Laetitia Kys feministische Haarkunst

Von Monique Misteli · · 2022/Jul-Aug
Laetitia Kai mit einer Frisur, die eine Waage der Geschlechter darstellt
© Laetitia Ky

Die ivorische Künstlerin und Feministin Laetitia Ky sprengt gesellschaftliche Grenzen. Mit ihren aus Haaren geformten Skulpturen setzt sie sich mit Tabuthemen wie Abtreibung, Sexismus und Rassismus auseinander.

Macht mit ihrer Kunst auf koloniale Strukturen aufmerksam: die 26-jährige Laetitia Ky. © Laetitia Ky

Laetitia Ky war 15 Jahre alt, als sie vor dem Spiegel stand und bemerkte, dass ihr Haar ausfiel. Das bisschen, das nachwuchs, war brüchig, spröde und kaputt. Es war das Ergebnis von über zehn Jahren chemischem Glätten, das ihren Haarwurzeln enorm zugesetzt hatte.

Sie suchte nach einer Lösung und fand im Internet Communitys von afrikanischen Frauen, die ihr Haar offen und in seinem natürlichen Zustand trugen.

Es sei das erste Mal gewesen, dass sie das auch für sich selbst in Erwägung zog. Das Haar natürlich zu tragen, das habe sich einfach nicht gehört, erklärt Ky und meint weiter: „Ich habe zuvor auch nie eine afrikanische Frau gesehen, die ihr Haar nicht chemisch behandelte.“

Dank ihrer Haare hat sie den künstlerischen Durchbruch geschafft. Geholfen haben dabei soziale Medien, allen voran Instagram. Werke von ihr sind auch bei der diesjährigen Biennale in Venedig zu sehen.

Aber der Reihe nach: Geboren wurde Ky 1996 in Abidjan, der ehemaligen Hauptstadt und Hafenmetropole der Elfenbeinküste. Die Umgebung, in der sie aufwuchs, ist nach wie vor stark von der Kolonisation und Globalisierung geprägt, erzählt sie. Im Laufe der Zeit verschwanden die ivorischen Traditionen und das kulturelle Erbe verblasste.

Nicht nur das. Schwarze Haut, die Sprache oder das natürliche Haar wurden über Generationen entwertet, galten als hässlich.

Während afrikanisches Aussehen als „anarchistisch“ und „wild“ angesehen wurde, zählten westliche Standards als „erstrebenswert“, „richtig“ und „schön“, so Ky. Bis heute.

Neustart. Die Entscheidung, ihr Haar offen und unbehandelt zu tragen, veränderte ihr Leben. Sie lernte sich selbst zu akzeptieren und ihr Frausein zu lieben.

Das brachte sie auch dazu, sich mit ihrer Kultur und Herkunft auseinanderzusetzen und sich mit den Funktionen des Kopfhaares und seinen Zuschreibungen in der Präkolonialzeit zu befassen. Das Haar repräsentierte zum Beispiel die Religion, Stammeszugehörigkeit, Fruchtbarkeit einer Frau oder ihren Wohlstand.

Fasziniert von der Haarkultur, begann sie mit ihrem eigenen Haar zu experimentieren, machte Frisuren nach und kreierte neue. Sie fotografierte sich damit und stellte die Fotos auf das soziale Netzwerk Instagram.

Als eine Serie von zwölf Bildern, in denen sie ihre Haare zu Händen in unterschiedlichen Aktionen geformt hatte, viral ging, erhielt sie viele Rückmeldungen, insbesondere von afroamerikanischen Frauen. Sie dankten ihr für ihren Mut, ihr natürliches Haar mit so viel Stolz zu tragen.

Über Umwege zur Kunst. Das war der Wendepunkt für Ky. Sie wusste, dass sie mehr zu bieten hatte als ein hübsches Gesicht mit speziellen Frisuren. Mit ihrer Kunst wollte sie einen Beitrag hin zu mehr Gerechtigkeit leisten: „Von da an wurde ich zur Feministin.“

Dass sie einmal Künstlerin und Feministin werden würde, war nicht Kys Plan. Klar war nur, dass sie gerne einer kreativen Arbeit nachgehen würde. Weil in der Elfenbeinküste kunstschaffende Berufe aber als brotlos angesehen werden, ließ sie ihre Eltern über ihr Studium entscheiden. Die schickten Ky an eine Wirtschaftsschule. Das anschließende Praktikum in einer Firma brach sie ab, nahm sich ein Jahr Auszeit und entschied, es als Schauspielerin zu versuchen.

Um den Schauspielunterricht zu finanzieren, wollte sie modeln. Weil sie nicht den westlichen Schönheitsidealen entspräche, regnete es zunächst Absagen. Doch eine Model-Agentur wurde auf ihren Instagram-Account und ihre Haarskulpturen aufmerksam und nahm sie unter Vertrag.

Erfolgswelle. Dass viele Modefirmen und Marken derzeit Schwarze Frauen engagieren, weil sie einem Diversity-Trend folgen und sie davon profitiert, ist Ky bewusst. Sie wisse, dass das momentane Interesse nach einer gewissen Zeit auch wieder nachlassen werde und die Modewelt nach wie vor westliche Schönheitsideale hochstilisiere, sagt sie. Mit ihren Bildern protestiert sie auch gegen die Hierarchien in der Branche, die von sexistischen und rassistischen Normen durchzogen ist, etwa, indem sie mit Haarverlängerungen und Drähten ihre Skulpturen zu einer Plakattafel formt, auf der steht: „Be sexy and shut up.“

Je nach Frisur braucht sie dafür zwischen 30 Minuten und drei Stunden. Die Frisuren und Fotos macht sie allein. Aufgrund von regelmäßigen Kommentaren, wonach die Bilder wohl digital bearbeitet seien, stellt Ky regelmäßig Videos auf Youtube, auf denen man ihr beim Frisieren zuschauen kann.

„Für einen Wandel reicht es nicht, nur in der virtuellen Welt präsent zu sein“, sagt die mittlerweile auf Instagram und Tiktok bekannte Influencerin. Deshalb hat Ky Ende April ihr Buch „Love & Justice“ veröffentlicht. Teils Memoiren, teils Kunstbuch, teils feministisches Manifest, erzählt sie darin Geschichten über ihre Kindheit an der Elfenbeinküste und beschreibt die Suche nach ihren Wurzeln.

Und: Eine Auswahl ihrer Bilder ist noch bis zum 27. November als Teil des ivorischen Pavillons in Venedig zu sehen. Ihre Botschaft: „Zelebriere dein eigenes Potenzial, um damit die Welt zu ändern.“

instagram.com/laetitiaky

laetitiaky.art

Monique Misteli lebt in Zürich, ist Redakteurin und recherchiert als freie Journalistin zu Themen des Globalen Südens, mit Veröffentlichungen u. a. im Schweizer Online-Magazin Republik.

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