Killertrupps gegen Fraueninitiative

In Barrancabermeja, dem Zentrum der kolumbianischen Erdölindustrie, führen die Paramilitärs ein strenges Regiment. Darunter leidet ein großer Teil der Bevölkerung. Trotz ständiger Bedrohung will eine der aktivsten Frauenorganisationen des Landes ihre Arbeit nicht aufgeben. Ein Augenzeugenbericht von Werner Hörtner.

Von Werner Hörtner
Witze machen hilft gegen die ständige Angst. Yolanda Becerra lächelt. Fröhlich wirkt sie dabei nicht: „Es ist wirklich nicht einfach, in diesem ständigen Klima der Bedrohung zu leben und zu arbeiten. Aber wir suchen und finden schon irgendwelche Ventile.“ Zum Beispiel sich über die eigene Situation lustig machen, Lachen. „Wir sprechen auch viel miteinander über die Angst, um sie zu entmystifizieren. Es gibt aber dennoch Momente, in denen du glaubst, nicht weiterzukönnen und plötzlich merkst, dass du aggressiv wirst“. Manchmal helfen nur Beruhigungstropfen.
Yolanda Becerra leitet seit bald zwei Jahrzehnten die „Organización Femenina Popular“ (OFP), die bekannteste und auch international renommierteste Frauenorganisation Kolumbiens. Drei ihrer Mitarbeiterinnen wurden in den letzten Jahren von den Paramilitärs ermordet, über 140 mit dem Tod bedroht. Sie mussten das Land verlassen oder konnten in anderen Landesteilen untertauchen. Doch die Frauen der OFP gaben sich nicht geschlagen, haben ihre Präsenz mittlerweile sogar noch auf andere Regionen Kolumbiens ausgedehnt. „Die Paramilitärs haben unsere Mitarbeiterinnen umgebracht, bedroht, vertrieben“, erzählt die gelernte Soziologin, „aber eines haben sie nicht geschafft: die Hoffnung zu töten.“ Auf emanzipatorische, soziale, linksoppositionelle Initiativen haben es die rechten Milizen abgesehen. Oft genug mit Mord.
Katharina Meier aus Deutschland ist Mitglied der „Internationalen Friedensbrigaden“, die MenschenrechtsverteidigerInnen und soziale AktivistInnen in zahlreichen Konfliktherden der Welt durch ihre physische Präsenz schützen. Seit einiger Zeit auch die Frauen der OFP in Barrancabermeja. „Wir arbeiten hier in Kolumbien mit mehreren Menschenrechtsorganisationen zusammen. Was mich am meisten beeindruckt“, sagt Meier, „ist dieses Durchhaltevermögen, dieses Nie-Aufgeben. Selbst wenn das Leben bedroht ist: es geht immer weiter, gibt immer ein neues Ziel.“ Es gehört zur Strategie der internationalen Menschenrechtsorganisation, die staatlichen Behörden, auch die Sicherheitskräfte, im Vorhinein über alle Schritte zu informieren. Auch bei der Begleitung der bedrohten Aktivistinnen der OFP. „Wenn Drohungen ausgesprochen werden gegen Frauen der OFP, dann treten wir mit den örtlichen Behörden in Kontakt, die wissen dann, dass wir Bescheid wissen. Und dass wir auch, was wir immer wieder deutlich machen, mit der internationalen Gemeinschaft in Verbindung stehen“, erzählt die deutsche Politologin. In Österreich wird die OFP seit vielen Jahren von der Katholischen Frauenbewegung (kfb) und der Frauensolidarität unterstützt.

Wie erklärt sich Yolanda Becerra diesen Hass der Paramilitärs auf die Frauenorganisation? „In unserer Arbeit und unserer Einstellung sind wir eine Bürgerbewegung von Frauen der Basis, die für eine Veränderung der Strukturen dieser Gesellschaft eintreten.“ Die Armut, der man auf Schritt und Tritt begegnet, sei ein Produkt der Konzentration des Reichtums in Händen einiger weniger Personen und Machtgruppen. Ein menschenverachtendes System wie das des Paramilitarismus sichere den Status quo ab. „Wir wollen die Strukturen in diesem Land verändern. Es ist klar, dass das ohne soziale Mobilisierung der Bevölkerung nicht geht.“ Diese Überzeugung und der Versuch, solche Veränderungen umzusetzen, sind in Kolumbien lebensgefährlich.
Der Wartesaal und die einzelnen Beratungsstellen im Gebäude der OFP im Stadtteil Torcoroma sind stets voll. Hier befindet sich ein Menschenrechtsbüro zur juridischen Beratung, Kurse werden abgehalten: zu integraler Gesundheit, d.h. Gesundheitsvorsorge, alternativer Medizin, Familienplanung, reproduktiven Rechten, über Programme zu Ernährungssicherheit und Solidarökonomie. Außerdem wird eine Ausbildung in Kommunikationstechnik angeboten, zum Beispiel zum Betreiben eigener Radiosender.
Seit Jahren ist der OFP auch eine Schule angegliedert, wo Frauen für soziale Führungspositionen geschult werden. Berta Inés Aguas, 50 Jahre alt, seit vier Jahren in der Frauenorganisation aktiv, hat diese Schule besucht. „In meinem Leben gibt es keine Muße. Ich stehe um fünf Uhr auf und gehe um Mitternacht ins Bett. Nach der Hausarbeit besuche ich Frauen in den einzelnen Vierteln, unterstütze sie beim Organisieren von Treffen der Basiskomitees und tue auch bei allen Aktivitäten mit, die mit Malen und Design zu tun haben.“ Für Berta Inés hat die Arbeit mit der OFP nicht nur das eigene Leben verändert. Auch ihr Mann übernimmt nach 23 Jahren Ehe plötzlich Hausarbeiten. Solche Beispiele bestätigen für Yolanda Becerra, dass sich die Arbeit der OFP lohnt: „Es geht um ein Leben in Würde.“

