„Kinder sind keine Nostalgiker“

Helmut Schwarz, der Direktor des berühmten Spielzeugmuseums in Nürnberg, sprach mit Irmgard Kirchner über Teddybären, königliche Puppenküchen, Computerspiele und Sozialgeschichte.

Affinität zu Bären: Direktor Schwarz und sein Lieblingsspielzeug.

Ist es ein Zufall, dass Sie als Historiker sich mit Spielzeug befassen?
Helmut Schwarz:
Ich habe in Nürnberg am Museum für Industriekultur gearbeitet. Wenn man sich mit Wirtschafts- und Sozialgeschichte dieser Stadt beschäftigt, landet man fast automatisch beim Spielzeug, das in dieser Stadt einen Riesenstellenwert hat.

Hat oder hatte?
Hatte – im Sinne von Allgegenwart. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es hier 250 verschiedene Spielzeugfabriken. Jetzt gibt es keinen großen Hersteller mehr in der Stadt. Nürnberg ist aber über die Spielzeugmesse der Nabel der Spielzeugwelt.

Was macht das Museum einzigartig?
Durch die hohe Qualität der Sammlung und die große Bandbreite des gezeigten Spielzeugs sind wir in der ersten Liga weltweit. Wir bemühen uns auch, Themen zu erforschen und durch unsere Aktivitäten möglichst viele Gesellschaftsschichten anzusprechen.

Wann war Ihrer Meinung nach die Blütezeit des Spielzeugs?
In der Menschheitsgeschichte wurde noch nie soviel Spielzeug produziert wie in den letzten 20 bis 30 Jahren. Doch qualitativ betrachtet – schaut man, welche grundlegenden Arten von Spielzeug in einer perfekten Art und Weise produziert worden sind –, dann komme ich auf die Zeit des letzten Jahrzehnts vor dem Ersten Weltkrieg. Damals war Deutschland das Hauptspielzeugland weltweit gesehen. In dieser Zeit sind ganz wesentliche Spielzeuge entwickelt worden, die in Varianten heute noch da sind: Der Teddybär ist so ein Klassiker. 1901 kam der Metallbaukasten auf den Markt, das technische Spielzeug schlechthin für die Jungen des 20. Jahrhunderts. Es war auch die Blütezeit des Blechspielzeugs. Holzspielzeug ist viel älter, aber in dieser Zeit revolutionieren Künstler das Design.

Warum wurde der Teddybär so erfolgreich?
Er hat auf geradezu revolutionäre Art und Weise die Geschlechterdifferenzen überbrückt. Damals gab es eine ganz klare Rollentrennung zwischen Jungen und Mädchen, die sich massivst im Spielzeug niedergeschlagen hat. Mädchen hatten nichts zu tun mit technischem Spielzeug. Und für Jungen war es verpönt, da unmännlich, mütterliche Instinkte zu entwickeln. Ein Junge mit einer Puppe wäre damals nicht denkbar gewesen. Richard Steiff nahm den beweglichen, gegliederten Körper einer Puppe und übertrug ihn in den Tierbereich. Der Bär hat kein Geschlecht.

Was ist Ihr Lieblingsspielzeug?
Es wird schon der Teddybär sein. In meinen Büro mir gegenüber sitzt eine ganze Reihe von Bären, unter anderem der aus meiner Kindheit.

Gibt es ein zeitgenössisches Spielzeug, das Sie erstaunt?
Es ist phänomenal, wie die Technik der Miniaturisierung vorangeschritten ist. Man kann kleine Modellhubschrauber, die Rotoren von 10 cm Durchmesser haben, in die Luft bewegen. Und bei den Computerspielen hat mich in den letzten Jahren am meisten verblüfft, dass man den Computer mit der Bewegung des ganzen Körpers steuern kann und nicht mehr durch die Tastatur oder eine isolierte Hand an der Maus.

Wird das virtuelle Spielzeug das echte verdrängen?
Rein kommerziell gesehen haben sich viele Spielzeuge relativ gut gehalten. Es gibt keinen Ersatz für die unmittelbare Begegnung mit Menschen und für die haptische Erfahrung eines Spielzeugs. Die Spielzeugindustrie hat das Problem, dass die Kinder immer früher erwachsen werden, dass sich das Spielalter verringert. Umgekehrt werden die Erwachsenen immer kindischer. Es gibt einen gigantischen Sammlermarkt. Selbst eine Firma wie Steiff lebt davon, dass die Hälfte der Sachen von und für Erwachsene gekauft werden. Medienprodukte und Spielzeug existieren nebeneinander. Die Kinder beschäftigen sich allerdings wegen der vielen Funktionen eines Handys sehr viel mit diesem einzelnen Gerät und dann fehlt die Zeit für etwas anderes.

Welche Geschichten erzählt Spielzeug?
Spielzeug ermöglicht es Kindern, auf spielerische Weise, die Rolle der Erwachsenen einzunehmen. Kinder sind im Gegensatz zu den Erwachsenen keine Nostalgiker. Sie versuchen, die Gegenwart in ihr Kinderzimmer zu holen und in ihr Spiel zu integrieren. Daher ist Spielzeug ein wunderbares historisches Anschauungsobjekt. Wir sitzen hier (im Museum; Anm.) neben der Puppenküche, mit der die Prinzessinnen des letzten bayrischen Königs gespielt haben, eine königliche Küche also. Die Spitzenstücke, die wir ausstellen, sind aus dem Großbürgertum. Die Abwesenheit des Armenspielzeugs ist auch aussagekräftig. Die Armen hatten kein Spielzeug oder sie haben es selbst gemacht. Aber es hat sich nicht erhalten, es hatte nicht den Wert.
Interessant ist auch der Aspekt, dass im selben Maße, wie die Flut des Spielzeugs ansteigt, die Zahl der Kinder sinkt. Wenn wir in unserer eigenen Geschichte zwei oder drei Generationen zurückgehen, sehen wir dasselbe wie heute in ärmeren Regionen zum Beispiel in Afrika oder Asien: Es gibt wenig Spielzeug, sehr viel selbst Gemachtes. Die Kinder spielen deswegen keinesfalls weniger. Aber sie spielen draußen und gemeinsam mit anderen.

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