Leben in Angst

Von Redaktion · ·
Auf einer Solidaritätsdemo in Melbourne ein Schild mit Hashtag Mahsal Amini

Im Iran gehen junge Menschen auf die Straße, auch wenn sie dadurch ihr Leben riskieren. Eine Iranerin, die in Österreich lebt, erzählt von ihren Gefühlen als Mutter von zwei Töchtern.

Ich lebe in Wien und bin Mutter von zwei Töchtern, beide Anfang 20, beide sind in Österreich geboren. Mein Mann und ich haben im Iran das Licht der Welt erblickt. Ich war ein Kind, als die Mullahs ab 1979 das Regime aufbauten, das bis heute an der Macht ist und die Menschen unterdrückt.

Seit damals verfolgt mich das Gefühl der Angst. Als Kind fürchteten meine Geschwister, meine Mutter und ich um das Leben meines Vaters. Er hatte allen Grund dazu: er war im Stadtschulrat. Wegen seiner Bildung wurde er erst suspendiert, später immer wieder bedroht.
Es gab Zeiten, da wurde im Stadtzentrum jeden Tag wer hingerichtet. Politiker*innen, Wissenschaftler*innen, Künstler*innen, Intellektuelle,… Die Bilder sind noch immer in meinem Kopf und werden wohl nie mehr verschwinden.
In den ersten zwei September-Wochen war ich im Iran zu Besuch bei meinen Eltern. Drei Tage vor meiner Abreise wurde Mahsa Amini von der Sittenpolizei festgenommen und im Zuge dessen wohl ermordet. Ein paar Haare hatten unter ihrem Kopftuch hervorgeblitzt. Ihr Fall ist kein Einzelfall, aber er hat das Fass – wieder einmal – zum Überlaufen gebracht.

Leben ohne Unterdrückung unbekannt
Viele Menschen, vor allem junge, Schülerinnen und Studentinnen gehen seither immer wieder auf die Straße, um gegen die strengen Gesetze, denen sich Frauen unterordnen müssen, die allgegenwärtige Gewalt gegen kritische Stimmen, gegen das Regime, zu demonstrieren.
Obwohl sie ein Leben ohne Angst und Unterdrückung gar nicht kennen, sind sie bereit für den Kampf um Freiheit zu sterben. Ich habe ein Video gesehen, in dem eine junge Frau in Weiß in einem Kreis mit anderen stand und ihr Kopftuch in ein Feuer, das in ihrer Mitte brannte, warf. Ein paar Tage später habe ich von ihrem Tod gelesen. Und zig junge demonstrierende Menschen sind seither von den Ordnungshütern der Regierung ermordet und von ihren Müttern und Vätern zu Grabe getragen worden.

Erinnerungen an Freiheit
Ich spüre ihren Schmerz, als wäre es mein eigener. Die Eltern können den jungen, aber erwachsenen Kindern ja nicht verbieten auf die Straße zu gehen. Auch den Drang nach Freiheit nicht.
Viele haben noch die Zeiten vor 1979 in Erinnerung. Als es Ministerinnen in der Regierung gab und Frauen in Freiheit lebten. Meine Töchter leben diese Freiheit hier in Österreich. Gemeinsam sind wir zu Demos gegangen, die hier in den vergangenen Wochen stattfinden, um uns solidarisch zu zeigen.
Solange es keinen richtigen Putsch gibt, wird sich im Iran nichts ändern, auch wenn die Menschen noch so oft aufbegehren. Immer wieder unterliegen sie der Gewalt des Regimes, hinterlassen die, die sie lieben in tiefer Trauer und seelischen Schmerzen.

Hoffen auf bessere Zeiten
Ich hoffe, dass alle diese Aufstände eines Tages zu einer positiven Änderung führen und all die Opfer nicht umsonst waren; dass die Kinder der Zukunft im Iran irgendwann frei geboren werden und ihre Mütter ohne Angst um ihre Töchter und Söhne leben können.

Zum Nachsehen im Web:
#Mahsa_Amini
#Nika_Shakarami

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