Kunsthoch am Atlas

Marokkos Kunstszene ist im Aufbruch. Die erste Messe für Gegenwartskunst im Maghreb bot ein buntes Werkpotpourri aus dem arabischen Raum, aufgepeppt mit weltweiten Trends. Sie soll nicht nur einen lokalen Markt etablieren, sondern auch marokkanische ExilkünstlerInnen in der Heimat bekannt machen.

Von Jan Marot
Von „Palestinauten“ bis Experimenten mit Schriftzeichen: Arabische KünstlerInnen erobern sich ihren Platz in Marokko – trotz fehlender Museen für Gegenwartskunst im Land.

Die Kunst genießt volle Freiheit in Marokko“, ist Hicham Daoudi, Gründer der Marrakech Art Fair und Präsident der Art-Holding-Morocco, überzeugt. Dies sei König Mohammed VI. – selbst ein leidenschaftlicher Kunstsammler – zu verdanken. „Das Land ist viel westlicher orientiert als beispielweise der Mittlere Osten“, fügt Daoudi hinzu. Man könne Akte produzieren und selbst eine an Pornografie grenzende Jeff-Koons-Schau wäre nichts Undenkbares. Und so fand im Oktober inmitten üppiger Palmengärten des Luxushotels Palace Es Saadi die Marrakech Art Fair statt, die erste Messe für Gegenwartskunst im Maghreb. 10.000 BesucherInnen kamen, um die aktuellen Arbeiten arabischer, afrikanischer und internationaler KünstlerInnen in der marokkanischen Königsstadt am Fuß des Hohen Atlas zu sehen. Die Werkpreise erstreckten sich von 300 Euro für einen Plastik-„Palestinauten“ von Larissa Sansour bis zu 1,2 Millionen US-Dollar für Keith Harings „Mickey Mouse“ (1981). Dieses Werk hatte die Galerie Enrico Navarra aus Paris für den Jet-Set, der Marrakesch gerne frequentiert, gedacht.

Politisch Brisantes bot die Arbeit von Sara Rahbar. „Rescue me from who I am and from what I am becoming“ ist die mit der US-Flagge bedruckte Kufiya, auch als „Pälestinensertuch“ bekannt, die sie mit dem Werktitel in arabischer Kalligrafie bestickte. Und auch Mounir Fatmi, auf dessen „Machinery“ getauftem Ensemble aus 31 Sägeblättern sich „Gott ist groß“ liest, provozierte Emotionen.

Die Kollagen der Libanesin Lara Baladi setzten indes nicht auf Provokation, sondern auf Komposition. Sie fotografierte den Kaffeesud der Tassen der letzten BesucherInnen, die ihr todkranker Vater empfing, um sie in „The Eye of Adam“ zu arabesken Mosaiken zu verweben.

Auf der Suche nach den Werken dieser Talente tummelte sich eine Vielzahl an Scheichen der Golfemirate auf der Messe. Sie und ihr üppiges Einkaufsbudget sind ein willkommener Ersatz für die nicht vorhandene Kaufkraft und die fehlenden staatlichen Museen für Gegenwartskunst im Land. Der Kunstmarkt Marokkos wird von lokalen PrivatsammlerInnen, westlichen Riad-BesitzerInnen (Riad = traditionelles Herrenhaus) oder Hoteliers wie der Eigentümerin des Palace Es Saadi, Elisabeth Bauchet-Bouhlal selbst bestimmt. Ihr Hotel gleicht einer Gemäldesammlung. Es beherbergt abseits der Messe-Etage über 400 Werke aus dem arabischen Raum und Afrika.

Um die Werke der marokkanischen Fotokünstlerin Lalla Essaydi, die auf der ArtBasel mit unretouchierten, fein-komponierten Aufnahmen von Haremsdamen begeisterte, wird sie wohl nicht herumkommen. Essydis „Harem-Beauty“-Serie wirkte auch auf das Messepublikum in Marrakesch magnetisierend. Erfolgreich ist auch ihre Galeristin Hadia Temli. Sie betreibt in Marrakeschs Stadtteil Guéliz die Tindouf-Galerie. Der zugleich europäischste Bezirk ist als KünstlerInnenresidenz, bei GaleristInnen aber auch für Designermode-Boutiquen beliebt und gilt als das aufkeimende „Soho“ der Millionenstadt – und das nicht zuletzt wegen Youssef Falaki und seiner Matisse Art Gallery. Als einer der Ersten, der sich hier bereits 1999 niedergelassen hatte, setzt Falaki auf Synergien zwischen Hochdotiertem und Werken von wenig bekannten KünstlerInnen. Nur so könne er junge aufstrebende LokalmatadorInnen wie Noureddine Chater international bekannter machen. Bekannt wurde dieser in Marokko mit seiner an Andy Warhols Siebdrucke von Marilyn Monroe erinnernden Marokko-Flaggen-Serie „Etoile sur Toile“, „Stern auf Leinwand“. Er ist Teil jener Generation, die die kulturelle Aufbruchstimmung am Hohen Atlas mitbegründet hat.

Dazu zählt auch der Maler Khalid El Bekay. Seine „Terre“ getauften Gemälde mit Gravuren erinnern an Piet Mondrian, einen der niederländischen Begründer abstrakter Malerei. Nicht zufällig. „Mondrian war vom Ackerbau der Maghrebregion inspiriert, wie ich“, sagt El Bekay. Fans hat er selbst in Marokkos Kulturministerium gefunden. „Seit fünf Jahren gibt es hier ein rasant steigendes Interesse an zeitgenössischer Kunst Marokkos“, sagt El Bekay. „Und es gibt viele, vor allem junge Sammler.“ Doch wie die Mehrzahl seiner KollegInnen, die etwa in Frankreich oder wie er in Spanien leben, kritisiert er die Einfuhrsteuer von 20 Prozent auf Werke, während ihr Export aus Marokko steuerfrei ist. „Sie zu streichen, würde uns vieles erleichtern.“

Jan Marot lebt und arbeitet als freier Journalist für deutschsprachige Tageszeitungen und Magazine in Granada in Südspanien.

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