Kunst und Krieg

Politisches Chaos im Süden, Islamisten, Terroristen und Separatisten im Norden. Mali steckt im Dilemma. Davon betroffen ist auch die große Kunstszene. Ihr fehlt es an Einnahmen, vor allem aber an kreativen Freiräumen.

Von Katrin Gänsler
„Einheit der Vielfalt“ nennt Thierno Diallo sein Gemälde.

Samba Touré spielt ein paar Takte auf seiner Gitarre. Er sitzt auf dem großen Balkon seines halbfertigen Hauses, das am Rand von Malis Hauptstadt Bamako liegt. Eine nackte Glühbirne schafft etwas Licht. Im Erdgeschoss wohnt Touré, der mit dem legendären Ali Farka Touré auf Tournee ging, mit seiner Familie. Die Räume im ersten Stock wollte er ursprünglich ausbauen, um KünstlerInnen aus anderen Ländern ein Zuhause auf Zeit anbieten zu können, um gemeinsame Projekte zu entwickeln und zusammen auf der Bühne zu stehen. Das Interesse dafür sei generell da, ist sich Samba Touré sicher. Denn Musik aus Mali ist weltbekannt. Über viele Jahre galt das Festival au Désert in Timbuktu als bedeutendes Festival auf dem Kontinent, als Woodstock Afrikas. Vergangenes Jahr trat im Jänner sogar Bono von U2 auf. Doch schon damals kamen die BesucherInnen nicht mehr in großer Zahl: Die Angst vor Entführungen war zu groß. Die Botschaften hatten die sagenumwobene Stadt längst zur roten Zone erklärt.

„Unser Leben hat sich um 100 Prozent geändert. Früher sind viele Musiker auf Hochzeiten oder bei kleinen Konzerten aufgetreten. All das findet in dieser Form nicht mehr statt. Gleichzeitig fehlen uns die großen Festivals.“ Samba Touré lacht bitter auf: „Wir Künstler leiden in Mali.“

Samba Touré fehlen nicht nur die Auftritte. Heute muss der 44-Jährige, der sich 1985 bei seinem ersten Besuch in Bamako in die Musik verliebte, auch für 40 Familienmitglieder sorgen. Die meisten leben in Timbuktu. In einem Dorf ganz in der Nähe wuchs Touré auf. Besonders bizarr ist für ihn: „Ausgerechnet dort dürfte ich nicht mehr auftreten. Wenn ich dort auf meiner Gitarre spiele, würden sie mir beide Hände abhacken. Es ist doch eine Schande.“

Die Schreckensmeldungen aus dem Norden, der rund zwei Drittel der Fläche des Landes ausmacht, reißen nicht ab. Angezettelt hat all das – so empfinden es viele MalierInnen – die Befreiungsbewegung von Azawad (MNLA). Die Gruppierung, der überwiegend Tuareg angehören, vertrieb ab Anfang 2012 die malische Armee aus dem Norden. Im März putschte schließlich ein Teil der Soldaten unter Führung von Hauptmann Amadou Sanogo gegen den damaligen Präsidenten Amadou Toumani Touré. Drei Wochen später rief die MNLA am 6. April den Staat Azawad aus. Doch präsent sind dort mittlerweile andere Bündnisse, etwa AQMI, die Al Qaida im afrikanischen Maghreb, und die Bewegung für Einheit und Jihad in Westafrika (MUJAO). Als besonders sichtbar gilt jedoch Ansar Dine (Verfechter des Glaubens). Augenzeugen berichten von schwarzen Flaggen, die die Islamisten seitdem gehisst haben und von einer sehr rigiden Auslegung der Scharia. Weltliche Genüsse und Künste haben keinen Platz. KünstlerInnen erst recht nicht.

Thierno Diallo zieht seine Stirn in Falten, wenn er daran denkt. Der Maler und Bildhauer hat seine Arbeiten mehrfach in Europa, aber auch häufig im Norden Malis ausgestellt. Damit ist zumindest vorerst Schluss. Es ist eine ernüchternde Vorstellung für den 44-Jährigen. Gleichzeitig hält er die Begründung, auf Grundlage des Koran Musik und schöne Künste verbieten zu wollen, für völlig absurd. „Davon steht nichts im Koran“, sagt Diallo, dessen Vater Imam ist, wie es schon der Großvater war. Die Moschee, in der er predigt, steht ganz in der Nähe von Diallos Atelier, das in Lafiabougou, einem Stadtteil von Bamako, liegt.

Dort verarbeitet er seit einigen Monaten auch die politischen Ereignisse in seiner Heimat. Getroffen hat ihn vor allem der Staatsstreich, eine eklatante Verletzung der Verfassung. „Mali galt als ein demokratischer Staat“, erinnert Diallo und nimmt eine kleine Skulptur in die Hand. Sie stellt einen gefallenen Soldaten dar. Das einzige, was er noch hochhalten kann, ist die malische Flagge.

Deren Farben Gelb, Rot und Grün finden sich auch in dem Gemälde „Einheit der Vielfalt“. Die Menschen, die schemenhaft zu erkennen sind, zeigen die Gesellschaft mit all ihren ethnischen Gruppen und religiösen Unterschieden. „Sie haben uns nie Probleme bereitet“, sagt Diallo. Stolz darauf klingt er nicht mehr. Denn über der Vielfalt sind kleine, akkurate Linien zu sehen. Ein Fischernetz, erklärt der Künstler. „Und in diesem ist im Moment die ganze Gesellschaft gefangen.“ Ob und wann er das Netz vielleicht wieder übermalen könnte? Thierno Diallo zuckt mit den Schultern. Er weiß es nicht. 

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien. Sie lebt in Lagos, Nigeria und Cotonou, Benin. Immer wieder besucht sie Mali.

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