Kräftemessen am Horn von Afrika

Von Dominic Johnson ·

Die Machtübernahme der Union Islamischer Gerichte in Mogadischu stellt nicht nur Somalias politische Weichen neu, sondern ruft auch die unbewältigte Vergangenheit mit Äthiopien wach.

Wird das Horn von Afrika, seit Jahrzehnten leidgeprüft durch Bürgerkriege, Flüchtlingsdramen und Hungersnöte, der Schauplatz für Afrikas nächsten großen Krieg? Die Machtübernahme radikaler Islamisten in der somalischen Hauptstadt Mogadischu am 5. Juni hat die Spannungen in der Region verschärft und weltweit Ängste geweckt. Somalias „Union Islamischer Gerichte“ hat der international anerkannten Übergangsregierung den Kampf angesagt. Geführt von dem der Nähe zu al-Qaida verdächtigten Hassan Dahir Aweys ist sie dabei, ihr Herrschaftsgebiet über die gesamte Südhälfte Somalias auszuweiten. Als Reaktion hat die Übergangsregierung unter Präsident Abdullahi Yusuf, die seit ihrer Gründung im kenianischen Exil 2004 nie wirklich regiert hat, den mächtigen Nachbarn Äthiopien um Hilfe gebeten. Äthiopische Truppenentsendungen in das Grenzgebiet und in Yusufs grenznahen Regierungssitz Baidoa rufen wiederum die anderen Länder der Region auf den Plan: Eritrea, Erzfeind Äthiopiens, verstärkt seine Unterstützung der somalischen Islamisten sowie bewaffneter Rebellen in Äthiopien selbst. Inzwischen hat Mogadischu auch Kenia ersucht, gegen die äthiopische „Einmischung“ einzugreifen. Alle Bestandteile für einen regionalen Krieg sind vorhanden.
Was Krieg heißen könnte, wissen die BewohnerInnen der Region nur allzu gut. Knapp dreißig Jahre ist es her, als Somalias letzte funktionierende Zentralregierung unter Militärdiktator Siad Barre versuchte, den Ogaden im Osten Äthiopiens zu erobern. Die Ogaden-Wüste wird von nomadisierenden ethnischen Somalis besiedelt und müsste nach Meinung vieler SomalierInnen eigentlich Teil ihres Landes sein, ebenso wie der Nordosten Kenias und das kleine Dschibuti am Eingang zum Roten Meer. Zwei Kriege, bei denen die USA und die Sowjetunion jeweils mit gigantischen Rüstungslieferungen eingriffen, endeten mit dem Status quo ante. Doch hinterließen sie hunderttausende Tote, Millionen Flüchtlinge und eine auf Dauer hoch militarisierte Region voll von unbewältigtem Leid.

Es waren die geschlagenen somalischen Frontsoldaten der 1970er Jahre, die später Siad Barre stürzten und so 1991 die Geschichte Somalias als geeintem Staat beendeten. Weil Barres Gegner sich nicht einigen konnten und Äthiopien die Rivalitäten zwischen ihnen geschickt ausnutzte, blieb Somalia ein staatenloses Territorium, ein Hort von Waffenschiebern und ein Flickenteppich von Warlord-Gebieten. Vor allem in Mogadischu konnte niemand mehr die unangefochtene Autorität ausüben – bis zum Sieg der Islamisten vor drei Monaten.
Dass die neuen Herren Mogadischus dem radikalen Islam zugewandt sind, ist da eher Zufall und keineswegs ein Motor der neuen militärischen Eskalation. Aus der Sicht des globalen „Krieges gegen den Terror“ ist Somalia dennoch Frontstaat, denn in den Zeiten der Staatenlosigkeit konnten tatsächlich Verbündete al-Qaidas Fuß fassen. Somalia hat eine lange islamische Kultur und war schon im Mittelalter Teil der uralten Handelswege nach Asien, die über den Indischen Ozean hinweg Indien über Oman mit Ostafrika bis nach Sansibar verbanden. Während des Kampfes gegen US-Eingreiftruppen 1992/93 wurde Mogadischu für die islamische Welt zu einem Symbol des Widerstands gegen US-Hegemonialansprüche, und diese Symbolkraft ist noch heute mächtig.
Doch der Grund, warum Islamisten in der somalischen Hauptstadt die Oberhand gewinnen konnten, ist ein anderer. Die Religiösen sind die einzige politische Kraft, die im zerstörten Mogadischu ein stabiles Rechtssystem aufbauen konnte. Es gewährt der Geschäftswelt in Abwesenheit staatlicher Autorität ein Minimum an Funktionsfähigkeit und institutioneller Absicherung. Die Scharia wurde als Alternative zur Macht der Gewehrläufe akzeptiert.

Eine Konfliktlösung am Horn von Afrika muss damit beginnen, den Zusammenhang der beiden Dimensionen der neuen somalischen Krise zu verstehen. Der Aufstieg des radikalen Islam ist Ausdruck des Bankrotts westlich orientierter Staatlichkeit; die sich verschärfende Rivalität zwischen Äthiopien und Somalia deutet auf unbewältigte Konflikte der Vergangenheit. Beide Prozesse arbeiten derzeit in die gleiche, gefährliche Richtung. Die regionale Krise kann nur gelöst werden, wenn eine Dämonisierung Somalias als neues „Rückzugsgebiet für den Terror“ vermieden wird. Somalias interner Konflikt wiederum ist nur zu überwinden, wenn die Somalis durch zunehmende Feindschaft von außen nicht in die Arme der radikalsten Kriegspartei getrieben werden.

Dominic Johnson ist Afrika-Redakteur der Berliner Tageszeitung taz.

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