Kurz und echt

Ob auf der Reise oder statt der Reise: Unser Buchhändler des Vertrauens empfiehlt für diesen Sommer literarische Reportagen.

Von Rudi Lindorfer

Reportagen werden vor allem wegen ihres Gegenwartsbezugs gelesen und dann vor allem in Zeitungen und Zeitschriften. Doch seit den Zeiten Egon Erwin Kischs, Ernest Hemingways, Martha Gelhorns und anderen zählen sie zur Literatur. Nicht jede Reportage natürlich; die literarischen erkennt man, legt man den Maßstab an, den Alfred Polgar an ErzählerInnen stellte: „Aufgabe des Erzählers ist es, die Phantasie hungrig zu machen, nicht, sie zu sättigen.“ ReporterInnen dürfen, müssen, im Gegensatz zu BerichterstatterInnen (in der Literatur wird zwischen Reportage und Bericht unterschieden) das Gesehene, Gehörte, Erlebte durch eigene Gedanken ergänzen, ohne jedoch von der Wirklichkeit abzuweichen. Sie müssen also am Geschehen sein, tadellos recherchieren und selbstverständlich müssen sie sich im Umfang bescheiden.

Navid Kermanis Reiseberichte erschienen ursprünglich in gekürzten Fassungen in verschiedenen Zeitungen. Von vornherein als Buch konzipiert hat Érik Orsenna seine Reisen zu den Baumwollfeldern in Mali, Burkina Faso, USA, Brasilien und Usbekistan, zu den Textilfabriken in China und Frankreich und den Museen Ägyptens. Für dieses Werk wurde er mit dem Lettre Ulysses Award für literarische Reportagen ausgezeichnet. Für ihn ist die Baumwolle das „Hausschwein der Botanik“, weil sich von ihr alles verwerten lässt. Er sprach mit Farmern, ArbeiterInnen und Politikern ebenso wie mit den ForscherInnen, die an der gentechnischen „Optimierung“ der Pflanze forschen.

Navid Kermanis Reportagen aus Kaschmir, Indien, Pakistan, Afghanistan, Palästina, Lampedusa und dem Iran stehen dem qualitativ um nichts nach. Allerdings sind seine Reportagen persönlicher. Seine Beherrschung von Sprachen wie Farsi brachte ihn in direkten Kontakt zu Leuten, die ihm freimütig ihre Lebensgeschichten erzählt haben. Das Augenmerk von Orsenna und Kermani gilt den Menschen, beide verbinden Realität mit Zeitgeschichte, beide öffnen Tore zu anderen Welten und beider Instrument ist eine Sprache, die nicht sensationsheischend, doch spannungsgeladen komplexe Zusammenhänge darstellt.

Über sechzig Jahre mussten die deutschsprachigen LeserInnen auf die Übersetzung eines vergnüglich zu lesenden Meisterwerks warten: Der Nobelpreisträger John Steinbeck und sein Freund, auf dessen Begleitung er bestand, der Meisterfotograf Robert Capa, bekamen 1947 zwei der wenigen Visa, die die Sowjetunion an Intellektuelle ausgab. Der pro- und antikommunistischen Propaganda im Westen misstrauend, wollten sie wissen, wie die Menschen da wirklich lebten, was sie liebten und ob da Frauen und Männer tatsächlich so unmoralisch seien, nackt gemeinsam zu baden. Sie wollten aufschreiben und fotografieren, was sie sehen und hören würden und: „Wenn es Dinge gibt, die wir nicht mögen oder verstehen, dann schreiben wir das auch auf.“ Darauf ließen sich die Offiziellen in der Sowjetunion ein. Am Ende ihrer von Humor durchzogenen „Russischen Reise“ stellen sie fest, dass weder „ekklesiastische Linke noch grobschlächtige Rechte“ mit ihrer Reportage zufrieden sein werden. Gehört man keinem dieser beiden Lager an, dann ist man es allerdings schon!

Mit dem etwas unglücklichen Titel „…fürs Handgepäck“ liegen vom Unionsverlag über vierzig Bände über Länder und Orte vor: von Brasilien über Namibia und New York bis zu den Kap Verden, Neuseeland und die Sahara. Die einzelnen Bände vereinen Berichte, Reportagen, Erzählungen und Ausschnitte aus Romanen und sie sind nicht nur für Weg-Reisende gedacht. Die AutorInnen stammen aus diesen Ländern oder haben sie bereist, sind ZeitgenossInnen oder haben ihre Texte schon vor vielen Jahren geschrieben. Gemeinsam ist ihnen die Unionsverlags-Qualität. Sie bringen die Regionen und Länder ins Haus – Patagonien und Feuerland, ohne hin zu müssen. Mit den übrigen hier besprochenen Büchern verbindet sie, dass die Zeit ihres Entstehens keine Rolle spielt und etwas, was ich nur von dieser Literatur-Gattung verlange: nach dem Lesen nicht unbedingt gescheiter geworden zu sein, aber mehr zu wissen.

Der Autor ist Buchhändler bei Südwind-Buchwelt in Wien.

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