Kleine Fische

Immer öfter bleiben die Netze leer. Ghanas Kleinfischerei kämpft ums Überleben.

Von Irmgard Kirchner
Pirogen vor Winneba: 130.000 solcher Unikate gibt es in Ghana – noch.

Dienstag ist der Sonntag der Fischer. Bunte Boote schaukeln in Sichtweite verankert im Wind. Auf dem schmalen Streifen Strand vor Jamestown östlich der Hauptstadt Accra türmen sich trocken gelegte Boote zwischen einfachen Holzhäusern mit Wellblechdach. Die Männer sind an Land. Sie flicken die riesigen Netze, dösen in der Nachmittagssonne und arbeiten an ihren Booten. Ayala, ein junger Fischer mit Dreadlocks, streicht seine Piroge liebevoll neu. Diesmal blau-rot gestreift – einschließlich der Ruder. „Es wird ein richtiges FC-Barcelona-Boot“, erklärt er stolz. Fußball, starke Farben und Sinnsprüche schmücken die bis zu 40 Meter langen Pirogen, deren Rumpf aus einem einzigen Holzstamm geschlagen wird. Etwa 13.500 solcher Boote gibt es in Ghana, jedes ein Unikat und fast alle mit kleinem Außenbordmotor. Auf ihnen fahren geschätzte 130.000 Männer regelmäßig aufs Meer.

„Dienstag ist auch der Tag, an dem wir unsere Konflikte schlichten“, erklärt Nii Abeo Kyerekuanda. Der alte Mann, Zeit seines Lebens Fischer, leitet den Dachverband der ghanaischen Pirogenfischer (Ghana National Canoe Fishermen Council).

Fischer zu sein ist mehr als ein Beruf, traditionell bedeutet es auch, Mitglied einer engen Gemeinschaft zu sein, die auf ein geregeltes und organisiertes Miteinander angewiesen ist. Die Position der Netze beeinflusst die Fangmenge. Unter den einzelnen Fischern wird dann ein Ausgleich gesucht.

„Früher konnte man überall und zu jeder Tageszeit ausfahren, es gab Fisch im Überfluss“, erzählt Nii Abeo Kyerekuanda. Seit Beginn der 1990er Jahre allerdings gingen die Fänge spürbar zurück. Einige der lokalen Fischer reagierten mit aggressiveren Methoden. Fischen mit Licht, Dynamit, oder mit engmaschigeren Netzen – mittlerweile verboten – hätten das Problem verschärft. „Sie machen das dennoch, aus Frustration“, sagt der alte Fischer, „weil sie einfach nicht genug fangen.“

Doch das ist nur eine Form illegaler Fischerei. Westafrikas Fischgründe werden nämlich nicht nur legal geplündert, mit Lizenz und Partnerschaftsabkommen. Die industrielle Hochseefischerei wildert auch in großem Stil (siehe Beitrag auf Seite 12). Und immer wieder dringen Trawler an der Küste Ghanas in die Zone ein, die der Kleinfischerei, der sogenannten handwerklichen Fischerei vorbehalten ist, den Bereich von 30 Metern Meerestiefe und mindestens 15 Kilometern Breite. Dabei kommt es zu gefährlichen Begegnungen. Neenyi Nioni Kaako ist Chief Fisherman von Winneba in der Central Region von Ghana. Das lokale traditionelle Oberhaupt in Fischerei-Angelegenheiten berichtet von unbekannten Schiffen mit bewaffneten Besatzungen, die Pistolen auf aufgebrachte Fischer gerichtet hätten.

Meist bleibt der Feind jedoch unsichtbar und zerstört in der Nacht die von den handwerklichen Fischern ausgelegten Netze. „Vor zwei Wochen habe ich 16 meiner 24 Netze verloren, weggerissen von einem Schiff, das mit einem Grundnetz gefischt hat“, klagt Kojo Bassah, ein Berater des Chief Fisherman. Die Fischer erhalten keine Entschädigung. Die Kennzeichen der fremden Schiffe sind schwer zu entziffern oder absichtlich abgedeckt. Viele Fischer können nicht lesen. Selbst wenn es gelingt, das Schiff zu identifizieren, bleibt die Anzeige folgenlos.

