Krieg spielen, Frieden üben

In einem kleinen Ort im Burgenland erwerben Menschen seit über 20 Jahren das Werkzeug für friedenssichernde Missionen. Redakteurin Christina Bell hat eines der Trainings einen Tag lang begleitet.

Fiktiver Raubüberfall: Vorbereitung für reale Situationen.© Eduardo López Biagi

Äcker und Wiesen soweit das Auge reicht, gelegentlich unterbrochen von einer Straße und akkurat aufgereihten Einfamilienhäusern. Kaum jemand ist zu sehen an diesem Dienstagnachmittag im Südburgenland, nur hin und wieder stört ein Auto die herbstliche Idylle. Eine kleine Gruppe Menschen geht einen Feldweg entlang, einige haben Funkgeräte in der Hand.

Plötzlich fallen Schüsse, vier vermummte Gestalten springen aus dem Gebüsch. Sie gestikulieren wild, fuchteln mit ihren Gewehren und herrschen die überrumpelten Menschen an, niederzuknien. Während sie ihre Opfer nach Wertsachen durchsuchen, brüllen sie immer wieder: „Gebt uns alles, was ihr habt! Wenn ihr etwas versteckt, seid ihr tot.“ Einer der Angreifer geht die Reihe langsam ab. „Wer von euch hat Familie, Kinder?“ Niemand meldet sich. „Gut – dann wartet ja auch niemand auf euch.“

Die Überfallenen befolgen die Anweisungen. Die vier Frauen und sechs Männer stammen aus acht verschiedenen Ländern, von El Salvador über Nigeria bis Sri Lanka, sie kennen sich seit knapp zwei Wochen. So lange dauert der „Peacebuilding“-Grundkurs schon, den das Österreichische Studienzentrum für Friedens- und Konfliktlösung (ÖSFK) zweimal pro Jahr auf der Friedensburg Schlaining (siehe Kasten) durchführt. In den vergangenen Tagen haben sie viel gelernt über friedenserhaltende Maßnahmen in Konfliktgebieten, über potenzielle Gefahrensituationen und angemessenes Verhalten. Wird ihnen mit dem Lauf einer Waffe im Rücken noch einfallen, was sie zu tun haben?

Auf Mission. Keine Stunde zuvor im Seminarraum hat ihnen Alfred Scheidl, Abteilungsinspektor der niederösterreichischen Landespolizei, ihre Aufgabe erklärt. Nachdem die zehn den Vormittag damit verbracht haben, in einem Waldstück das Fahren mit Allrad-Jeeps zu üben, sollen sie nun eine fiktive Mission erfüllen. Ziel sei, die Menschenrechtssituation im schwer umkämpften Gebiet rund um Schlaining zu überprüfen, als unbewaffnete BeobachterInnen. „Ihr seid weder die Polizei noch das Militär“, schärft Scheidl ihnen ein. Funkgeräte werden ausgeteilt, Codes und Verantwortlichkeiten vereinbart. Ian Fenn, ein erfahrener Psychologe, bittet darum, die AnrainerInnen nicht zu behelligen. Es sei schon vorgekommen, dass eifrige Gruppen während der Übung bei einem Haus geklingelt oder die Ortspolizei gerufen hätten. „Wir versuchen, den Alltag der Menschen hier nicht zu stören“, sagt Ian Fenn verschmitzt.

Er werde die Gruppe während der Übung begleiten, erklärt der gebürtige Neuseeländer. „Wenn jemand aussteigen will, kann er das jederzeit tun“, sagt er. „Kommt einfach einzeln zu mir und sagt, dass ihr aufhören wollt.“ Probleme seien selten, aber manchmal berühren die simulierten Situationen echte Traumata bei den TeilnehmerInnen. Für solche Fälle ist der Psychologe dabei. Gleichzeitig beobachtet er die Gruppendynamik und gibt allen TeilnehmerInnen später Feedback.

Die zehnköpfige Gruppe bestimmt einen Anführer: Monday Assumani Banga, Menschenrechtsexperte aus der Demokratischen Republik Kongo, er zählt zu den erfahrensten unter den Trainings-Teilnehmern. Mit freundlicher, aber bestimmter Art lotst er das Missions-Team sicher durch die erste Prüfung im Rahmen der simulierten Mission: einen Checkpoint bewaffneter Paramilitärs, die nach Angehörigen einer verfeindeten Ethnie Ausschau halten.

Wo andere Gruppen Fenns Erzählungen zufolge schnell die Nerven wegwerfen, macht Banga keine Fehler. Er übernimmt die Kommunikation am Checkpoint und lässt sich weder provozieren noch aus der Ruhe bringen. Auch nicht, als die Paramilitärs eine junge Frau, die der Beobachtermission gefolgt ist, mit Gewalt in ein Auto zerren und mit ihr davonfahren. Die TeilnehmerInnen bleiben schweigend stehen, bis sich die Autos entfernt haben und man die Schreie der Frau nicht mehr hört. Dann setzen sie ihren Marsch fort. An einer Weggabelung diskutieren sie kurz über der mitgebrachten Karte und entscheiden sich für den Feldweg.

Boutros-Ghali und die Burg. Kaum ein Ort wirkt so weit entfernt von militärischen Konflikten wie das beschauliche Stadtschlaining. Wie kommt es, dass sich gerade hier ein so internationales Publikum trifft, um sich für Friedenseinsätze in aller Welt ausbilden zu lassen? Das hat mit Boutros Boutros-Ghali zu tun, erklärt Programmkoordinatorin ­Bernadette Knauder. 1993 verabschiedete der damalige UN-Generalsekretär die „Agenda for peace“. Nach dem Kalten Krieg wollte man wieder verstärkt auf friedenserhaltende Maßnahmen setzen, die auch ohne militärische Mittel auskamen. „Allerdings gab es nicht genügend adäquat ausgebildete ZivilistInnen, um diese Aufgaben zu erfüllen“, sagt Knauder. Also rief Boutros-Ghali dazu auf, regionale Ausbildungszentren zu schaffen.

Mit- und voneinander lernen: Monday Banga (li.) aus DR Kongo und Benedict Ibolekwu aus Nigeria, zwei der insgesamt 20 KursteilnehmerInnen.© Eldred de Klerk

Das ÖSFK, 1982 gegründet, wurde weltweit das erste Zentrum, das solche Trainings für Friedenssicherungseinsätze anbot. Knapp 1.600 Menschen aus 126 Staaten haben in den zwanzig Jahren danach an den Ausbildungsangeboten teilgenommen. Sie diskutierten in den Seminarräumen der Burg verschiedene Modelle der Konflikttransformation, spürten in der Umgebung Minen auf und absolvierten Orientierungsübungen. „Technisch hat sich natürlich was getan: Heute verwendet man mehr das GPS und weniger den Kompass und hat modernere Funkgeräte“, resümiert Knauder. „Aber die praktischen Dinge haben sich nicht verändert: Das Allerwichtigste ist zu wissen, wie man auf sich selbst im Feld aufpasst, physisch und psychisch.“

Was sich sehr wohl verändert habe, seien die Prioritäten innerhalb der internationalen Gemeinschaft. Wurde das Trainingsprogramm für internationale Peacekeeper (IPT) früher großzügig gefördert, muss es heute mit weit weniger Mitteln auskommen, klagt Knauder. „Alle sagen, sie finden unsere Arbeit wichtig, aber oft bleibt es bei Worten.“ Während vor zehn bis 15 Jahren die Ausbildung von MultiplikatorInnen einen großen Stellenwert hatte, gehe es heute mehr um direkt umgesetzte Projekte. „Das ist nicht per se schlecht, es herrscht halt eine andere Logik, genauso wie in der Entwicklungszusammenarbeit.“ Eine Folge ist, dass das ÖSFK weniger Stipendien für Leute anbieten kann, die sich das Training nicht leisten können. Etwa für Monday Banga, der in seiner Heimat für eine kleine NGO arbeitet.

Proben für den Ernstfall. Die vermummten Gestalten haben mittlerweile drei Frauen ausgewählt und verkünden unter Gelächter, diese zu ihrem Vergnügen bei sich behalten zu wollen. Die anderen fordern sie auf, um ihr Leben zu laufen – was diese ohne langes Zögern tun. Einige Sekunden später folgt der erlösende Ruf: „Die Übung ist vorbei!“. Die drei jungen Frauen, mit knapp zwanzig die jüngsten im Kurs, stehen auf und klopfen sich Blätter von der Kleidung, während die anderen sieben vorsichtigen Schrittes zurückkommen. Manche haben Tränen in den Augen, andere versuchen zu lachen. Übung hin oder her, der Stress der letzten Minuten ist allen anzusehen.

Die Angreifer ziehen sich die Sturmmasken vom Kopf: Die drei Männer, Polizisten bzw. Ministeriumsmitarbeiter, und eine IPT-Kursabsolventin aus Pakistan entschuldigen sich bei ihren „Opfern“ für die gespielte Härte. „Wir mögen diese Rollenspiele nicht. Aber es ist unser Beitrag, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf das vorzubereiten, was sie im Ernstfall erwartet“, sagt Friedrich Katschnig, der im Innenministerium die Ausbildung und Entsendung österreichischer PolizistInnen zu Missionen verantwortet. „Soweit das halt geht.“ Er selbst war auf vielen Missionen, darunter in den 1990ern in Ruanda und Kambodscha. Alles kann man sich dann wahrscheinlich doch nicht vorstellen im friedlichen Stadtschlaining.

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