Klimawandel der Seele

Georg Bauernfeind ist unser Reporter des Wahnsinns

Alles neu macht der Mai, Wonne und Glück stellen sich ein und auch meine Nase begrüßt den Frühling mit einem freudigen Fließen. Diese meine Allergie hat vermutlich mehrere Ursachen. Eine davon ist, dass ich nicht in einem landwirtschaftlichen Betrieb groß geworden bin (nomen est omen) und – so besagen Studien – zu wenige Abwehrstoffe aufgebaut habe. Die andere, die psychologische Deutung, meint, dass sich irgendetwas in meiner Seele generell gegen Veränderung wehrt. Konkret: Ihr Reporter des Wahnsinns ist strukturkonservativ – zumindest was das Wetter betrifft. Endlich hat man sich mit der Winterdepression angefreundet, beginnt der Frühsommer. Und der fragt ja nicht, ob es „jetzt passt“, dass er beginnt. Der legt einfach los. Hatschi!

Daher interessierte mich auch die Einladung zur Konferenz: „Das Wetter und die Seele. Der Klimawandel und mögliche Mentalitätsveränderungen in der Bevölkerung“. Brandheiße Fragen tun sich da auf: Wo führt das hin, wenn bei uns plötzlich südländische Temperaturen um sich greifen? Fehlen uns bei dem zu erwartenden Temperaturanstieg dann nicht auch die identitätsstiftenden Silbermedaillen in Riesentorlauf und Abfahrt? Und was wird aus der Bundeshymne („Schifoan“)?

Der erste Referent der Konferenz kam aus dem südlichen Italien und verwehrte sich zu Beginn gleich einmal gegen gängige Klischees: Was heißt, Südländer seien generell bequem – bloß wegen fünfstündiger Siestas? Nach ihm ging eine junge Forscherin auf eventuell zu erwartende kulturelle Veränderungen ein. Gut möglich, meinte sie, dass sich wetterbedingt der Wiener Walzer in Richtung brasilianischer Samba entwickelt. Wie kurz die Dirndln dann werden, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Generell sei bei wärmerem Wetter mehr Lebensfreude zu erwarten. Das demonstrierte sie an Hand eines Hörbeispiels: Ja, da geht die Post ab, wenn afrikanische Trommler Kärntner Heimatlieder neu interpretieren!

Als dritter Referent trat ein Vertreter der Wiener Bürgerinitiative „Recht auf Grant“ auf. Es kann doch nicht sein, so argumentierte er, dass man eines Tages nicht einmal mehr über das Wetter schimpfen kann. Er plädierte für ein Aufnehmen des „Wiener Grants“ in die allgemeine Erklärung der Menschenrechte. „Wir haben ein Recht auf Grant, und daran hat sich auch das Wetter zu halten“, schnaubte der Vertreter der Bürgerinitiative. Da sind mir dann doch Sonne und Frohsinn lieber, dachte ich, und nieste freudig in den Frühsommer.

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien.
www.georg-bauernfeind.at
Neues Programm: www.wurschtundwichtig.at

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