Klinik auf Rädern

Eine mobile Klinik hält jede Woche an einem anderen Ort in Südafrika und erreicht so auch abgeschiedene Landstriche.

Von Almuth Schellpeper
Ein weißer Zug, insgesamt 340 Meter lang, schlängelt sich durch die sanfte Hügellandschaft der Ostkap-Provinz Südafrikas. Bald wird er in den Bahnhof von Indwe einfahren. Hier wartet schon eine aufgeregte Menge auf den Zug und begrüßt die Neuankömmlinge mit Liedern und Tänzen. Ein ganzes Krankenhaus macht eine Woche lang Station in ihrer Gegend: Der Phelophepa-Zug ist da. Er besteht aus 16 Waggons mit einer Augen-, Zahn- und einer allgemeinen Klinik, außerdem gibt es eine Apotheke, psychologische Beratung, einen Schulungsraum, Büro, Küche, Ess- und Schlafräume für die MitarbeiterInnen an Bord. Die Menschen in Indwe sind froh darüber, dass endlich ÄrztInnen zu ihnen kommen. Auf dem Land gibt es zwar Gesundheitszentren, aber keine Spezialisten.
Jeder, der sich in den Phelophepa-Kliniken behandeln lassen will, muss zunächst registriert werden und erhält einen nummerierten Anstecker. Musik dudelt aus den Lautsprechern, während die PatientInnen geduldig im Schatten der Vorzelte warten. Viele ältere Leute sind gekommen, gestützt auf Stöcke, eingewickelt in bunte Decken und Tücher. Manchmal dauert es viele Stunden, bis sie endlich an der Reihe sind. Diejenigen mit Zahnschmerzen wollen meist, dass der Zahn gezogen wird. Dass man einen Zahn auch erhalten kann, indem man zum Beispiel die Karies entfernt und den Zahn mit einer Füllung versieht, wissen viele nicht. Der Zahnarzt Kamal Desai erzählt von einer Patientin, die das Geräusch des Bohrers nicht kannte und fluchtartig den Raum verlassen wollte. Kamal Desai versicherte ihr, dass sie wiederkommen könne, wenn sie nach der Behandlung nicht zufrieden sei. Am nächsten Tag war die Frau tatsächlich wieder da. Sie brachte Kuchen mit und bedankte sich herzlich.
Auch RentnerInnen und Arbeitslose können es sich leisten, die Dienste der Phelophepa-Kliniken in Anspruch zu nehmen. Hier müssen sie für Behandlungen nur einen Bruchteil dessen zahlen, was ÄrztInnen üblicherweise verlangen. Zum größten Teil finanziert die südafrikanische Eisenbahngesellschaft Transnet das Projekt, der Rest wird aus Spendengeldern bezahlt. Geschäftig laufen viele Studentinnen und Studenten in weißen Kitteln herum. Nur mit ihrer Unterstützung können Hunderte von PatientInnen pro Tag behandelt werden. Die jungen Leute kommen aus ganz Südafrika, um jeweils zwei Wochen lang im Phelophepa-Projekt mitzuarbeiten. Dann kehren sie wieder an ihre Universitäten zurück. Für viele ist es die erste Begegnung mit der wirklichen Welt Südafrikas. Im Phelophepa-Zug teilen sie ihr Leben mit StudentInnen anderer Hautfarben und lernen, sich gegenseitig zu unterstützen.

