook kann man in Kenia durchaus ein Geschäft aufziehen. Mit Twitter ist es anders. Es gibt eine eigene Community namens „Kenyans on Twitter“ – sie sind die Ausnahme, wollen sich untereinander und international ver­netzen.

Muss man Ihrer Meinung nach online sein, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein?

Nein. Die traditionellen Geschäftsleute in Kenia sind nicht online, sie sind offline höchst erfolgreich. Aber es ist ein ausgezeichneter Weg, um seinen Kundenkreis zu erweitern und sehr hilfreich bei Neugründungen.

Was kann Europa von Kenia im IT-Bereich lernen?

Jede Menge! Zum Beispiel ist mobiles Geld, wie M-Pesa von Safaricom, bei uns sehr gebräuchlich. Die Leute zahlen über das Handy ihre Rechnungen, Mieten und Schulgebühren. Bei den Banken gibt es für die Menschen viel mehr Barrieren, die Gebühren sind außerdem hoch. Mit einem Mobilgeld-Konto kann man sogar Geld sparen oder einen Kredit aufnehmen.

Auch im Bereich Bildung tut sich viel, in ländlichen Gegenden wird hier noch oft über SMS gearbeitet. Bei „Eneza Education“ bekommen Schülerinnen und Schüler Lernmaterial und Fragen per SMS zugeschickt. Sogar traditionelle Oberhäupter nutzen mobile Technologien. Chief Kariuki in Nakuru etwa setzt die sozialen Medien stark ein. Wird zum Beispiel eine Ziege gestohlen, sendet er eine Twitter-Meldung und die ganze Gemeinschaft wird benachrichtigt.

Nimmt hier Kenia innerhalb Afrikas eine besondere Rolle ein?

Kenia ist sicher an der Spitze im Vergleich zu anderen Ländern. Südafrika verfügt natürlich schon lange über entsprechende Technologien, aber die Menschen hier eignen sie sich schneller an. Und im Gegensatz zu etwa Äthiopien gibt uns die Regierung die Freiheiten, das Internet zu nutzen wie wir wollen, auch wenn sie nicht so viel in den Sektor investiert wie zum Beispiel Ruanda. Durch die Glasfaserkabel ist Internet auch viel billiger geworden, früher war es für die meisten fast nicht leistbar. Die Regierung selbst setzt auch stark darauf. Mittlerweile kann man seinen Pass einfach online verlängern und ein neues Geschäft online registrieren.

Sollte der Zugang zu Internet ein Menschenrecht sein?

Ja. Ruanda hat es zum Menschenrecht ernannt, sie wollen allen Bürgerinnen und Bürgern den Zugang ermöglichen. Ich glaube, dass kostenloses WLAN auf den Straßen ein wirklich guter Weg ist. In manchen Gegenden Kenias gibt es das schon.

Interview: Nora Holzmann

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