Kubas willige Kirche

Von Knut Henkel ·

1998 dachten viele BeobachterInnen, dass der Besuch von Papst Johannes Paul II. Kubas Gesellschaft verändern werde. Anlässlich der Visite von Benedikt XVI. im März denkt Derartiges niemand mehr. Das Verhältnis von Staat und Kirche könnte kaum besser sein.

Die Kirche Santa Rita in Havannas Stadtteil Miramar ist keine gewöhnliche Kirche. Nicht allein weil sie zu den schöneren in Kuba zählt, sondern vor allem weil sich jeden Sonntag die Damas de Blanco in diesem Gotteshaus in Havannas Diplomatenviertel treffen. „Der Besuch der Messe und der anschließende Marsch für die Freiheit unserer Männer, Söhne, Onkel und Neffen, hat seit 2003 Tradition“, erklärt Miriam Leyva, ein der Gründerinnen der „Damen in Weiß“. Obwohl ihr Mann, der Ökonom und Journalist Oscar Espinosa Chepe, schon 2004 aus Gesundheitsgründen aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat sie sich 2010 für die Vermittlung der katholischen Kirche zur Freilassung der politischen Gefangenen eingesetzt.

„In Kuba gibt es keine andere Institution, die eine ähnliche Glaubwürdigkeit besitzt und zwischen der Regierung, den Familien und dem spanischen Außenministerium hätte vermitteln können“, so die 59-jährige Frau, die wie ihr Mann als unabhängige Journalistin arbeitet. Oscar Espinosa ist anders als seine Frau, kein gläubiger Mensch, hält aber viel von der humanitären Arbeit des Klerus. „Die Kirche ist erst in den letzten zwei Jahren in die Öffentlichkeit getreten, aber hinter den Kulissen hat sie sich schon seit Jahren um Vermittlung bemüht“, so der 70-Jährige. So protestierte Padre José Félix Pérez von der Kirche Santa Rita erfolgreich dagegen, dass die Polizei Ausweise der „Damen in Weiß“ im Umfeld der Kirche kontrolliert. Kardinal Jaime Ortega forderte die Regierung mehrfach dazu auf, die Angriffe auf die Frauenorganisation zu unterbinden.

Das Verhältnis zwischen Regierung und Kirche hat sich seit Beginn der 1990er Jahre stetig verbessert. Meilenstein war der Besuch von Johannes Paul II. 1998. Anders als von vielen BeobachterInnen prognostiziert, wurde die Visite des Papstes nicht zum Anfang vom Ende der Ära Fidel Castro. Vielmehr brachte sie dem kubanischen Staatschef internationale Anerkennung und der Kirche zusätzlichen Spielraum. Unter Nachfolger Raúl Castro kam dann der Schulterschluss mit der Kirche zustande – der einzigen nichtstaatlichen Organisation mit landesweiten Strukturen. Sehr zu deren Vorteil, denn in den letzten Jahren wurde nicht nur das Gros der Kirchen renoviert, sondern im November 2010 auch ein neues Priesterseminar eingeweiht – das erste seit Jahrzehnten. Zur Einweihung war auch Staatschef Raúl Castro anwesend. Der 80-jährige Staatschef schätzt die „Loyalität, Transparenz und das konstruktive Ambiente, in dem die Gespräche mit der Kirche verlaufen“, wie er in seinem Rechenschaftsbericht vor dem Parteikongress im April 2011 ausführte.

Allerdings sind längst nicht alle Ku­banerInnen mit der neuen Rolle der Kirche einverstanden. So kritisiert der Sprecher der kubanischen Kommission für Menschenrechte und nationale Versöhnung (CCDHRN), dass sich die Kirche von der Regierung instrumentalisieren lasse. Oswaldo Payá von der christlichen Befeiungsbewegung (MLC) ärgert sich hingegen darüber, dass die Kirche keine Anstalten mache, andere Organisationen in den Dialog mit der Regierung einzubinden. „Neben der Kirche ist kein Platz“, so der international bekannte Dissident und Katholik.

Deren karitative Arbeit wird in Kuba angesichts von Wirtschaftskrise und chronisch leeren Kassen der Regierung immer wichtiger. Mittagstische für alte Leute gehören genauso dazu wie kirchliche Altenheime oder SozialarbeiterInnen, die gebrechliche Gemeindemitglieder zu Hause aufsuchen. Angesichts der demographischen Entwicklung und der Erosion im kubanischen Sozialsystem sind die Kirchen, protestantische wie katholische, immer wichtigere sozialpolitische Akteure. Kubas Bevölkerung ist heute nach Uruguay die älteste Lateinamerikas – mit einem Anteil der über 60-Jährigen von 16 Prozent. Bis 2020 wird diese Zahl auf 22 Prozent steigen. Die kubanischen Sozial- und Pensionskassen sind darauf kaum vorbereitet. Obendrein fehlt es an Altersheimen und Pflegediensten. In Cárdenas, einer Stadt nahe dem Touristenzentrum Varadero, gibt es gerade ein staatliches Altersheim und eine Altentagesstätte. Angesichts des rigiden Sparkurses der Regierung könnte sich die Situation weiter verschärfen, so ein Vertreter der Kirche in Cárdenas. Ein Thema, das beim Besuch von Benedikt XVI. in Kuba auf der Agenda stehen könnte. Dabei geht um die „Wiedergewinnung von Räumen innerhalb der Gesellschaft“, kündigte vielsagend ein Sprecher der Bischofskonferenz im Dezember an. Die Visite am 26. März soll ein Freundschaftsbesuch werden.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik und lebt in Hamburg.

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