Kleines Handy, großer Sprung

Wie eine indigene Gemeinschaft in Indien sich das Netz zunutze macht, berichtet Mari Marcel Thekaekara.

Per Handy ins Netz – ganz normal für die Adivasi im Gudalur-Tal.© Mari Marcel Thekaekara

Seit vielen Jahren kämpfen die Adivasi im Gudalur-Tal im indischen Bundesstaat Tamil Nadu gemeinsam mit ACCORD, einer lokalen NGO, und dem so genannten Fortschrittsbund der Adivasi (AMS) für die Verbesserung ihrer Lebensumstände. Sie leben weit verstreut in kleinen Dörfern, was bisher sowohl die Kommunikation als auch die Bereitstellung von Dienstleistungen schwierig gemacht hat.

Dann kam die Breitband-Technologie, und die MitarbeiterInnen der Organisationen fragten sich: „Warum sollten wir diese Technologie eigentlich nicht nutzen, um die Leute ins digitale Zeitalter zu katapultieren?“ Und Ramshreyas kam ins Spiel – ein junger Filmemacher, der leidenschaftlich gerne Apps entwickelt und in Kontakt mit der lernbegierigen Adivasi-Gemeinschaft steht.

Voller Begeisterung nahm er seine Aufgabe in Angriff: die Schaffung einer persönlichen digitalen Identität für die rund 25.000 Adivasi der Region. Ram­shreyas hatte die Idee, dafür einen QR-Code zu verwenden, eine Art zweidimensionalen Barcode, der etwa mittels Smartphone gescannt werden kann.

Mühsame Arbeitsschritte. Der AMS setzte sich sofort ein ehrgeiziges Ziel: Alle Gudalur-Adivasi sollten einen Ausweis erhalten, auf dem ihr persönlicher QR-Code aufgedruckt war. Suresh, einer der LeiterInnen des AMS, der sich das Programmieren selbst beigebracht hatte, erkannte die Chance, die Technologie für die „Adivasi Tea Leaf Marketing Society“ (ATLM) zu nutzen. In der Kooperative haben sich 450 lokale TeepflanzerInnen zusammengeschlossen, um eine bessere Position gegenüber den lokalen Teefabriken zu haben.

Die Abholung und der Verkauf des Tees stellten kein Problem dar, doch die Buchhaltung war ein Albtraum: Die Teeblätter mussten bei der Abholung in den einzelnen Dörfern abgewogen und die übernommenen Mengen in dreifacher Ausfertigung bestätigt werden, eine davon für die Bäuerinnen und Bauern. Die Ware wurde dann mit dem LKW zu zwei Fabriken gebracht, die ebenfalls Bestätigungen für die gelieferten Mengen ausstellten. Danach mussten sich der LKW-Fahrer und seine Helfer jeden Tag zusammensetzen und notieren, welche Menge Teeblätter von wem abgeholt und wieviel an die beiden Fabriken geliefert wurde und ob die Mengen übereinstimmten. Diese Aufstellungen wurden zusammen mit den Bestätigungen zum regionalen AMS-Büro gebracht, wo sie in einen Computer eingegeben wurden. Das hätte theoretisch problemlos funktionieren sollen, aber in der Praxis tauchten ständig Abweichungen auf, was für alle Beteiligten frustrierend war und zu Spannungen führte.

Weniger Aufwand, weniger Fehler. Als Suresh eine Open Source-Anwendung namens „Open Data Kit“ kennenlernte, wurde ihm sofort klar, dass sich mit dieser Software eine nahtlose und fehlerfreie Buchhaltung sicherstellen ließ. Er entwickelte eine App für ein Handy, das den Abholern mitgegeben wurde. Anstatt die Übernahme in dreifacher Ausführung zu bestätigen, brauchten sie nur mehr die Menge der übernommenen Teeblätter mit der entsprechenden ID in das Mobiltelefon einzugeben; genauso bei der Lieferung der Teeblätter an die Fabrik. Dann parkten sie ihren LKW einfach vor dem Büro, loggten sich in das lokale Netz ein und übermittelten die Daten an eine webbasierte Software. Und siehe da – die Konten aller Bäuerinnen und Bauern waren aktualisiert.

Wer hätte gedacht, dass Adivasi, die nie zur Schule gegangen sind, direkt ins digitale Zeitalter einsteigen könnten? Und noch dazu mit einem System, das von ihnen selbst entwickelt wurde? Kein Wunder, dass sie mit dem „Mobile for Good Award“ der Vodafone Stiftung und dem „mBillionth Award South Asia“ der indischen „Digital Empowerment Foundation“ ausgezeichnet wurden.

Netz-Begeisterung. „Früher kamen wir uns oft in die Haare, und es gab böses Blut zwischen uns und den Buchhaltern“, erzählt Krishnan, ein Adivasi-Bauer aus der Gegend. „Heute gibt es einfach keine Fehler mehr. Das ist schon eine große Erleichterung.“ Einen weiteren Vorteil nennt die Bäuerin Sharda: „Früher mussten wir vier bis fünf Tage warten, bis alles auf unseren Konten verbucht war und wir bezahlt wurden. Heute holen wir uns das Geld am nächsten Vormittag.“

„Uns hat das vor Augen geführt, dass Computer tatsächlich unser Leben verändern können“, meint der Lehrer Shanta. „Nun begreifen unsere Kinder, die die Schule abgebrochen haben, dass Lernen mit Computern Spaß machen kann. Also haben wir ein Computer-Schulungszentrum gegründet.“

Beeindruckt zeigt sich auch Shivajaran, eine der lokalen Führungspersönlichkeiten. „Wir konnten kaum unsere eigenen Namen schreiben, aber unsere Kinder verwenden Computer. Selbst ich habe jetzt gelernt, WhatsApp zum Austausch von Nachrichten zu verwenden, im Internet zu surfen und E-Mails auf meinem Handy zu empfangen.“

Alle im Bild. Der Erfolg der Tee-Kooperative brachte lokale AnführerInnen, LehrerInnen und GesundheitsberaterInnen sogar dazu, sich Geld zu leihen, um Handys zu kaufen und eine WhatsApp-Gruppe zur besseren Kommunikation untereinander zu gründen. Als etwa nach schweren Regenfällen das Dach des Hauses einer älteren Witwe einstürzte, wurde allen ein Foto des Unglücks geschickt. Sofort meldeten sich Jugendliche, die helfen wollten, ein neues Dach zu bauen. Schlechte Nachrichten lassen sich auch nicht mehr unterdrücken. Als Förster kamen, um von Adivasi gepflanzte Kaffeesträucher zu beseitigen, war die WhatsApp-Gruppe sofort im Bilde.

Mit Unterstützung der „Digital Empowerment Foundation“ haben die mittlerweile digital gewieften Adivasi nun ein Informationszentrum für ihre Gemeinschaft aufgebaut, das sich auf dem neuesten Stand der Technik befindet: Hier kann man etwa online Anträge stellen oder einfach per Web Englisch lernen. Also aufgepasst, Bill Gates: Jetzt kommen die Adivasi!

Mari Marcel Thekaekara ist indische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin. Sie lebt im Bundesstaat Tamil Nadu und hat 1985 die Organisation ACCORD mitbegründet.

Übersetzung: Robert Poth

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