Krieger ohne Alternativen

Die Krieger Karamojas im Nordosten Ugandas sollen ihre Gewehre abgeben. Die Region ist berüchtigt für häufige Überfälle und Umschlagplatz des illegalen Handels zwischen Kenia, Südsudan und Uganda. Doch fehlt es an alternativen Einkommensmöglichkeiten.

Von Patricia Karner
Während der Konflikt im Westen Nordugandas durch die Friedensgespräche zwischen der ugandischen Regierung und den Rebellen der Lord Resistance Army (LRA) ruht, rückt die Region Karamoja immer mehr in den Blickpunkt. Der Bestand an illegalen Waffen ist dort sehr hoch. Die offiziell angenommene Zahl liegt bei etwa 40.000, eine realistischere Schätzung laut Berichten und Studien der letzten Jahre bei 100.000 illegalen Kleinfeuerwaffen. Das ist das Doppelte der Waffenbestände der ugandischen Armee (UDPF) – und dies in einer Region, wo laut letzter Volkszählung 2002 um die 600.000 Menschen leben.
Im Juni 2006 startete die Regierung mit Hilfe der UDPF ihren jüngsten Versuch, die Region zu entwaffnen. Die Armee arbeitet mit der so genannten „cordon and search“-Methode. Dabei wird ein bestimmtes Dorf meist in der Nacht, um möglichst alle BewohnerInnen zu erreichen, abgeriegelt und nach Waffen durchsucht. Dass es dabei oft zu Ausschreitungen kommt, bei denen auch Frauen und Kinder verletzt oder erschossen werden, ist vorprogrammiert. Oft endet der Eingriff damit, alle Männer des Dorfes festzunehmen. Sie werden so lange festgehalten, laut mehrmals geäußerter Vorwürfe auch unter Folter, bis die Ehefrauen oder weibliche Familienangehörige ein Gewehr abgeben und damit ihre Männer auslösen. Da auch Männer dabei sind, die tatsächlich über kein Gewehr verfügen, sind manche Frauen gezwungen, eine Waffe zu kaufen, um sie auszulösen. Die Krieger jedoch, die mehr als eine Waffe haben, geben einfach die älteste ab und halten die anderen versteckt.

Die flächendeckende Verbreitung des Gewehrs begann nach dem Sturz Idi Amins 1979, als dessen Soldaten fluchtartig die Armeebaracken in Moroto verließen und die Karimojong diese in aller Ruhe ausräumen konnten. In den folgenden Jahren der Unsicherheit und des Kampfs um die Macht hatten sie ausreichend Gelegenheit, Waffen zu erstehen. Hauptsächlich handelt es sich um russische Kalaschnikows (AK-47), aber auch andere, wie zum Beispiel chinesische Modelle.
Einen ersten Entwaffnungsversuch startete Milton Obote während seines zweiten Regimes. Er endete jedoch abrupt mit seinem Sturz. Staatsoberhaupt Yoweri Museveni machte zu Beginn seiner Regierung den Karimojong-Kriegern den Zugang zu Waffen noch einfacher, indem er unter ihnen um Unterstützung im Kampf gegen ihm feindlich gegenüber stehenden Gruppen warb und sie mit freien Waffen belohnte. Die Karimojong wurden sogar dazu ermuntert, gegen ihre ugandischen Nachbarn im Westen, die Iteso, zu kämpfen. Der letzte Versuch, die Region zu entwaffnen, dauerte von 2001 bis 2002 und scheiterte. Damals wurden insgesamt nur um die 9.000 Gewehre an die UPDF abgegeben. Die Aktion wurde abgebrochen, die Regierungssoldaten wurden für den Kampf gegen die LRA im Nordwesten abgezogen.

