Kleinwaffen: gefährlich unterschätzt

Editorial: Kriminelle Ökonomie

Von Robert Poth
Kleinwaffen und ihre zentrale Rolle in Bürgerkriegen sind in den letzten Jahren zu einem der ?heißen? Themen auf regionaler und internationaler Ebene aufgestiegen. Den vorläufigen Höhepunkt erlebt diese Entwicklung vom 9. bis 20. Juli bei einer Konferenz der Vereinten Nationen in New York, die sich auf den illegalen Handel mit Kleinwaffen konzentriert. Das Ziel: Maßnahmen gegen die weltweite Verbreitung von Kleinwaffen, den eigentlichen ?Massenvernichtungsmitteln? in diesen Konflikten. Parallel dazu wird das Thema auch in Wien verhandelt: Hier geht es um ein Protokoll zur Konvention gegen die transnationale organisierte Kriminalität vom Dezember 2000.

Diese Initiativen und ihr Hintergrund werden auf den folgenden Thema-Seiten dargestellt bzw. bewertet ? angereichert mit einer Reportage vom Horn von Afrika von Dominic Johnson und einem Seitenblick auf die österreichische Waffenindustrie, ein Bereich, in dem nach wie vor kaum Transparenz herrscht.

Eigentlich hätten beide Prozesse durchaus zusammengelegt werden können. Denn ob nun Bürgerkriege oder Drogenhandel den Hintergrund abgeben, geht es hier wie dort im Kern oft um das selbe: um im internationalen Maßstab organisierte Verbrechen. Berichte zu Waffen- und Diamantenembargos im UN-Sicherheitsrat lesen sich heute wie Polizeiprotokolle; nur die Dimension mag sich unterscheiden. Einen verbindenden Ansatz liefert der Sozialwissenschaftler Peter Lock, der auf den Seiten dieses Themas ausführlich zu Wort kommt: In jedem Fall geht es um soziale Räume außerhalb des staatlichen Gewaltmonopols, die sich in Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Globalisierung entwickeln und in denen ökonomische Transaktionen zunehmend unter Einsatz von Gewalt stattfinden. Kleinwaffen sind einfach das ideale Mittel dafür.

Genau so lässt sich auch die Situation am Horn von Afrika verstehen. Ein ?schwacher Staat? tendiert, konfrontiert mit einem privaten Aufrüstungswettlauf, zur Auflösung. In diesem keineswegs ?herrschaftslosen? Raum gilt das Recht des Stärkeren.

Was letztlich Crackdealer in Detroit, Viehräuber in Nordostkenia und etwa die Rebellen in Sierra Leone oder Angola unterscheidet, ist vielleicht bloß die Ergiebigkeit ihrer Einkunftsquelle. Die bestimmt ihre Expansionskapazität und ihren Operationsradius: Der bleibt im Fall der kenianischen Viehräuber regional, reicht in Detroit vielleicht bis nach Miami und in Sierra Leone jedenfalls bis Antwerpen, wo die Diamanten jene Devisen erlösen, die zum Erwerb der Waffen benötigt werden.


Kleinwaffen

500 Millionen Stück
weltweit

Was sind Kleinwaffen?
Klein- und Leichtwaffen (kurz ?Kleinwaffen?) umfassen nach einer Definition der UNO alles, was von einer bzw. zwei Personen getragen und bedient werden kann. Das Spektrum reicht von Pistolen, Sturmgewehren wie dem sowjetischen AK-47 (?Kalaschnikow?), leichten Maschinengewehren und Granatwerfern (bis zum Kaliber 100 mm) bis hin zu ?High-Tech?-Waffen wie tragbaren US-Fliegerabwehrwaffen (?Stinger?). Ebenso eingeschlossen ist die dazugehörige Munition sowie Sprengkörper.

Merkmale der Kleinwaffen
Kleinwaffen sind zumeist relativ billig, leicht zu bewegen, leicht zu verbergen und zu schmuggeln. Ihre Bedienung ist rasch erlernbar, und sie sind sehr langlebig und wenig störanfällig.

Kleinwaffen als

Massenvernichtungsmittel
Kleinwaffen sind insbesondere in Bürgerkriegen das wichtigste Gewaltmittel, wenn auch der taktische Einsatz größerer konventioneller Waffen oft eine wichtige Rolle spielt. Kleinwaffen werden für 90 Prozent der bis zu 30 Millionen Todesopfer aller bewaffneten Konflikte seit 1945 verantwortlich gemacht. Mehr als die Hälfte der Opfer in den neunziger Jahren waren Zivilpersonen, schätzt das Internationale Rote Kreuz.

Überangebot am Weltmarkt
Das Ende des Kalten Krieges hat weltweit große Waffenarsenale aus offiziellen Armeebeständen freigesetzt, die als Hauptgrund für das aktuelle Überangebot auf den weltweiten legalen und illegalen Märkten gelten. Die Preise liegen teilweise weit unter den Produktionskosten. Weltweit dürften nach UNO-Schätzungen mehr als 500 Millionen legale oder illegale Klein- und Leichtwaffen existieren. Zumindest 200 Millionen dieser Waffen befinden sich im privaten Besitz von US-BürgerInnen.
R. P.


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