Kwame Abatea Bondzie hat kürzlich sechs Netze verloren. Ihm entgeht gerade die Hering-Saison. Wie die meisten Fischer hat er keine Ersparnisse, um die zerstörten Netze zu ersetzen. Und zu wenig Bildung für andere Verdienstmöglichkeiten.

Fischen ist mehr als ein Beruf, es ist eine Lebenswelt. Auf dem Wasser eine gefährliche Welt der starken Männer, die unter rhythmischen Gesängen und tanzend ihre Netze einholen. Wenn sie an Land zurückkommen, werden sie von vielen Frauen erwartet.

Frauen, die Fisch für ihre Familie kaufen wollen, aber auch Zwischenhändlerinnen und andere Geschäftsfrauen. Eine von ihnen ist Adua Adjowa Breba.

„Es gibt nicht genug Fisch und jedes Jahr wird er weniger“, klagt sie. In Ghana liegen Handel und Weiterverarbeitung der Fische aus handwerklicher Fischerei weitgehend in Frauenhand. Seit drei Stunden wartet Adua am Strand von Winneba auf die Rückkehr des Bootes, das ihr gehört. Sie hat die Ausfahrt bezahlt. Der Fang wird dann durch drei geteilt: ein Drittel für die Fischer, ein Drittel für die Kosten und ein Drittel für die Bootseignerin.  An guten Tagen hat Adua Adjowe Breba binnen einer Stunde den frisch gefangenen Fisch geräuchert und für den Verkauf im Hinterland vorbereitet. An einem schlechten Tag allerdings kommen die Fischer mit leeren Netzen zurück und sie hat 300 Cedis, umgerechnet 120 Euro, verloren.

Fisch ist in Ghana sehr beliebt und als Proteinquelle für die Bevölkerung unverzichtbar. Mit 25 Kilogramm pro Jahr essen GhanaerInnen zwölf Kilo mehr als der afrikanische Durchschnitt und zehn Kilo mehr als weltweit gerechnet verzehrt wird. 2,5 Millionen Menschen, rund zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, arbeiten direkt oder indirekt im Fischereisektor, der 4,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht. Der Export von Fisch, teilweise verarbeitet und zum Großteil Thunfisch, hat dem Land im Jahr 2011 256 Mio. US-Dollar an Devisen eingebracht.

Ghanas handwerkliche Fischer arbeiten seit Jahrhunderten für ihren Lebensunterhalt auf eine Weise, die den Fortbestand der Meereslebewesen gesichert hat. Heute sind sie die schwächsten AkteurInnen in diesem Sektor. „Wir sind so verletzbar und können mit der industriellen Fischerei nicht mithalten. Die handwerkliche Fischerei stirbt“, klagt Nana Jojo Salomon, Chief Fisherman von Elmina. Die Fischergemeinschaften würden verarmen, Prostitution, Kriminalität und Drogenmissbrauch zunehmen. Nana Jojo Salomon engagiert sich bei einem neu gegründeten zivilgesellschaftlichen Netzwerk. Diese Civil Society Alliance for Fisheries Agenda (CAFA) will die nachhaltige handwerkliche Fischerei stärken. Und wie andere Fischer erhebt er bittere Vorwürfe gegen die Regierung und die zuständige Behörde, die die Einhaltung der Gesetze und den Schutz der handwerklichen Fischerei nicht durchsetzen.

Samuel Quorte, der Direktor der Fisheries Commission, der staatlichen Fischereibehörde, die dem Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft unterstellt ist, spielt die Probleme der handwerklichen Fischerei herunter. Zu Jahresbeginn habe Ghana vier neue Schnellboote gekauft, zur Überwachung der Küsten inklusive der Bekämpfung der illegalen Fischerei und Wilderei. Aktuell seien aus den letzten beiden Jahren 40 Fälle illegaler Fischerei bei den lokalen Gerichten anhängig. „Wir haben schon viel gemacht“, aber „rechtliche Angelegenheiten brauchen Zeit.“ Er sieht die Zukunft von Ghanas Fischereisektor in der Aquakultur. Die Regierung eines Landes, das an die fischreichsten Gebiete der Erde grenzt, setzt auf Fischzucht in Käfigen.

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