Der illegale Waffenbesitz in Karamoja hat aber auch eine globale Dimension. Es gibt weder in der Provinz noch anderswo im Horn von Afrika eine eigene Waffenproduktion. Die Schusswaffen kommen von außen, der Waffenhandel speist sich aus verschiedensten Quellen. Durch das Fehlen effektiver Regierungsgewalt in Karamoja und ohne Kontrolle der Außengrenzen mit Kenia und Sudan ist die Region Umschlagplatz für den illegalen Handel. Die meisten Waffen kommen aus dem Südsudan, der von der Sudan People’s Liberation Army (SPLA) kontrolliert wird. Im nördlichen Karamoja tauschen SPLA-Soldaten Eselladungen an Waffen und Munition gegen Vieh und Getreide. Die Region ist auch Umschlagplatz auf einer Handelsroute für illegale Waffen zwischen Äthiopien und Somalia. Gewehre aus Eritrea erreichen Karamoja meist nicht, da sie bereits auf kenianischer Seite an die Turkana verkauft werden. Eine weitere Waffen- und Munitionsquelle der Karimojong sind die Soldaten der ugandischen Armee selbst, die ihre Gewehre sowie Uniformteile bei schlechtem oder oft verspätet ausbezahltem Lohn selbst verkaufen.
Eine der größten Herausforderungen beim Versuch der Entwaffnung der Karimojong ist, dass sie eigentlich zur gleichen Zeit in der gesamten Region durchgeführt werden müsste. Dazu gehören auch die angrenzenden Regionen in Kenia und dem Südsudan und streng genommen das ganze Horn von Afrika. Werden einzelne Dörfer entwaffnet, nutzen Kriegergruppen Karamojas oder der Nachbarländer die Gelegenheit. Mehrmals wurden entwaffnete Dörfer bereits in der folgenden Nacht überfallen und der gesamte Viehbestand geraubt – dem versprochenen Schutz der Armee zum Trotz.
Daher gibt auch niemand die Waffen freiwillig ab. Bei einem Schusswechsel zwischen Soldaten und Kriegern wurden Mitte Februar vier Soldaten und sieben Krieger erschossen und 1.000 Stück Vieh von den Soldaten konfisziert. Als Reaktion überfielen Krieger einen zivilen Autokonvoi auf der Strecke Abim-Kotido. Der Überfall löste eine Gegenreaktion der UDPF aus, die mit Panzern und Helikoptern gegen Karimojong-Dörfer vorrückte. Weitere 52 Krieger wurden dabei getötet. Eine Woche lang kam es zu massiven Auseinandersetzungen.

In Kampala steigt indessen die Zahl von geflüchteten Karimojong-Frauen und
-Kindern, die auf den Straßen leben und betteln. Von Zeit zu Zeit werden sie auf Anordnung der Stadtregierung aufgelesen und nach Karamoja zurück gekarrt. Bereits kurze Zeit später finden die meisten und noch mehr ihren Weg zurück und landen wieder auf den Straßen. Auch tendieren immer mehr Frauen dazu, eines oder mehrere ihrer Kinder zu verkaufen. Vor allem Mädchen zwischen 8 und 15 Jahren werden als Haushaltshilfen, Sexsklavinnen oder Ehefrauen gehandelt. Freitags finden sich die HändlerInnen am Ocorimongin-Viehmarkt in Katakwi/Teso ein. Dort handeln sie die Kinder, deren Müttern sie weniger als eineinhalb Euro bezahlt haben, um bis zu 300.000 Uganda Shilling (rund 136 Euro). Die KäuferInnen rechtfertigen sich damit, dass die Kinder in ihrem Haushalt immerhin noch ein besseres Leben hätten als in Karamoja. In ganz Uganda und bis in Kenias Hauptstadt Nairobi sind gekaufte Karimojong-SklavInnen zu finden.
„Wenn man das Gewehr eines Mannes entwendet, ohne ihm neue Ideen zu vermitteln, wird er losziehen und ein anderes finden. Entwaffnung alleine löst das Problem nicht“, wird ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation AMREF in der ugandischen Zeitung Daily Monitor zitiert. Nicht nur Restuganda, sondern auch den BewohnerInnen Karamojas selbst ist bewusst, dass die Region nur durch völlige Entwaffnung aus ihrer Isolation treten kann. Unter den Kriegern sind viele, die die Ausweglosigkeit ihrer Situation erkennen. Michael Lomakol, ein Krieger der Bokora etwa meinte in einem Gespräch, dass er gerne sein Gewehr abgeben würde, hätte er eine andere Einkommensquelle. Kurze Zeit später wurde sein Dorf im Zuge der aktuellen Entwaffnungsaktion durchsucht und Lomakol in Gewahrsam der Armee verprügelt. Manche seiner Freunde wurden erschossen. Lomakol erkennt die Autorität der ugandischen Regierung seither weniger an als zuvor und sieht noch weniger Grund, seine Waffen abzugeben. Wie Lomakol beteuern viele Karimojong, sie würden freiwillig die Waffen abgeben, würden ihnen verlässlicher Schutz und vor allem Arbeitsplätze geboten. Doch scheinen Armee und Regierung aus bisherigen Entwaffnungsaktionen nichts gelernt zu haben.

Sieht man von der spärlichen Landwirtschaft ab, stellt die Viehhaltung die einzige Überlebensquelle für die Karimojong dar. Dürreperioden werden häufiger. Sie vernichten bereits jedes zweite und nicht mehr wie bisher jedes fünfte Jahr die Ernte und machen damit eine halbe Million Menschen von den Hilfslieferungen des World Food Programme abhängig. Doch auch der Status des Kriegers ist ein Problem. Die jungen Männer haben durch die Macht des Gewehres heute in der Karimojong-Gesellschaft die Funktion der Älteren als Entscheidungsträger übernommen. Nicht nur wirtschaftlich, auch sozial braucht es Alternativen und neue Strukturen, bevor sie freiwillig den Kampf aufgeben.

Patricia Karner ist Theaterwissenschafterin und lebt in Uganda. Sie arbeitet an einer Dissertation über das theatralische Potenzial in der Kultur der Karimojong.

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