Kleiner Jesus, große Mode

Im historischen Zentrum der mexikanischen Hauptstadt gibt es eine Unmenge von Geschäften, die sakrale Gegenstände verkaufen. Spitzenreiter sind das Jesuskind und die Jungfrau von Guadalupe. Fast jeder mexikanische Haushalt hat einen kleinen Altar für seine Heiligen.

Von Bernadette Felber
Lichtmess-Prozession (Maria Candelaria), 2.Februar.

Am 12. Dezember pilgern jährlich tausende Menschen aus dem Landesinneren zur Basilika der Jungfrau von Guadalupe in Tepeyac, einem Stadtteil der mexikanischen Hauptstadt. Die PilgerInnen schmücken ihre Fahrzeuge mit Blumen, und auf dem Weg werden kleine Altäre festlich mit Blüten und bunten Papiergirlanden dekoriert.

1531, zehn Jahre nach der Eroberung von Tenochtitlan durch die Spanier, soll es in Tepeyac mehrere Marienerscheinungen gegeben haben – am selben Ort, wo früher die aztekische Erdgöttin Tonantzin verehrt wurde.

Heute ist die Basilika der wichtigste Pilgerort in Mexico; das Bild der Jungfrau Maria im Sternenmantel, auf einer Halbmondsichel stehend, verbreitete sich ab dem 16. Jahrhundert über Spanien nach ganz Europa.

In einer Metropole wie Mexiko-Stadt, in der etwa ein Viertel der 110 Millionen EinwohnerInnen des Landes lebt, existieren Reichtum und Modernität sowie Armut und Kriminalität unmittelbar nebeneinander. Die Lebendigkeit des christlichen Glaubens ist eine wichtige Hilfe im täglichen Überlebenskampf, besonders für die etwa 15 Millionen, die unterhalb der Armutsgrenze leben.

Im Gefolge der Conquista und der damit einhergehenden Zwangskatholisierung wurden Symbole der indianischen Götter adaptiert und als Attribute christlichen Abbildungen zugeordnet. Etwa die Jungfrau Maria, die mit ihrer Halbmondsichel an eine Mondgöttin erinnert. Erstaunlicherweise hat diese Tradition alle politischen Umschwünge überstanden. Die mexikanische Revolution von 1810, angeführt vom Priester Miguel Hidalgo, erkor die Jungfrau von Guadalupe zu ihrem Symbol.

In der Vorweihnachtszeit findet man im Zentrum der Hauptstadt ganze Straßenzüge mit Geschäften, in welchen man Kleider für sein Jesuskind kaufen kann, um ihm individuell ein neues Outfit zu geben. Auch eigene DesignerInnen und Schneidereien widmen sich diesem Brauchtum. Am Weihnachtstag wird die Puppe in die Krippe gelegt. Zur Abendmesse wird sie dann in die Kirche gebracht, um sie dort segnen zu lassen, ebenso zu den Heiligen Drei Königen und am 2. Februar, Maria Candelaria oder Lichtmess.

Die Ausstattung wächst mit dem Alter der Figur mit: Im ersten Jahr wird das Jesuskind liegend in einem weißen Kleid aufbewahrt, ab dem 2. Jahr wird es in einen kleinen Sessel gesetzt. Ab dann variiert seine Bekleidung sehr individuell, wobei es unzählige Anregungen von Zeitschriften und Geschäften gibt.

Der 6. Jänner, der Tag der Heiligen Drei Könige, ist vor allem bei Kindern sehr beliebt, denn da gibt es immer Geschenke und die traditionelle Rosca, einen Kranz aus Germteig mit kandierten Früchten, welcher kleine hitzebeständige Plastikmännchen enthält. Erhält man ein Stück mit einer dieser Figuren, ist man verpflichtet, Familie und Freunde am 2. Februar zu Tamales, gefülltem Maisteig und Atole, einem aus Maismehl hergestellten Getränk, einzuladen …

40 Tage nach Weihnachten, am 2. Februar, feiert man das nächste große Fest, Maria Candelaria oder Lichtmess – zugleich der letzte Tag der Weihnachtszeit und das bedeutendste Fest in der Tradition des Niño Jesús. An diesen Tag gedenkt man der Einführung des 12-jährigen Jesus in den Tempel in Jerusalem; ab diesem Alter gilt ein Kind als erwachsen. Er wird mit vielen Blumen und Kerzen zelebriert.

Xochimilco im Süden von Mexiko-Stadt, aztekisch für „Ort des Blumenfeldes“, ist ein beliebtes Ausflugsziel für die HauptstadtbewohnerInnen, bekannt auch für seine besonders schöne Feier und Prozession zu Maria Candelaria. Der Stadtteil ist ein ausgedehntes Naturschutzgebiet, dessen unzählige Kanäle mit den Chalupas, kleinen, bunt bemalten Booten mit Stühlen und einem Tisch, befahren werden.

Schon einige Tage vor Maria Candelaria wird im Ort ein riesiger Markt installiert, wo man alle Utensilien für das große Fest findet – bis hin zu Reparaturwerkstätten, die beschädigte Jesuskindlein wieder mit neuem Glanz versehen.

Ein Niño Jesús wird oft über Generationen in der Familie weitergereicht. Neben traditionellen Kleidern findet man auch sehr kuriose Kostüme, inspiriert von Walt Disney-Figuren bis hin zu berühmten Fußballstars. Dies zeigt, dass der wesentliche Wert dieser Tradition nicht nur in Erinnerung an das Kind Jesús liegt, sondern vor allem in der Wertschätzung und Bedeutung der Kinder in der mexikanischen Gesellschaft.

Am 2. Februar füllt sich der Vorplatz zur Kirche San Bernadino de la Siena für die Messe und die Segnung der Jesus-Figuren. Anschließend findet eine Prozession durch den Ort statt, angeführt von den Chinelos, tanzenden MusikerInnen. Sie tragen einen konischen Kopfschmuck, eine Gesichtsmaske und lange bunte Kleider als satirische Imitation der prunkvollen Karnevalskostüme der Kolonialherren. Mit dem Brinco de los Chinelos, dem Tanz der Chinelos, wird die Karnevalzeit eingeleitet.

Bis in die Nacht hinein wird mit Feuerwerken gefeiert, dann bekommen die Jesuskinder wieder ihren Platz in der Familie und werden im Familienkreis als Schutzgötter für das Heim angebetet.

Die österreichische Fotografin Bernadette Felber lebte und arbeitete mehrere Jahre in der mexikanischen Hauptstadt und ist kürzlich nach Montevideo, Uruguay, übersiedelt.

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