Die kolumbianische Frauenorganisation ist 1972, in den goldenen Zeiten der Befreiungstheologie, aus der Sozialpastoral der Diözese Barrancabermeja entstanden und hat sich 1988 als Organisation verselbständigt. Die Stadt mit etwa 350 000 EinwohnerInnen am mittleren Flusslauf des Rio Magdalena, dem größten Strom Kolumbiens, stand bis Ende der 1990er Jahre noch unter der Kontrolle der Guerilla-Organisationen FARC und ELN, doch erkämpften Anfang dieses Jahrzehnts die Paramilitärs mit tatkräftiger Unterstützung von Armee und Polizei die Oberhand. Seither ist Barrancabermeja ein Modellfall dafür, wie das künftige Kolumbien aussehen könnte – wenn alles nach dem Willen der Paramilitärs und des Präsidenten Álvaro Uribe Vélez liefe. Doch in letzter Zeit mehren sich die Schwierigkeiten.
Mitte vergangenen Jahres wurde der so genannte Demobilisierungsprozess der Paramilitärs abgeschlossen (vgl. SWM 5/06). Nicht nur, dass die über 30.000 Demobilisierten insgesamt nur an die 15.000 Waffen abgaben – ein Teil von ihnen formierte sich in neuen paramilitärischen Gruppen. Die OFP-Vorsitzende: „Wir haben von dieser Abrüstung nichts bemerkt. Ganz im Gegenteil. Diese Gruppen treten nur unter neuen Namen auf. Die Akteure sind dieselben. Sie üben auch weiterhin die soziale Kontrolle in den Vierteln von Barrancabermeja aus. Es gibt weiterhin Morde, Drohungen, Einschüchterungen.“
Auch andere haben von der so genannten Demobilisierung der paramilitärischen Gruppen nichts bemerkt. Der Jesuit Francisco de Roux, Leiter des großen Friedensprojektes der EU im Magdalena Medio („Friedenslaboratorium“), fürchtet gar, dass die Paramilitärs ihre Herrschaft noch festigen und über 2010, den Zeitpunkt der nächsten Wahlen, hinaus ausdehnen werden.
Endgültig in Verruf geriet Uribes umstrittener Abrüstungspakt letzten November, als der Oberste Gerichtshof drei Abgeordnete wegen ihrer Verbindungen zum Paramilitarismus anklagte und in Untersuchungshaft setzte. Seither überschlagen sich die Enthüllungen über die Verwicklungen von Politikern, Unternehmern und Viehzüchtern in die kriminellen Machenschaften der paramilitärischen Gruppen. Die Parlamentarier gehören jenem Parteienbündnis an, das Präsident Uribe 2002 an die Macht gebracht und im vergangenen Juni seine Wiederwahl durchgesetzt hat. Dank der Untersuchungen des Obersten Gerichtshofs wurden die Verbindungen zwischen öffentlichen Institutionen und Paramilitarismus nun sozusagen aktenkundig – und somit wagen es nun auch die Medien wieder, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

In den letzten Jahren sind der Widerstand gegen den bewaffneten Konflikt, die Unterstützung der Binnenflüchtlinge und die Friedensarbeit immer stärker in den Mittelpunkt der OFP-Aktivitäten gerückt. Am 18. November vergangenen Jahres mobilisierte die Organisation in Barrancabermeja an die 2.000 Frauen zu einer Mahnwache für den Frieden, die „Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung“ für die Opfer des Konflikts forderten. „Wir wollen dafür kämpfen, dass mehr Geld in soziale Investitionen statt in den Krieg gesteckt wird. Wir wollen alles dafür tun, dass die soziale Basis für alle bewaffneten Akteure – sowohl den Staat als auch die illegalen Gruppen – immer schwächer wird“, umreißt Yolanda Becerra die Philosophie der „Sozialen Bewegung von Frauen gegen den Krieg“, die die OFP seit einigen Jahren im ganzen Land aufbaut. Für den kommenden 25. November ist, in Zusammenarbeit mit dem Frauennetzwerk „Ruta Pacífica“, eine landesweite Massenmobilisierung gegen den Krieg mit Millionen von Frauen geplant.

Werner Hörtner ist karenzierter Redakteur des Südwind-Magazins. Nach einer langen Reise durch Lateinamerika nimmt er ab Februar 2007 seine Tätigkeit in der Redaktion wieder auf.

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