Kino gegen Kalaschnikows

Die somalische Minderheit in Kenia ist Misstrauen und Vorurteilen ausgesetzt. Eine Gruppe junger Somalis kämpft gegen ihren schlechten Ruf – mit Kino, Theater und Musik.

Von Anja Bengelstorff
Und Action! Nachwuchsschauspielerin Bilkhayr Hassan steht zum ersten Mal vor der Kamera.

Bilkhayr Hassan sitzt auf einem fremden Bett in einer fremden Wohnung und schaut fern. Sie soll entspannt sein und beim Anruf ihres Verlobten aus dem Ausland überrascht wirken. Als das Handy neben ihr klingelt, murmelt sie teilnahmslos etwas Unverständliches in das Gerät. Mohamed Katibi, der 22-jährige Regisseur, ist ganz und gar nicht zufrieden. Er stoppt die Szene und redet auf die 19-Jährige ein, die zum ersten Mal vor einer Kamera posiert. Sie hat keine schauspielerische Ausbildung und wird nicht bezahlt. Aber sie macht mit bei einer Initiative, die die Wahrnehmung ihrer Ethnie, der Somalis, in der kenianischen Gesellschaft verändern soll.

Die Initiative trägt den Namen Eastleighwood, in Anlehnung an die Filmindustrien Hollywoods, Bollywoods und nicht zuletzt Nollywoods, des boomenden Filmimperiums in Nigeria. Denn mit Filmen, Theaterstücken und Musik will die Nichtregierungsorganisation, deren Mitglieder junge Menschen hauptsächlich somalischen Hintergrunds sind, gegen die negativen Stereotypen und das generelle Misstrauen vorgehen, denen sie als Minderheit in Kenia ausgesetzt sind. „Darüber hinaus bietet kein kenianischer Fernsehsender und keine Radiostation Inhalte über oder von Somalis an“, erklärt Burhan Iman, 23, Gründer und Motor von Eastleighwood. Dabei sind die etwa sechs Prozent ethnischen Somalis mit kenianischer Staatsbürgerschaft, die hauptsächlich im infrastrukturell vernachlässigten Nordosten des Landes und in der Hauptstadt Nairobi leben, durchaus präsent in der öffentlichen Wahrnehmung – nur eben fast ausschließlich als windige Geschäftsleute oder radikale Islamisten, die die wirtschaftliche Macht an sich reißen wollen und das Land mit Waffen überschwemmen würden.

Eastleigh ist ein umtriebiger Stadtteil im Osten Nairobis, den nicht-somalische KenianerInnen nur ungern betreten. Er gilt als Geschäftszentrum der somalischen Diaspora, in dem von Kamelfleisch bis zur Kalaschnikow alles zu haben ist. Nach jedem Regenschauer stehen die mit Löchern übersäten oder ungeteerten Straßen unter Wasser.

Der Wind bläst weggeworfene Plastiksäcke vor Burhan Imans Füße. Er versucht dem Abfall auszuweichen und ringt mit den fliegenden Händlern um Platz auf den Gehsteigen vor verglasten Einkaufszentren, die Namen wie „Mogadischu Mall“ oder „Garissa Lodge“ tragen.

Burhan Iman, ausgebildet in IT und Journalismus, hat ein Magazin herausgegeben und eine Website und mehrere Internet-Cafés betrieben, bevor er Eastleighwood startete. „Wir haben eine globale Zielgruppe, denn inzwischen leben mehr Somalis in der Diaspora als in Somalia selbst“, sagt er. Bisher hat die Gruppe vier Filme und zwei Theaterstücke produziert, in somalischer Sprache mit englischen Untertiteln, mehrere junge somalische MusikerInnen aufgenommen und auch Friedensforen veranstaltet. Clips und Musik sind über Youtube abrufbar.

Das neueste Projekt ist ein 90-minütiger Film mit dem Arbeitstitel „Der Lernende“, in dem die Novizin Bilkhayr Hassan verschüchtert auf dem fremden Bett herumrutscht. Das Möbelstück steht im Schlafzimmer von Hassan Abdisalat Kusin, der den jungen Leuten mit ihren Kameras und Kabeln seine Wohnung für ein paar Stunden überlassen hat. Abdisalat, 24, Sänger, aber noch lieber Schauspieler, ist gebürtiger Somali. Sein Vater unterstützt ihn, denn Eastleighwood kann seine Schauspieler nicht bezahlen und arbeitet deshalb mit Freiwilligen. „Wir müssen sie erst inspirieren, bevor sie überzeugt sind mitzumachen“, sagt Burhan Iman lächelnd. Viele sprechen kaum Englisch und haben keine Ausbildung, so wie die 20-jährige Somalierin Anfa Said, die nur fünf Jahre in Somalia zur Schule ging und nun hofft, entweder Schauspielerin zu werden oder moderne islamische Mode zu machen. „Eastleighwood bot mir die Chance zu schauspielern, ohne Bedingungen zu stellen“, übersetzt Burhan Iman. Eine internationale Organisation hat Eastleighwood nun finanzielle Unterstützung versprochen, um die Initiative professioneller zu machen.

Das hat das Projekt bitter nötig, denn die Herausforderung ist noch größer geworden: Seit die kenianische Armee vor einem Jahr in Somalia einmarschierte, um gegen die islamistische Al-Shabaab-Miliz zu kämpfen, kam es in Kenia vermehrt zu Bombenanschlägen mit Todesopfern, für die die Miliz verantwortlich gemacht wird. Viele stempeln jeden, den sie für einen Somali halten, als potenziellen Terroristen ab. Willkürliche Polizeikontrollen und auch Verhaftungen haben zugenommen.

Anja Bengelstorff ist freie Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien für Ostafrika. Sie lebt in Nairobi.
Website der Initiative: www.eastleighwood.org

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