Kenianische Lebenswirklichkeiten on stage

Von Anja Bengelstorff · ·
Slim Shaka © Cathrene Wangui Kairuki

Korruption, häusliche Gewalt, Liebesbeziehungen: Kenias junge Poet*innen inszenieren ihre Auseinandersetzung mit der Welt – und finden eine Gemeinschaft.

Ein idealer Ehemann, witzelt der Moderator, als Slim Shaka in seinem pinkfarbenen Anzug die Bühne betritt. Groß, schlank, im perfekt geschnittenen Doppelreiher, kombiniert mit weißem T-Shirt und weißen Schuhen, macht er eine gute Figur. Das Publikum kreischt. Aus den Tiefen der Bühne wabert künstlicher Nebel. Am Ende des Abends wird Slim Shaka aka David Otieno, 27 Jahre alt, als Sieger auf der Bühne stehen. Zehn weitere Finalist*innen des 65. Poetry Slam Africa wird er dann aus dem Rennen geworfen haben. Eine goldene Hand mit einem Mikrofon, zwei Finger zum Friedenszeichen ausgestreckt – das ist der Pokal, den Slim Shaka nach Hause tragen wird.

Zum Finale des Poetry Slam Africa, einer 2008 ins Leben gerufenen Plattform für Performance Poetry, war das kenianische Nationaltheater in Nairobi nahezu vollbesetzt. Das Publikum: Fast ausschließlich unter 30, enthusiastisch, lautstark, konzentriert.

Was bringt so viele junge Leute dazu, das Haus zu verlassen, um sich in einem Theater oder einer Bar Gedichte anzuhören? Und was ist mit den Mutigen unter ihnen, die Poesie schreiben und sich auf eine Bühne wagen, um sie nicht nur vorzutragen, sondern sogar in Szene zu setzen?

Politische Geschichte Kenias. Die Ursprünge der Szene gehen auf das Literaturmagazin „Kwani?“ zurück, das Anfang der 2000er Jahre gegründet wurde. Ihr Gründer Binyavanga Wainaina wollte als Marketinginstrument für das Magazin junge, im Magazin veröffentlichte Lyriker*innen vor einem Publikum auftreten lassen. So jedenfalls erinnert sich der damalige Marketingmanager des Mediums, Mike Mburu: „Die Kwani?-Lesungen haben sich dann langsam in Open Mic entwickelt“, also offene Bühnen für Poet*innen.

„In den frühen 2000er Jahren, nachdem Daniel arap Moi als Präsident abgetreten war und der neue Präsident Mwai Kibaki uns Hoffnung gemacht hatte, waren die Themen auf der Bühne eher politisch“, erinnert sich Mburu, der die Tradition des Kwani? Open Mic bis heute fortführt. Kibaki, der sich vom autoritären Stil Mois abhob, löste sein Wahlversprechen ein und ermöglichte allen Kindern eine kostenlose Grundschulbildung.

„Es ging damals um Korruption, schlechte Regierungsführung, um Umwelt und soziale Gerechtigkeit“, erzählt er. „Heute stehen mehr Liebe und Beziehungen im Mittelpunkt. Politische Themen sind eher selten geworden.“

Eine Poetry Gemeinschaft entstand. Für Slim Shaka aka David Otieno ist Performance Poetry, also vorgetragene Poesie, „eine Abkürzung dafür, eine persönliche Geschichte mit Menschen zu teilen, die einem nicht vertraut sind.“ Als Teenager wollte er anregende Texte schreiben und vortragen können – und fand 2015 sein Publikum auf der Straße. Auf Parkplätzen, an Straßenecken traf er Gleichgesinnte, jung und auf der Suche wie er.

Sie wollten davon erzählen, was ihr Erwachsenwerden so schwer macht und fanden im Poetry Slam ein Ventil, das ihnen die nötige Distanz und gleichzeitig einen sicheren Raum bot. Schikanen der Polizei, häusliche Gewalt: Für die einen Alltag, für die anderen, manche aus wohlhabenderen Stadtteilen Nairobis, eine völlig neue Erfahrung, mit der sie da lyrisch konfrontiert wurden.

Einander Fremde begannen, ihre Lebenswirklichkeiten zu teilen. Eine Gemeinschaft entstand. „Da hat bei uns eine Heilung eingesetzt“, sagt Slim Shaka.

Afrikanische Erzählkunst. Hat Afrikas orale Erzählkunst Einfluss darauf, wie kenianische Lyriker*innen slammen? „In Europa sind die Stücke kürzer“, sagt Ian Gwagi. „In Afrika wird länger gesprochen.“ Gwagi ist Gründer und Projektkoordinator bei Creative Spills, einem Künstlerkollektiv, das Jugendliche mithilfe gesprochener Dichtung fördern will. Im Gegensatz zu Open-Mic-Veranstaltungen sind Poetry Slams Wettbewerbe: Eine Jury bewertet Inhalt, Präsentation, Kenntnis des Themas und den allgemeinen Eindruck des Auftritts.

Spoken Word Poetry als Genre der Darstellenden Kunst hat es in die landesweiten Drama-Festivals der kenianischen Schulen geschafft, freut sich Gwagi. Für ihn ist dies ein Zeichen, dass die kenianische Gesellschaft offener geworden ist für diese künstlerische Ausdrucksform. „In fast allen Städten Kenias gibt es inzwischen Spoken Word Veranstaltungen“, erzählt er.

Sprachenvielfalt am Wort. Englisch, Kisuaheli, Sheng oder eine andere Muttersprache – Spoken Word-Künstler*innen passen ihre Vortragssprache dem jeweiligen Publikum an.

Wieder verweist Mburu auf den Gründer Wainaina. „Er hat den Leuten immer gesagt, sie sollten ihre Geschichten in der Sprache erzählen, in der sie sich am wohlsten fühlen“, sagt er. Würde jemand etwas nicht verstehen, frage diese Person einfach im Publikum herum und bekomme es übersetzt, erklärt Mburu, das sei bis heute so. 

Für das Finale des Poetry Slam Africa hatte Slim Shaka Stücke in Englisch vorbereitet. In „Wunderschöner Wahnsinn“ sinniert er über Trugschlüsse: „Die Idee teurer Lebensstile wird in Schulen und auf Werbetafeln verkauft, als könne Afrika seinen Weg zu globaler Ebenbürtigkeit herbeikonsumieren.“

Ein Satz wie ein Hammerschlag. Dem sich Slim Shaka zufolge unweigerlich die Frage anschließt: „Oder ist es ein Ausdruck der ultimativen menschlichen Freiheit, einfach nur zu sein?“

Anja Bengelstorff arbeitet seit mehreren Jahren als freie Journalistin in Kenia und schreibt für deutschsprachige Medien.

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