Klein, fein und ausgesucht

Wo wir Bücher kaufen, bestimmt auch darüber, was wir in Zukunft lesen werden. Handverlesene Empfehlungen für Weihnachten vom Buchhändler unseres Vertrauens.

Von Rudi Lindorfer
Noch gibt es sie: die kleinen, feinen Buchläden. Wer das will, sollte auch dort einkaufen.

Wenn das Kirchenjahr im Advent seinen Anfang nimmt, geht das Handelsjahr mit dieser Hoch-Zeit dem Ende entgegen. Für Kleinbetriebe entscheidet sich oft, ob ein Weiterhandeln möglich ist oder ob ein endgültiges Aus bevorsteht. Große Konzerne werden sich von weniger ertragreichen Betrieben trennen und Gewinn optimierend Leute kündigen. Mit dem Kauf oder Nicht-Kauf bestimmen wir, ob wir z. B. einen Konzern, der anstrebt Trinkwasser weltweit als Handelsware zu vermarkten, zu noch mehr Macht verhelfen. Oder, ob der „Gott-sei-bei-uns“ des Buchhandels, der seine gewaltigen Umsätze nicht nur mit Büchern macht, in Zukunft bestimmen kann, was Literatur, also lesenswert ist. Auf der Buchmesse 2012 in Frankfurt wurde Amazon für das Ende vieler kleiner und mittlerer Buchhandlungen verantwortlich gemacht. Leseproben von bei Amazon verlegten Titeln lassen mich Böses ahnen und da bin ich sehr weit davon entfernt, sie mit dem Werk Ernesto Cardenals vergleichen zu wollen. Denn „Das poetische Werk“ enthält nicht nur Meilensteine der lateinamerikanischen Literatur, es ist Weltliteratur. Ich bezweifle, ob Sätze wie im Psalm 57: „Die Freiheit, von der sie sprechen, ist die Freiheit des Kapitals/Ihre ‚freie‘ Welt ist die freie Ausbeutung“ gedruckt worden wären, gäbe es den Peter Hammer Verlag nicht.

Dieser Ausbeutung geht David Graeber in „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ nach. Ihm zufolge steht das sumerische Wort für Freiheit „amargi“ auch für Schuldenfreiheit und er fragte sich, wie aus einem moralischen Begriff ein ökonomischer werden konnte. Mit Leichtigkeit schreibt er von der viele Menschen drückenden Last, zitiert aus Literaturen aller Himmelsrichtungen, untermauert aus philosophischen und heiligen Schriften und selbstverständlich auch aus mehr und weniger einschlägiger Fachliteratur.  „[Schulden] gilt schon jetzt als antikapitalistisches Standardwerk der neuen sozialen Bewegungen“ (Der Spiegel).

Mit ihrem präzisen Stil schreibt Nadine Gordimer in „Keine Zeit wie diese“ über die immer breiter werdende Kluft zwischen Arm und Reich, über Korruption, disparate Besitzverhältnisse, Willkür und Polizeigewalt im neuen Südafrika. Sie seziert die ungelösten Probleme des Landes, doch sie setzt ihnen auch die Liebe zweier Menschen entgegen, die schon im Untergrund an die Zukunft ihres Landes glaubten.

Der Roman „Das lange Lied eines Lebens“ erzählt die Geschichte von July, die kurz vor 1900 der Sklaverei auf einer Plantage auf Jamaika entronnen ist. Andrea Levy führt drastisch vor Augen, was es heißt, als Mensch der Willkür anderer ausgesetzt zu sein, da sie aber July als Freie ihr Leben erzählen lässt, kommt Humorvolles, ohne peinlich zu sein, nicht zu kurz.

Aufklärend und unterhaltsam rollt auch Guido Rüthemann in seinem utopischen Roman „Sonnenfinsternis 2064“ die reale Lage von Menschen auf. Er inszeniert kein Horrorszenario, allerdings könnte es für leidenschaftliche RaserInnen oder für VerfechterInnen des Neoliberalismus eines sein. Zwei Freundinnen, eine Österreicherin und eine Chilenin, setzen sich in ihrer keineswegs vollkommenen Gegenwart mit der Vergangenheit, mit unserer Zeit, auseinander, zeigen auf, was falsch gelaufen ist, was sich zum Wohle der Menschheit geändert hat (Chile hat z. B. das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt) und worauf sie noch hoffen. Und die wunderbaren Geräte gibt es schon auch, mit denen sich nicht nur Zeitreisen in die Vergangenheit bewerkstelligen lassen, man kann sogar in einem anderen sein und mit ihm denken.

Ein außergewöhnliches Werk ist „Atlas eines ängstlichen Mannes“. Der Mann ist Christoph Ransmayr, der das Sein von Menschen, ihren Alltag, ihr Glück und Unglück in nahen und fernen Erdgegenden in siebzig Episoden einfühlsam und mit großer schriftstellerischer Meisterschaft kartographiert hat. Sein „Ich sah“, mit dem jeder der Abschnitte beginnt, ist kein prophetisch-apokalyptisches, sondern ein bezeugendes. Frei nach Goethes Faust (Erster Teil, Zeile 1922) sage ich: „[Es] ist mit [Atlas eines ängstlichen Mannes]/Wie mit einem Weber-Meisterstück/Wo ein Tritt tausend Fäden regt.“ Allerdings spricht der Atlas nicht nur das Denken, sondern auch Gefühle an.

Der Autor ist Buchhändler in der Südwind Buchwelt und lebt in Wien.

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