Kolumbianischer Alltag

Von Redaktion ·

Der Dauerkonflikt prägt immer noch das Leben der Menschen in Kolumbien, auch wenn Präsident Uribe stets verkündet, er habe dem Land Sicherheit gebracht. Die Geschichte einer Mutter, einer etwa 50-jährigen Bäuerin, aufgezeichnet von Südwind-Redakteur Werner Hörtner in Popayán.

Am 23. Mai 2003 sind wir, insgesamt sieben Personen, hierher nach Popayán 1) gekommen. Ich habe lange nur geweint. Die zwei Kinder waren noch sehr klein. Ich habe ja bis damals mein Leben nur am Berg verbracht und kannte mich überhaupt nicht aus. Achtzehn Jahre haben wir in Betania verbracht.

Wir lebten zufrieden in unserem Häuschen, bis die Guerilla kam. Nun gab es eine Versammlung nach der anderen, und wenn jemand nicht kam, musste man 40.000 Pesos zahlen 2). Bis sie dann einen meiner beiden Söhne, Victor, als Milizionär 3) einfingen. Er war damals nicht einmal achtzehn Jahre alt. Zu mir sagten sie – ich war damals stark sehbehindert, oder eigentlich bereits blind -, er sei bei einem Klub von Jugendlichen, damit er etwas lerne. Ich hörte nur, dass er immer wieder kam und ging, und schließlich sagte mir eine Nachbarin, dass sie ihn als Milizionär ausbilden. Und eines Tages verschwand er.

Ein Cousin von meinem Mann bestätigte mir, dass ihn die Guerilla mitgenommen hat. Mein Gott, rief ich aus, der wird nicht mehr lebend zurückkommen.

Dann kam er mich einmal besuchen, und ich bat ihn inständig, er möge doch zurückkommen, ich würde zu den Guerilleros gehen und mit ihnen reden. Und ich ging auch tatsächlich zu ihnen, obwohl ich blind war, und bat sie, ihn bei mir zu lassen. Ich weinte und weinte und sagte, dass ich meinen Sohn zu Hause brauche, damit er mir hilft, und sie sagten, das müsse der Kommandant entscheiden und sie würden mir am kommenden Sonntag Bescheid sagen.

Als man mich an den Augen operierte, gaben sie mir wirklich meinen Sohn zurück. Aber nachher haben sie ihn wieder geholt. Er hat mich dann besucht, diesmal war er bereits in Uniform, und gesagt: Das war nur wegen deiner Operation, Mami, dass sie mich zu dir gelassen haben.

Eines Abends kam er zu mir und sagte, dass er genug habe, dass er flüchten wolle, und ich war sehr froh darüber, hatte aber auch Angst, dass sie ihn dabei erwischen und töten könnten.

Dann hörte ich einige Zeit nichts mehr von meinem Sohn. Einige, darunter auch eine Schwägerin von mir, sagten, die Guerilla hätte ihn bei der Flucht umgebracht, doch schließlich berichtete mir ein Nachbar, Victor sei heil im Armeebataillon Hilario López angekommen, das in der Nähe unserer Ortschaft stationiert war.

Einmal haben die Guerilleros unser Haus umzingelt und gesagt, mein Sohn soll herauskommen, sie werden ihn umbringen – das war wohl damals, als er geflohen ist – , und ich betete zum Himmel, dass sie ihn ja nicht erwischen. Er war gerade neunzehn Jahre alt, ein hübscher Junge. Acht Tage später habe ich ihn dann im Bataillon gesehen und er hat mir erzählt, wie abenteuerlich und gefährlich seine Flucht in der Nacht war.

Einer von der Guerilla, Pancho, der auch aus unserem Ort ist, kam dann zu mir nach Hause und bedrohte mich und sagte, ich würde mit meinem Sohn unter einer Decke stecken und wir sollten schleunigst von hier verschwinden, sonst würden sie uns alle umbringen. Ich hatte große Angst, und am nächsten Tag schon, um fünf Uhr in der Früh, fuhren wir alle sieben mit dem Lastenwagen von Don Chepe, der Kaffee in die Stadt transportiert, Richtung Popayán. Er war so nett und hat gar keinen Fahrpreis von uns verlangt. Wir haben fast nichts mitgenommen.

So sind wir also nach Popayán gekommen. Nach einiger Zeit hat man uns dann geholfen und hat uns Lebensmittel gegeben, und auch etwas Geld, damit habe ich Bretter gekauft und ein Dach für diese Hütte, in der wir nun leben. Vor zwei Jahren habe ich dann die Papiere ausgefüllt, dass man uns ein eigenes Haus zur Verfügung stellt, denn das hier ist ein Invasionsviertel 4). Ich hoffe, dass wir es bald bekommen, und es ist mir gleich, wenn es ein hässliches Haus ist.

Mein Sohn Victor blieb drei Monate lang im Bataillon, dann haben sie ihn nach Ibagué zum DAS 5) versetzt und schließlich nach Bogotá. Ab und zu hat er mir Geld geschickt.

Nach drei Jahren ist er aus dem Dienst ausgeschieden und hat sich mit einer Frau zusammengetan und ihr ein Kind gemacht, obwohl sie schon vier Kinder hatte. Dann ist er zurückgekommen und hat öfter mit Freunden um Geld gespielt, da ist es einmal zu einem Streit gekommen und er hat jemanden getötet. Es war nur Selbstverteidigung, hat er gesagt. Gerade vorgestern habe ich ihn im Gefängnis besucht und er hat angekündigt, dass er wegen guter Führung bald entlassen wird. Er hat sich sehr gut benommen im Gefängnis und hat bei den verschiedensten Arbeiten mitgetan. Und jeden Abend studiert er zwei Stunden lang. Am Sonntag holen ihn immer die Leute von einer evangelikalen Gruppe und gehen mit ihm zur Messe. Das hier ist sein kleiner Sohn. 6)


1) Alte Kolonialstadt im Süden des Landes, Hauptstadt des Departements Cauca.
2) Umgerechnet etwa 13 Euro.
3) Eine Vorstufe des regulären Soldaten bei der FARC-Guerilla.
4) Von Landflüchtlingen oder Vertriebenen in den Städten besetzter Grund, wo sie dann ihre Hütten errichten.
5) Direkt dem Präsidenten unterstellter Geheimdienst.
6) Der vierjährige Bub war die ganze Zeit während unseres Gesprächs auf ihren Knien gesessen.

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