Labor für neues Lernen

Globales Lernen ist Pädagogik für gerechte und zukunftsfähige Entwicklung angesichts des Nord-Süd-Kontextes. Ein unvollständiger Rückblick auf mehr als 25 Jahre.

Von Martin Jäggle
Ich erkenne meine Kinder nicht wieder!“ Mit diesen Worten drückte eine Wiener Neustädter Lehrerin vor fast 30 Jahren ihre Verblüffung über die ungewohnte Intensität aus, mit der sich ihre 15-jährigen SchülerInnen einen ganzen Tag lang Dritte-Welt-Fragen gewidmet hatten. Freiwillig waren sie bis acht Uhr abends geblieben. Vielleicht kann dieser Tag als Geburtsstunde dessen bezeichnet werden, was mit Dritte-Welt-Pädagogik in Österreich begann, auch unter „entwicklungspolitischer Bildung“ firmierte und nun unter Globalem Lernen segelt.
Dritte-Welt-Wochen, schon Anfang der siebziger Jahre vom Wiener Institut für Entwicklungsfragen (heute vidc) organisiert, gaben österreichischen Schulen erste Impulse. Sie waren bereits von ReferentInnenvermittlung, Medienverleih und länderkundlichen „Materialien über Entwicklungsländer“ begleitet. Zeittypisch zielte man auf die Vermittlung kritischer Information, war um Anschaulichkeit und Authentizität bemüht, aber ein differenzierteres didaktisches Konzept gab es dafür nicht. Den TeilnehmerInnen blieb primär die Rolle der RezipientInnen, auch wenn kritisches Bewusstsein als erklärtes Ziel galt.
Ähnlich war es auch an den Universitäten und Hochschulen, wo die ersten Blockseminare „Einführung in die Probleme der Entwicklungsländer“, von der ÖH und dem IIZ ab 1972 vor Semesterbeginn organisiert, großen Zuspruch fanden.

Die Ziele des Modells Dritter-Welt-Tag, der nicht nur in Wiener Neustadt allen Beteiligten auch neue Erfahrungen von Schule ermöglichte, lenkten den Blick auf die SchülerInnen, auf „Bezugspunkte des Dritte-Welt-Bereichs in ihrer Lebenssituation“, auf ihre „gegenwärtigen Einstellungen“, ihr „Vorwissen und Interesse“. Es ging um „bewusst machen“, „in Frage stellen“, „eigene Handlungsperspektiven erarbeiten“, davor aber „Probleme aus der Sicht der Betroffenen kennen lernen“.
Als die Spielpädagogik noch in den Kinderschuhen steckte, waren entwicklungspolitische Spiele bereits Hits: „Panchos Würfel fallen“, entwickelt für die Sonderschule, „Das Welthungerspiel“, „Das Spiel der Großen im Kleinen“... Beim letzteren simulierten ungespitzte Bleistifte die Rohstoffe und Spitzer die Technologie. Die Spielanleitung empfahl, vor Ausbruch des Welthandelskrieges das Spiel abzubrechen. Wer wollte, konnte in einer der vielen Rollen in der Wirklichkeit des fiktiven Inselstaates „Muko“ agieren. Das Bananenspiel ermöglichte, sich in Produktion, Handel und Verkauf der gelben Frucht hineinzuversetzen. Während eines Ferienlagers im Salzkammergut spielten dies 250 Jugendliche einen ganzen Tag lang mit dramatischen Szenen durch. Für Reflexion musste stets die Hälfte der Spielzeit zur Verfügung stehen.

Bis heute ist die entwicklungspolitische Bildungsarbeit methodisch attraktiv geblieben, die gefragten Produkte-Workshops und interaktiven Ausstellungen eingeschlossen. Sie hat sich national 1988 an der Universität Klagenfurt und international 2003 im Bildungshaus Schloss Puchberg der Anstrengung unterzogen, die eigene Arbeit, ihre Ziele und Inhalte, in Frage zu stellen. So konnten die Dritte-Welt-Pädagogik und entwicklungspolitische Bildung zum Globalen Lernen mutieren, verbunden mit der Sorge mancher, mit der begrifflichen Verallgemeinerung könnte ein Verlust an inhaltlichem, politischem Profil und an Solidarität einher gehen.
Rückblickend gesehen scheint der Aufbau von ReferentInnendienst, Material- und Medienproduktion sowie Verleih, Bibliothek, Beratungsdienst - dezentral vom ÖIE/Südwind geleistet - selbstverständlich, aber die dahinter stehende Arbeit, die vielen Probleme sind am Ergebnis nicht ablesbar. Da das beste Service nicht die Qualität der Bildungsarbeit garantiert, waren Angebote für die Qualifizierung der Lehrenden zu machen. Das Bundesschullandheim Mariazell, ein bevorzugter Ort für Fortbildung, beherbergte auch Dritte-Welt-LehrerInnen-Seminare. Von Anfang an waren sie an den Möglichkeiten der TeilnehmerInnen orientiert gestaltet, nach dem Prinzip: „Es kann nur vermittelt werden, was in der Vermittlung selbst zur Anwendung kommt.“ Intensive und kreative Auseinandersetzungen mit Sachfragen waren verbunden mit der notwendigen Reflexion der Inhalte, Methoden und des didaktischen Konzeptes. Über das spezielle Thema hinaus waren die LehrerInnen-Seminare Laboratorien für eine neue Art des Lernens.

Ab 1990 konnte ein zweijähriger entwicklungspolitischer Lehrgang etabliert werden, der sechsmal wiederholt wurde. Da er über die LehrerInnen hinaus auch an Angehörige anderer Bildungsberufe gerichtet war, bot er besondere Chancen.
Der Rahmenerlass für politische Bildung im Jahre 1978 ermöglichte die Förderung der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Trotz aller Unterstützung, die das Unterrichtsministerium für Beratung, Materialien, Medien, ReferentInnen gegeben hat, sind sämtliche Versuche, Globales Lernen als Unterrichtsprinzip zu verankern, am Widerstand dieses Ministeriums gescheitert.
Nur mit großem Einsatz von NGOs und ExpertInnen war es möglich, in das neue Gesetz über die österreichische Entwicklungszusammenarbeit von 2003 auch „Bildungsarbeit in Österreich“ als einen zu fördernden Bereich explizit aufzunehmen.
Die Hoffnung auf Impulse der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit zur Schulreform wurde nicht erfüllt. Vielmehr leisten sich die Schulen mit größter Unbekümmertheit bei der Erarbeitung von Schulprofilen und Schulprogrammen zum Leidwesen vieler engagierter LehrerInnen den „Luxus“, keinen Blick auf Globales Lernen zu richten. Welche Zukunft eröffnen sie mit eingeschränkter Weltsicht?
Das vor einem Jahr völlig überraschend enorm gestiegene Interesse am Studiengang „Internationale Entwicklung“ an der Universität Wien begründet die Frage: Woher die Motivation? Trotz oder wegen der an den Schulen (sehr eingeschränkt) ermöglichten entwicklungspolitischen Bildung?

Martin Jäggle ist Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, einer der Gründerväter des ÖIE und langjähriger Herausgebervertreter von EPN/SÜDWIND-Magazin.

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