Lynette Coetzee und Lillian Cingo sind die Managerinnen des Projektes und gute Freundinnen. Die weiße Südafrikanerin Lynette Coetzee ist schon ihr halbes Leben lang bei Transnet beschäftigt. Sie ist für die gesamte Logistik verantwortlich und zieht die Fäden von Johannesburg aus. Lillian Cingo, eine Schwarze, die auf dem Land aufgewachsen ist, ist Krankenschwester, Hebamme und Psychologin. Sie hat über 20 Jahre lang in England gelebt. Als das Apartheid-Regime endlich zu Ende ging, kehrte sie nach Südafrika zurück.
Sie weiß, dass sich die Armut auf dem Land seit dem Einzug der Demokratie kaum verändert hat. „Dieser Zug kann den Leuten in den abgeschiedenen Landstrichen Südafrikas helfen. Ich bin stolz darauf, an diesem Prozess teilhaben zu können“, sagt Lillian Cingo.
Es ist sehr heiß an diesem Tag. Lillian hat einen großen Strohhut aufgesetzt, trägt einen Jeansrock, eine blaue Bluse und farblich abgestimmte Ohrringe. Man sieht ihr nicht an, dass sie bereits 63 Jahre alt ist. Sie hat schon viele Situationen beim Phelophepa-Projekt mit Professionalität, Herzlichkeit und Verständnis gemeistert. Lange bevor der Zug an einem neuen Ort ankommt, wird die Bevölkerung der Umgebung genau darüber informiert, wie viele HelferInnen für den Aufbau der Zelte, als Übersetzer, zum Geschirr spülen und Wäsche waschen gebraucht werden. Doch einmal musste Lillian Cingo eine wütende Menge von 300 Leuten beruhigen, die alle verzweifelt Arbeit suchten. „Ich bekam einen richtigen Schreck. Wie sollte ich den Leuten erklären, dass wir schon genügend Helfer bestimmt hatten? Ein Mann, der sich 60 Rand geliehen hatte, nur um zu uns zu kommen, brach in Tränen aus. Das war wirklich keine einfache Situation“, erinnert sich Lillian. Doch nachdem sie den DorfbewohnerInnen die Lage in ihrer ruhigen, freundlichen Art erklärt hatte, zogen alle wieder friedlich ab.
Ein Arbeitstag im Phelophepa-Zug ist lang: Jeden Morgen um sechs Uhr weckt Lilian die MitarbeiterInnen mit Musik und begrüßt sie dann in verschiedenen afrikanischen Sprachen mit einem fröhlichen „Guten Morgen Phelophepa“.
Ab Viertel nach sechs gibt es Frühstück. Arbeitsbeginn ist um halb acht. Die Kliniken schließen am Nachmittag, bei sehr großem Andrang aber auch erst abends. Nach zwei Wochen reisen die StudentInnen wieder ab, zurück zu ihren gewohnten Bequemlichkeiten. Doch die fest angestellten ÄrztInnen, Krankenschwestern, ApothekerInnen und PsychologInnen leben neun Monate im Jahr in einem winzigen Zugabteil. Die Betten seien so eng, dass sie erst habe lernen müssen, nachts nicht herauszufallen, gesteht Lillian Cingo. Nach zwei Jahren Phelophepa-Erfahrung vermisste sie vor allem drei Dinge: Opernbesuche, ein breites Bett und eine Badewanne. Lynette nahm Lillians Wünsche sehr ernst und veranlasste von Johannesburg aus, dass ein Badezimmer mit einer Wanne installiert wurde. Phelophepa ist damit der einzige Zug in Südafrika, der eine Badewanne – ganz in Rosa – an Bord hat.

Die Phelophepa-Kliniken haben von Montag früh bis Freitag nachmittag geöffnet. Dann werden die Vorzelte wieder zusammengepackt, der Zug von außen und innen gesäubert und alle Untersuchungsinstrumente gut verstaut. Samstag früh rollt das gesamte Krankenhaus zur nächsten Station, um dort wieder eine Woche lang zu verweilen. Angefangen hatte das Phelophepa-Projekt als Idee einer südafrikanischen Universität. Allerdings bestand der Zug damals nur aus wenigen Waggons und bot ausschließlich augenärztliche Dienste an. Seit acht Jahren rollt der Phelophepa-Zug nun schon durch Südafrika, jedes Jahr macht er an über 30 Stationen Halt. Die Phelophepa-MitarbeiterInnen geben auch Grundwissen über Gesundheitsfragen an MultiplikatorInnen weiter. Dazu wurde der Waggon ganz am Ende des Zuges in einen Schulungsraum umfunktioniert. Zu dem einwöchigen Unterricht sind jeweils 20 ausgewählte TeilnehmerInnen aus den umliegenden Dörfern eingeladen. Als Lillian die Männer und Frauen begrüßt, appelliert sie eindringlich an ihren Enthusiasmus and an ihr Engagement. Ohne Begeisterung, so lautet ihre Botschaft, erreiche man nichts im Leben.
Für Lillian geht es bei dem Phelophepa-Projekt nicht nur um verschiedene medizinische Behandlungen, sondern auch um emotionale Heilungsprozesse. „Die Menschen hier in Südafrika haben traumatische Erfahrungen hinter sich. Wenn sie Weiße sehen, die sie mit Respekt und Würde behandeln, dann bedeutet das für sie schon eine große Veränderung.“ Aber es sei ein gegenseitiger Lernprozess und mache alle Beteiligten sehr bescheiden, fügt sie hinzu. Vor allem seien beim Phelophepa-Projekt Menschlichkeit und Achtsamkeit sehr gefragt. Dabei leuchten ihre Augen. Dann wandert ihr Blick durch das Zugfenster nach draußen und sie bestaunt auf’s Neue die Schönheit der Landschaft.

Almuth Schellpeper ist freie Journalistin und lebt in Kapstadt/Südafrika.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen