„Krieg ist immer Gewalt gegen Frauen“

Fünf Fragen an Monika Hauser.

SÜDWIND: Warum engagiert sich „medica mondiale“ ausschließlich für Frauen?

Monika Hauser: Weil Frauen und Mädchen nach wie vor diejenigen sind, die neben anderen Formen kriegerischer Gewalt noch zusätzlich geschlechtsspezifischer Folter ausgesetzt sind: sexueller Gewalt. Krieg ist immer Gewalt gegen Frauen. Die daraus entstehende Traumata sind extrem schwerwiegend – eine an ihrer spezifischen Lebenssituation orientierte Unterstützung und langfristige psychosoziale und therapeutische Begleitung erhalten die Frauen jedoch in der Regel nicht.

Wer arbeitet bei Ihrer Organisation?

Vor Ort: Ärztinnen, Krankenschwestern, Hebammen, Psychologinnen … kurz Fachfrauen aus diversen Bereichen, die ihrer Qualifikation entsprechend eingesetzt und von uns fortgebildet werden. „Medica mondiale“ hat mittlerweile 140 Mitarbeiterinnen weltweit, wie etwa im Kosovo, in Afghanistan und im Irak. In Köln sind wir heute zwölf Mitarbeiterinnen. Von hier aus koordinieren wir unsere Projekte, sammeln Spenden und betreiben Lobby- und Pressearbeit.

Sind Sie beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag vertreten? Wie viele vergewaltigte Frauen gab es in Bosnien?

Ja.Viele Klientinnen, die wir ins Bosnien vertreten haben, sind jetzt dort und sagen als Zeuginnen aus. Konkrete Zahlen über Vergewaltigungen gibt es nicht, Schätzungen zufolge dürften es 20.000 gewesen sein. Doch die Frage ist: Kann man Vergewaltigungen eigentlich zählen? Wie zähle ich, wenn eine Frau eine ganze Woche lang von zehn Männern vergewaltigt worden ist? Im Krieg wird Vergewaltigung als strategische Waffe eingesetzt, das ist das Schlimmste überhaupt.

Was passiert mit Vergewaltigungskindern?

Das ist ein sehr schwieriges Thema. Viele Frauen entscheiden sich für eine Abtreibung, viele töten ihr Baby nach der Geburt. Sie schaffen es einfach nicht, die Frucht ihres unendlichen Leids Tag für Tag auch noch vor Augen zu haben. Eine Entscheidung für das Kind ist auf jeden Falls äußerst schwierig. Es erinnert immer an den Täter, an die Tat. Hier ist psychologische Unterstützung äußerst wichtig.

Wie bringen Sie Frauen, denen so viel Leid widerfahren ist, zum Sprechen?

Wenn Frauen nicht sprechen wollen, müssen sie das nicht. Wir wollen auf keinen Fall drängen. Wir haben im Kosovo so genannte „Runde Tische“ organisiert und Aufklärungsarbeit betrieben. Wir haben den Männern und allen anderen im Dorf gesagt, dass diese Frauen nicht isoliert werden dürfen. Die Männer, die diese Frauen vergewaltigt haben, sind die Schuldigen und nicht umgekehrt.

Das Gespräch führte Christine Losso.


Monika Hauser wurde 1959 in St. Gallen in der Schweiz geboren; Laas im Südtiroler Vintschgau wurde erst viel später, als ihre Eltern dorthin zurückkehrten, zur zweiten Heimat. Sie studierte in Innsbruck und Bologna Medizin und absolvierte ihre Facharztausbildung als Gynäkologin in Köln. 1993 gründete Hauser die internationale Organisation „medica mondiale“ (www.medicamondiale.de) und arbeitet seither als deren Geschäftsführerin – weltweit.

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