Kleine Schritte

Das Thema Religion scheint im ägyptischen Feminismus kaum noch hinterfragt zu werden. Dies festigt die konservativen Traditionen des Landes.

Von Kristina Bergmann
Dauerthema Kopftuch: Sehen es ältere Feministinnen noch als Zeichen der Unterdrückung, argumentiert die junge Generation ganz anders.

Heba Raouf gehört aus vielen Gründen zu den bekanntesten Frauen Ägyptens. Sie ist streng muslimisch, gleichzeitig feministisch und lehrt außerdem islamische Politologie. Auch ihre Kleidung mag zum Ruhm beigetragen haben. Die 45-jährige Heba Raouf trägt den „Khimar“, einen glatten Kopfschleier, der die Haare bedeckt und über die Schultern fällt. Vermutlich ist Raouf die einzige gebildete und wohlhabende Ägypterin, die den Khimar trägt, da er als Verhüllung der Unterschichtfrauen in Ägypten gilt. Er wurde kreiert, weil er praktisch und günstig ist. Unter dem Khimar hat Heba Raouf ein weites undurchsichtiges Kleid an. Wie es sich ihrer Meinung nach schickt für eine fromme Muslimin.

Wenn die muslimische Feministin den Mund aufmacht, lauschen alle ZuhörerInnen gespannt. „Feminismus und Islam sind kein Widerspruch“, erklärt sie. Für Raouf deckt der Islam alle Belange des Lebens und der Emanzipation ab: „Der Koran verbietet der Frau nicht zu arbeiten, verlangt, dass sie das Geld, das sie in die Ehe gebracht hat oder verdient, behält und erlaubt ihr die Scheidung.“ Gleichzeitig ist die Wahrheit des Islam für sie unhinterfragbar.

Wohl deshalb kritisiert Raouf teure und auffallende Kleidung. Sie findet, dass Musliminnen bescheiden sein und ihre körperlichen Reize bedecken sollten. Obwohl Raouf diese Ansichten auch ihren Töchtern vermittelt, ist es unwahrscheinlich, dass diese den in der Oberschicht als ärmlich und hässlich geltenden Khimar tragen werden. Viele Ägypterinnen richten sich lieber nach der Mode, und vor allem Jüngere ziehen heute enge Tops an. Gleichzeitig müssen sie islamische Regeln beachten. Vor allem sollte ihre Haut bedeckt sein, was sie mit einem langärmligen, hautfarbenen Body bewerkstelligen. Nackte Haut ist ein Sexsymbol und Hitze keine Entschuldigung. Weiter sollen aufreizende, weibliche Körperteile möglichst wenig auffallen. Da lange Blusen, Mäntel und das Tragen von Kleidern über Hosen gerade „in“ sind, kommt die jetzige Damenmode islamischen Bedürfnissen entgegen. Um den Kopf schlingen junge Ägypterinnen heute oft mehrere Tücher, denn die voluminöse Verschleierung sieht in ihren Augen besser als ein einfaches Kopftuch aus.

In Ägypten sind die Gesellschaft und ihre Hierarchie wesentlich größere Hemmschuhe für Fortschritt und Emanzipation als der Islam. Der Koranvers, der die Überlegenheit des Mannes besonders gut ausdrückt, wird in Ägypten gern zitiert: „Die Männer stehen über den Frauen, weil Gott sie ausgezeichnet hat und wegen der Ausgaben, die sie von ihrem Vermögen gemacht haben.“ (Sure 4, Vers 34). Über die Deutung wird viel gestritten. KritikerInnen weisen darauf hin, dass die Stellung der Frau bei den christlichen KoptInnen in Ägypten doch ganz ähnlich sei wie bei den MuslimInnen. Mit dem Vers lassen sich eher alte bestehende Traditionen untermauern.

Heirat bleibt weiterhin Pflicht in Ägypten: Die Ehe wird im Koran als „halbe Welt“ bezeichnet. Auch ägyptische Traditionen, laut denen Frauen am besten verheiratet und Mütter sind, fordern das. Diesen Traditionen folgen nicht nur MuslimInnen, sondern auch KoptInnen.

„In Ägypten hat noch nie eine echte Revolution stattgefunden, weshalb konservative Werte bis heute Bestand haben“, sagt die 1931 geborene Nawal al-Sadawi, die älteste und bekannteste ägyptische Feministin. Sie war Ärztin und sorgte in den 1970er Jahren mit ihren feministischen, antipatriarchalischen Ansichten für Aufsehen. Sadawis Meinung nach ist es mit Reformen für Frauen aber nicht getan: „Wir leben in einer Diktatur. Das wird sich weder durch Frauen im Parlament, noch durch die Wahl einer Staatspräsidentin ändern.“ Für Sadawi ist die antifeministische Ordnung Ägyptens nur Teil der allgemeinen staatlichen Unterdrückung.

Doch in Ägypten sind in den letzten Jahren mehrere frauenfreundliche Änderungen eingeführt worden. Zu ihnen gehören das Verbot der weiblichen Beschneidung, die Möglichkeit für Frauen, sich islamisch scheiden zu lassen und die Einführung einer Quote von knapp 13 Prozent weiblicher Abgeordneter. In den Augen Sadawis sind diese Umgestaltungen nicht der Rede wert, da sie das unterdrückerische politische System nicht beenden. In Wahrheit haben sie jedoch für viele Frauen alltägliches Leid stark gemindert.

Mahitab al-Jilani ist ähnlicher Meinung, aber 52 Jahre jünger als die 79-jährige Sadawi. Jilani vertritt einen „unverkrampften“ Feminismus, wie er heute in Ägypten häufig anzutreffen ist. In der liberal-politischen Bewegung „6. April“, welcher der frühere Chef der Internationalen Atombehörde Baradei vorsteht, ist sie aktives Mitglied. „Ob jemand Muslim oder Christ, Mann oder Frau, alt oder jung ist, spielt in unserer Gruppe keine Rolle“, sagt Jilani.

Dennoch trägt die 27-jährige Ingenieurin Jilani den islamischen Kopfschleier. Während für die ältere Generation von Feministinnen wie Sadawi die Verschleierung ein Zeichen der Unterdrückung der Frau ist, argumentieren junge ägyptische Feministinnen wie Jilani anders. Die Befürwortung des Kopfschleiers ist auch Raoufs Credo. „Frauen und Männer sind verschieden, aber ergänzen sich“, sagt sie. Eine Bevorzugung der Männer im Islam sieht sie nicht. Religion scheint im ägyptischen Feminismus heute unantastbar geworden zu sein. Eine Hinterfragung kann kaum noch stattfinden.

Ägyptische Feministinnen von heute wie Jilani wollen Menschenrechte und Freiheit. In Raoufs Augen harmonieren diese Forderungen durchaus mit dem Islam. Auch Sadawi wünscht diese Dinge, doch steht ihrer Ansicht nach der Islam zumeist im Widerspruch dazu. Jilani unterscheidet sich von beiden, da sie Religion zwar wichtig findet, doch nur auf persönlicher Ebene. Im Rechtssystem geht es laut ihr nicht ohne Politik.

Daheim schaut die Welt für Jilani völlig anders aus. „Dort bin ich das Mädchen und verrichte deshalb Hausarbeit“, sagt sie. Sie habe zwar Brüder, doch weder die noch der Vater seien gewohnt, ihre Töchter oder Schwestern bei der Hausarbeit zu unterstützen.

An dem Punkt setzt die feministische Kritik der 30-jährigen Marwa Suleiman an. Ihr Ehemann helfe ihr höchstens am Wochenende im Haushalt, sagt sie. An den übrigen Tagen sitze er faul im Sessel und lasse sich bedienen, sagt Suleiman. Er finde, als Ehefrau sei Haushalten ihre Aufgabe. Marwa Suleiman hat ein kleines Kind und arbeitet seit ihrem Studienabschluss als Übersetzerin. „Daheim bin ich Hausfrau. Im Grunde genommen besorge ich den Haushalt aber genauso ungern wie mein Mann“, sagt sie. Dennoch hat Marwa Suleiman, weil sie ein Kind wollte, geheiratet. Das sei nötig gewesen, sagt sie, denn in Ägypten sei es eine extreme Herausforderung, ein uneheliches Kind zu erziehen.

In der „Außenwelt“ wird die Emanzipation der Frau also zunehmend akzeptiert. Viele Frauen gehen mit Zustimmung ihrer Männer arbeiten. Doch daheim bleiben die alten Regeln noch meist bestehen. Hausarbeit besorgt zumeist die Ehefrau. Auch andere Dinge sind den gesellschaftlichen Regeln unterworfen, wie beispielsweise Auto fahren, das den Männern vorbehalten ist. Ist genügend Geld da, wird auch für die Ehefrau ein Wagen gekauft. Allerdings sitzt sie nur am Steuer, wenn er nicht dabei ist.

Frauen haben in Ägypten weniger Rechte als ihre Ehemänner. Bei der Eheschließung erhält der Bräutigam automatisch das Recht zur Scheidung. Eine Braut müsste es hingegen speziell einfordern; da das gesellschaftlich als unfein gilt, tut sie es praktisch nie. Marwa Suleiman drückt es so aus: „Der gesellschaftliche Druck im traditionellen Ägypten ist sehr groß.“ Zwar studieren gebildete Ägypterinnen, doch eher um ihren Wert auf dem Heiratsmarkt zu erhöhen.

Gleichzeitig scheint es in Ägypten zu brodeln, vor allem wenn es um das Thema uneheliche Kinder geht. 2008 gab es eine Gesetzesänderung, die die bis dahin fast in die Nicht-Existenz getriebenen Kinder „legalisiert“. Sie erhalten den Namen ihrer Mutter und eine Geburtsurkunde – Rechte, die bis dahin unehelichen Kindern verwehrt blieben. Eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, wie ein Schulbesuch, wurde dadurch zu einer enormen Hürde. Somit bedeutet die Änderung bereits eine kleine gesellschaftliche Revolution, die Frauen neue Freiheiten bietet.

Kristina Bergmann lebt in Kairo und ist Korrespondentin der NZZ.

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