Klein, einfach und sozial intelligent

Was bedeuten die neuen Schlagworte der Entwicklungspolitik in der Praxis? Eine Analyse von Nachhaltigkeit & Co. am Beispiel der österreichischen Wasserversorgungsprojekte in Uganda.

Von Berthold Unfried
Der Begriff „Entwicklung“ kommt in allen programmatischen Texten seit Jahren nur mehr im Zusammenhang mit „nachhaltig“ (sustainable) vor. Was bedeutet nun „nachhaltig“ in der Praxis von Projekten, die mit Geldern der Entwicklungszusammenarbeit durchgeführt werden? Zunächst bedeutet es einfach, dass das Projekt nicht in sich zusammenfällt, wenn die ausländischen ExpertInnen abziehen. Es gibt eigentlich nur wenige Projekte, welche die Phase des Aufbaus unter ausländischer Patronanz überleben. Die ausländischen Experten beenden ihre Tätigkeit, und die Einheimischen, denen die Fortführung übertragen wurde, verlaufen sich. Eine fortdauernde eigene Finanzierung wurde nicht sichergestellt. Es fehlt an geschultem Personal, das die geschaffenen Einrichtungen weiter betreiben würde. Oder das geschulte Personal ist in besser bezahlte, meist wiederum von ausländischen Entwicklungs-Projekten finanzierte Jobs abgewandert. Und die Expertentruppe zieht zum nächsten Projekt in ein anderes Land.
Wenn Einrichtungen wie eine Wasserversorgung technisch und sozial überleben sollen, dann müssen sie sich finanziell selbst tragen, es muss zuständige Leute für Betrieb und Wartung geben und die Einrichtung muss von der Bevölkerung und im besonderen von verantwortlichen Personen als ihre eigene angesehen werden. Für eine solche Haltung gibt es wiederum ein Schlagwort: Ownership.

Der Südwesten Ugandas ist eines der am dichtesten bevölkerten Siedlungsgebiete Afrikas. Auf fruchtbaren Lavaböden leben mehr als 400 Menschen pro Quadratkilometer, eine Bevölkerungsdichte wie im benachbarten Ruanda, dessen immer wiederkehrende Bürgerkriege sich auch durch die Knappheit an Land erklären. Feld an Feld überzieht die Hügel und Berge mit geometrischen Mustern und machen aus der Landschaft eine einzige Ackerfläche. Es ist eine Subsistenzlandwirtschaft, die der Ernährung der lokalen Bevölkerung dient.
Die Distriktshauptstadt mit dem schönen Namen Kabale an der Grenze zu Ruanda liegt an einem großen Süßwassersee, aber durch einen Berg von ihm getrennt. Deutsche Entwicklungs-Experten haben ein Pumpwerk an den See gebaut, das Wasser über den Berg hinweg und hinunter in die Stadt pumpt. Seither ist in der Stadt an Wasser kein Mangel. Außer der Strom fällt aus, was tagelang der Fall sein kann. Die Pumpen sind nagelneu, deutsche Präzisionsarbeit. Was wird sein, wenn sie einmal repariert werden müssen?
Der österreichische Wassertechniker Hans Schattauer, Experte der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit, bevorzugt einfache Lösungen, die sich finanziell selbst tragen. So eine Lösung hat er in Kisoro, der Hauptstadt des ugandischen Südwestens, angewandt. Dort hat er die Wasserversorgung durch eine Quellfassung realisiert. Finanziert hat das Projekt die staatliche österreichische EZA.

Das Wasser bricht eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt von der Stadt in einer Senke unvermittelt aus dem Boden hervor. Es ist kaltes Wasser bester Qualität, das man ohne Aufbereitung trinken kann. In den 60er Jahren haben Techniker aus der damaligen DDR ein Pumpwerk errichtet, um das Wasser in die Stadt und den halben Bezirk zu pumpen. Die mächtigen Maschinen arbeiteten genau ein Jahr lang – noch heute liegen sie als Museumsstücke vor Ort. Was gefehlt hatte, war die Wartung und die Sicherstellung der Finanzierung für den energieaufwändigen Betrieb.
Heute bringen solargetriebene Pumpen das Wasser in die Stadt. Nicht in jeden einzelnen Haushalt, das könnten sich die wenigsten leisten. Aber zu öffentlichen Wasserhähnen in der Stadt, von denen das Wasser um 25 Ugandashillings (rd. 1 Cent) pro 23 Liter-Kanister bezogen werden kann, ein für fast jeden leistbarer Betrag. Dieser ist notwendig für die Aufrechterhaltung und Wartung der Wasserversorgung. Eingehoben wird er von Verwaltern, den so genannten Tap Attendants. Sie betreiben die einzelnen Wasserabgabestellen in Eigenverantwortung. Ihnen bleiben 10-20 Prozent (je nachdem, wie viel Wasser verschüttet wird) der Einnahmen. 80 Prozent gehen an einen Fonds zur Instandhaltung und zum Ausbau der Wasserversorgung. Diesen Fonds verwaltet ein Komitee, dem die Wasserversorgung der Stadt obliegt. Die Wasserversorgung und die Einnahmen daraus sind vorsorglich aus der Stadtverwaltung ausgegliedert. Damit sind die Wassergelder dem Zugriff geldgieriger Stadtväter entzogen.
So gering der Betrag von 25 USh pro Kanister Wasser auch ist: er reicht aus, um einen Instandhaltungsfonds zu speisen. Außerdem bringt die Wasserabgabe den Wasserstellenverwaltern einen Zuverdienst. Tap Attendants sind oft Frauen. 200 USh, also das Zehnfache des Normalpreises, verlangt eine geschäftstüchtige Wasserwartin vom vorbeifahrenden Weißen, der sich seine Wasserflasche anfüllen will.
Wasser kostet also etwas, Geld oder Zeit und Energie. Denn die KonsumentInnen können entweder ums Eck zur nächsten Wasserabgabestelle gehen und sich einen Kanister Wasser um 25 USh holen. Oder sie gehen den beschwerlichen Weg zur Quelle, wo das verbleibende Wasser weiterhin kostenlos ist, und transportieren die Kanister auf dem Kopf oder auf dem Fahrrad nach Hause.

