Lebendige Befreiungstheologie

Von Werner Hörtner ·

Der Brasilianer Leonardo Boff ist der sichtbarste und bekannteste Kopf der Befreiungstheologie. Er besuchte kürzlich zum ersten Mal Wien.

Vor fünfzig Jahren trat der damals 21-jährige Leonardo Boff dem Franziskanerorden bei; als er später in München in Theologie dissertierte, war einer seiner beiden Doktorväter Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI. Die „Kongregation für Glaubensfragen“ im Vatikan, der Ratzinger damals vorstand, verhängte gegen Boff wegen seiner theologischen Aussagen 1985 ein einjähriges „Bußschweigen“, d.h. Rede- und Lehrverbot. Seit Jahren empfindet er sich als „Öko-Befreiungstheologe“. „Ich hoffe, dass die Menschen zur Vernunft kommen und dass sie mehr Interesse am Leben haben als am Gewinn, um die Zukunft der Erde und der Menschheit zu sichern“, äußert er in Hinblick auf den Klima-Gipfel in Kopenhagen. Die großen Herausforderungen unserer Zeit sind nicht die kirchlichen, sondern die globalen, die ökologischen Herausforderungen, so Boff. „Die zentrale Frage ist nicht, was für eine Zukunft die Kirche, das Christentum oder die westliche Kultur hat, sondern was für eine Zukunft die Menschheit, die Erde hat und inwieweit die Kirche und die Wissenschaft dazu beitragen können, eine hoffnungsvolle Zukunft aufzubauen.“

Seinem Präsidenten Lula, mit dem ihn früher viele Gemeinsamkeiten verbanden, stellt er in ökologischer Hinsicht ein schlechtes Zeugnis aus. Sein neoliberales Programm einer „Beschleunigung des Wachstums“ sei in ökologischer Hinsicht eine Katastrophe. Doch in sozialer Hinsicht kann er Lula ruhigen Gewissens loben. „Er hat große Initiativen gestartet wie das Null Hunger-Programm, das mit anderen Programmen zusammenwirkt, wie Licht für alle, Wasser für alle. Damit hat er nach sieben Jahren 50 Millionen Menschen aus der Armut geholt. Das ist eine wirkliche Sozialrevolution.“

Marina Silva, die frühere Umweltministerin, die für die Wahlen im kommenden Herbst kandidiert (s. SWM 11/09, S.29), kennt Boff schon lange – und schätzt sie sehr. Die frühere Kautschukzapferin aus dem Amazonasgebiet wurde auf einem Treffen der Befreiungstheologie im vergangenen Juli, an dem 4.000 Delegierte der etwa 100.000 Basisgemeinden Brasiliens zusammen kamen, zu einer Kandidatur überredet. „Als sie in die Grünpartei eingetreten ist, hat sie eine Vorbedingung gestellt, und zwar dass die Partei eine große interne Änderung machen sollte, nämlich dass die soziale Frage mit in das Programm eingeschlossen werden muss, und diese hat zugestimmt. Man darf Marina Silva nicht auf die ökologische Frage reduzieren“, verteidigt Boff die frühere Ministerin gegen den Vorwurf, sie würde sich nur für den Umweltschutz interessieren. „Sie wird eine sehr gute Kandidatin sein. Ich meine nicht, dass sie gewinnen wird, aber da die Politik oft verrückt spielt, so kann es wohl sein, dass sie in den zweiten Wahldurchgang kommen wird. Das wäre wunderbar, und dann kann sie vielleicht sogar gewinnen!“

Die Befreiungstheologie ist Boffs Ansicht nach immer noch sehr lebendig, zumindest in Brasilien. „Es ist nicht so, dass die Befreiungstheologie nicht mehr da wäre, aber sie ist nicht mehr so sichtbar für die Medien. Besonders wichtig ist diese Befreiungstheologie für die Basisgruppen, die Basisgemeinden, die Landlosen, die Obdachlosen, die verschiedenen Menschenrechtsgruppen.

Jedes Mal, wenn es ein Weltsozialforum gibt, findet auch ein großes Treffen der Befreiungstheologie statt. Im vergangenen Jänner beim Kongress in Belém waren an die 1.000 Menschen aus allen Kontinenten bei diesem Treffen anwesend, und da konnte man spüren, wie lebendig diese Theologie noch ist.“

Leonardo Boff besuchte Wien auf Einladung der Dreikönigsaktion, die ein Menschenrechtsprojekt des Trägers des Alternativen Nobelpreises und mehrerer Ehrendoktorate in Brasilien unterstützt.

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