Kunst ohne Kompromiss

International wahrgenommen wird Myanmar derzeit hauptsächlich wegen der Flüchtlingsströme. Gleichzeitig bricht zumindest die Kunstszene in eine neue Ära auf. Rainer Einzenberger hat sich angesehen, woher das kreative Potenzial kommt.

„Road to Nirvana“ von Po Po wurde vor zwei Jahren bei der Biennale in Singapur präsentiert.© Vulgus Mindwork, Parasite for Arts, 2015

Noch vor kurzem war Gegenwartskunst aus Myanmar so gut wie unbekannt. Nur eingeweihten KennerInnen der südostasiatischen Kunstszene waren Namen wie Aung Myint, Po Po, Wah Nu und Tun Win Aung ein Begriff.

Myanmars Kunstszene war immer schon lebendig, trotz Militärdiktatur und strenger Zensur. Sie bewegte sich aber unterhalb des Radars des Regimes und wurde daher auch international kaum wahrgenommen. Die lange Isolation und internationale Sanktionen erschwerten den kreativen Austausch und die Kommunikation zwischen Myanmar und dem Ausland. Mit dem 2011 begonnenen Demokratisierungsprozess und dem Ansturm von ausländischen InvestorInnen, TouristInnen und Hilfsorganisationen rückt nun auch Myanmars kreatives Potenzial zunehmend ins internationale Rampenlicht.

Internationale Inspiration. Zeitgenössische Kunst entwickelte sich in Myanmar etwa ab den 1990er Jahren, nach dem Ende der Ära des so genannten „Burmesischen Weges zum Sozialismus“. Trotz anhaltender politischer Repressionen und strenger Zensur gelangten neue Strömungen und Ideen ins Land, welche von lokalen Kunstschaffenden interessiert aufgegriffen wurden.

Allmählich erweiterte sich das Spektrum der zeitgenössischen Kunstformen. Nun umfasst es neben Malerei, Videokunst und digitaler Kunst auch urbane Kunstformen wie Graffiti und vieles mehr. Besonders die Performance-Kunst zog eine neue Generation von Kunstschaffenden in ihren Bann. Unterstützt durch internationale Stiftungen und Kultureinrichtungen wurden ab 2008 erste Performance-Festivals organisiert. Die teils provokativen Performances im öffentlichen Raum testeten die engen Grenzen künstlerischer Freiheit.

Zunehmende Bekanntheit. Seltene Einladungen ins Ausland zu internationalen Kunstfestivals wurden für KünstlerInnen wichtige Möglichkeiten zum kreativen Austausch und Quelle neuer Inspiration. „Mein Leben hat sich verändert, nachdem ich 1999 an der Fukuoka Triennale in Japan teilgenommen habe, wo ich viele neue Kontakte und Erfahrungen sammeln konnte, die mir heute in meiner Arbeit zugutekommen“, sagt Po Po, ein Pionier der Konzeptkunst in Myanmar. Seine Werke werden in diesem Jahr gleich in mehreren Ländern ausgestellt. „Aktuell ist das Interesse an Kunst aus Myanmar größer denn je, fast wöchentlich bekomme ich Besuch von Kuratoren, Künstlern, Kunststudenten oder Kunstliebhabern aus dem Ausland“, sagt Po Po.

Jorn Middelborg von der Galerie Thavibu in Bangkok bemerkt ebenfalls ein steigendes Interesse an Kunst aus Myanmar. Gleichzeitig sieht der Galerist aber international noch wenige große Ausstellungen. „Auch der Verkauf von Kunst aus Myanmar zieht noch nicht richtig an. Nur wenige zeitgenössische Maler wie U Lun Gywe, Aung Kyaw Htet und Min Wae Aung werden auf internationalen Auktionen von Christie’s und Sotheby’s in Hongkong gehandelt und erzielen dort Preise jenseits der 20.000 US-Dollar.“

Voll Dynamik. Während Kunst aus Myanmar in Bangkok, Singapur und Hongkong bereits regelmäßig zu sehen ist, macht sie in den USA und in Europa erst langsam auf sich aufmerksam. 2013 waren erstmals Werke von Aung Myint, Tun Win Aung und Wah Nu im New Yorker Guggenheim Museum zu sehen. Auch in Österreich gab es bereits Möglichkeiten zur Begegnung mit zeitgenössischer Kunst aus Myanmar, etwa bei der Ausstellung „Painting a New Picture“ im Kunstraum Gesso in Wien, bei der Ausstellung „Urbane Folklore“ im Kunstraum Innsbruck und jüngst beim Steirischen Herbst.

Die Kunstszene in Myanmars Metropole Yangon präsentiert sich aktuell dynamischer und experimentierfreudiger als je zuvor. Befruchtet vom Austausch mit internationalen KünstlerInnen und kunstinteressierten „Expats“ – aus dem Ausland stammenden EinwohnerInnen – entstehen neue Projekte wie etwa „7000 Padauk“. Dabei werden leerstehende Gebäude in Yangon vorübergehend als offene Kunsträume für Ausstellungen, Lesungen, Konzerte und Performances genutzt. Dokumentiert wird die neue Ära der Gegenwartskunst unter anderem auf dem Internetblog myanmartevolution.com.

Rainer Einzenberger ist Assistent am Institut für Internationale Entwicklung der Universität Wien und bereist regelmäßig Myanmar.

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