Eine entscheidende Voraussetzung für die Dauerhaftigkeit („Nachhaltigkeit“) eines Projekts ist seine soziale Einbindung. Das heißt zunächst, dass überhaupt einmal ein Bedarf festgestellt wurde. Dass die Projektplanung und die -realisierung gemeinsam mit den späteren NutznießerInnen durchgeführt werden. Die betreffende Gemeinde muss Eigenleistungen erbringen, damit die Wasserversorgung nicht als Geschenk, sondern auch als eigene Errungenschaft angesehen wird. Personal muss zur Schulung bereitgestellt werden, um den Wasserbetrieb aufrechtzuerhalten. Als Ergebnis sollte das Projekt in den sozialen Strukturen verankert sein.
In dem Gebiet des österreichischen Wasserprojekts werden in den Dörfern Water Committees etabliert, welche die Wasserversorgung als Teil der dörflichen Selbstverwaltung betreiben und aufrechterhalten.
Das ist ein „Knackpunkt“ des Projekts: das Engagement auf der Ebene des Komitees. Es ist schwierig, auf lokaler Ebene Leute zu finden, die längerfristig denken, was Finanzverwaltung und Instandhaltung betrifft. Eigentlich ist dabei an Frauen gedacht, die in diesen Dingen als verlässlicher gelten. Das wäre auch der Beitrag zu – drittes großes Schlagwort – Women Empowerment. Doch in der patriarchalen Gesellschaft der Ackerbauern des ugandischen Südwestens sind die Frauen auf dem Feld, mit den Kindern und mit der Hausarbeit beschäftigt und haben sich zudem noch den Weisungen der männlichen Familienchefs zu fügen Es ist daher schwer, Frauen dauerhaft für öffentliche Aufgaben wie die Wasserversorgung zu mobilisieren.

In der Realität zeigt sich schnell, ob ein echter Bedarf an dem Projekt bestanden hat. Wenn das Wasserkomitee seine Tätigkeit in dem Moment einstellt, da die ausländischen Experten abgezogen sind; wenn die Wasserleitung leck ist und sich wochenlang niemand darum kümmert, wenn sich die Betreiber mit dem eingenommenen Geld betrinken. Oder wenn sie damit ihre eigenen Geschäfte treiben, statt es für die Instandhaltung zu verwenden; sich aber niemand darüber beschwert, weil das Ganze ohnehin ein Werk der Weißen ist, von dem sich jeder seinen Anteil holt.
Eigentlich müssten EntwicklungsexpertInnen in konsequenter Anwendung dieses Konzepts der „Nachhaltigkeit“ daran arbeiten, sich und ihre Projekte überflüssig zu machen. Die innere Logik der Entwicklungszusammenarbeit ist aber eine des Fortbestands ihrer Tätigkeit. Erfolgreich ist in dieser Logik, wer budgetiertes Geld verausgabt und in Projekte umsetzt. Wer Projekte ablehnt, weil sie nicht wirklich gebraucht werden, wird auf Dauer in diesem System nicht erfolgreich agieren. Kleine, einfache, sozial „intelligente“ Projekte wie die kundenfinanzierte Wasserversorgung im Südwestens Ugandas zeigen aber, dass es auch anders geht. Betrieb und Wartung tragen sich nach Abschluss des Installierungsprojekts finanziell selber.
Die Alternative wäre eine Privatisierung der Wasserversorgung in den Städten, wie sie heute von Institutionen wie der Weltbank propagiert wird. In diesem Modell folgt die gesamte Wasserversorgung einer Logik des (meist kurzfristigen) Gewinns, was der „Nachhaltigkeit“ der Wasserversorgung nicht unbedingt zuträglich ist. Wenn sich das Selbstverwaltungsmodell in der Wasserversorgung gegen private Betreiber behauptet, dann zeigt das, dass es neben dem Geld auch andere „nachhaltige“ Regulierungsweisen des Zugangs zu Ressourcen gibt.


Mehr Informationen über die österreichischen Wasserprojekte in Uganda auf www.bmaa.gv.at (Länder, Uganda).

Berthold Unfried ist als Historiker in Forschung und Lehre an der Universität Wien tätig. Für die Entwicklungszusammenarbeit arbeitet er im organisatorischen und publizistischen Bereich.

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