Leben mit Risiken

Von Brigitte Pilz
Die meisten Menschen versuchen, schlimmen Ereignissen nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen. Andere suchen das Risiko - beim Sport, im Auto, mit ihren Essgewohnheiten. Und alle sind unabwendbaren Schicksalsschlägen ausgesetzt. Seit langem finden sich Gruppen zusammen, um Folgen von Risiken gemeinsam zu tragen. Daraus ist ein kompliziertes, ausgeklügeltes System an Versicherungen entstanden. Kaum ein Risiko, gegen das wir uns nicht versichern können und es zu einem guten Teil auch tun. "Wir" heißt in diesem Fall: die BewohnerInnen der reichen Länder. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer meint: "Viele unserer Ängste sind Lampenfieber ohne Auftritt." Und davon leben nicht zuletzt die Versicherungen gut.

Im armen Süden dieser Welt sind die Risiken, mit denen die überwiegende Mehrheit der Menschen lebt, um nichts geringer. Sie stellen sich vielmehr weit dramatischer dar, weil ein Ernteausfall, der Verlust des Jobs, der Tod des Ernährers, die Krankheit der Mutter oder ein Unfall meist existenzielle Bedrohungen für die Familie sind. Sicherheitsnetze sind oft nur lose geknüpft, traditionelle Systeme gegenseitiger Hilfe zerbröckeln in modernen Gesellschaften. Die nachbarschaftliche Hilfe ist ja nach wie vor gegeben, doch wie jemandem Geld leihen, wenn man selbst von der Hand in den Mund lebt?
Wir mit unserem so ausgeprägten Sicherheitsdenken fragen uns manchmal, wie Menschen mit so vielen Risiken ungeschützt leben können? Die brutale Antwort lautet wohl: Es bleibt ihnen nichts anderes übrig. Umso dringender braucht es auch in armen und ärmsten Ländern Sozialversicherungssysteme. Doch welche greifen etwa in schwachen Staaten ohne funktionierende Sozialpolitik oder mit korrupten Strukturen? Welche sind durchführbar in einer Gesellschaft, in der die Mehrheit ein (informelles) Einkommen unter zwei US-Dollar pro Tag hat? Neben (staatlichen) Sozialversicherungssystemen, die trotz aller Probleme auch in armen Ländern entwickelt wurden und werden, spielen die sogenannten Mikroversicherungen eine immer größere Rolle. Ihre Erfolge machen Mut.

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