Leben, um davon zu erzählen.

Gabriel García Márquez:

Von Weh
Aus dem Span. von Dagmar Ploetz. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, Dezember 2002. 604 Seiten, € 25,60.

Der soeben erschienene erste Band der Autobiographie des kolumbianischen Nobelpreisträgers beginnt damit, dass seine Mutter den 23-jährigen Sohn in einer Zeitschriftenredaktion in Barranquilla aufsucht, wo „Gabito“ – so sein Spitzname von klein auf – damals arbeitete. Sie überredet den Sohn zu einer Reise nach Aracataca, seinen Geburtsort an den Ausläufern der Sierra Nevada de Santa Marta, wo er die ersten acht Jahre seines Lebens verbracht hatte, für die spätere Laufbahn die entscheidendsten Jahre seines Lebens.
Die Jahre nach Aracataca brachten für den Jungen ein ziemlich unstetes Wanderleben zwischen den Karibik-Städten Barranquilla, Cartagena und Sucre am Magdalena-Fluss und schließlich Bogotá, der fernen düsteren Hauptstadt, für den in karibischer Sonne und Mentalität aufgewachsenen Gabito ein Albtraum.
Der Literaturnobelpreisträger von 1982 schildert ausführlich und detailreich seine literarischen und journalistischen Lehr- und Wanderjahre – wobei nie der Eindruck entsteht, dass der Autobiograph Erinnerungen zurechtbiegt, verschönt. Obwohl in Aracataca mit einer Erzähltradition aufgewachsen, in der die Grenzen von Wirklichkeit und Poesie immer wieder verschwimmen, legt der bekannteste Vertreter des magischen Realismus in seiner eigenen Lebenschronik große Genauigkeit und Ernsthaftigkeit an den Tag. García Márquez hat viel recherchiert, um diese Biographie zu schreiben, hat mit vielen Gefährten der Jugend und mit Zeitzeugen gesprochen.
Dieser erste Memoirenband endet mit dem Jahr 1955, als Gabriel García Márquez, damals Redakteur bei El Espectador, der berühmten kolumbianischen Qualitätszeitung, als Berichterstatter zu einer Konferenz nach Genf geschickt wird. Aus dieser auf zwei Wochen angelegten Europareise sollte dann ein dreijähriger Aufenthalt werden.
Das einzige Problem bei der Lektüre ist die Übersetzung. Natürlich ist es leicht, bei einem Buch von 600 Seiten Übersetzungsfehler zu finden, doch müsste bei einem Autor vom Range des Kolumbianers unbedingt größere Sorgfalt aufgewendet werden. In finanzieller Hinsicht war es für den Verlag sicherlich gut, schon zwei Monate nach der Originalausgabe – und gerade rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft – auf dem deutschsprachigen Markt zu erscheinen; die literarische Qualität hat jedoch offenbar unter dieser Eile gelitten.
Auf jeden Fall wartet der Rezensent schon sehnsüchtig auf den Folgeband.

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