Lernen und Leben

Eine Schule kann für Geflüchtete mehr als ein Lernort sein, wie das Projekt PROSA in Wien. Jana Donat informiert.

Ein gefühlt hierarchiefreier Raum: Deutschtrainerin Lisa Oberbichler im Unterricht.

JournalistInnen werden bei einem Besuch einer PROSA-Klasse gleich mal mit kritischen Rückfragen konfrontiert: „Woher weiß ich, ob ich dieser Journalistin vertrauen kann?“ „Ist Südwind ein gutes Medium?“ Genau diese kritische und reflektierende Art versinnbildlicht den Ansatz des Projektes Schule für Alle (PROSA) in Wien. Das soll die SchülerInnen wach durch den Lebensalltag gehen lassen und damit stärken: „PROSA ist mehr als eine normale Schule. Der Respekt und der Unterricht helfen uns im Alltag“, so eine Schülerin.

Vor allem Asylsuchende und Geflüchtete, die älter als 15 Jahre sind, haben es im österreichischen Schulsystem schwer. Für sie entfällt die allgemeine Schulpflicht. Mit dem Ziel, diese staatliche Lücke zu füllen und einen kostenlosen Pflichtschulabschluss für Geflüchtete zu ermöglichen, wurde PROSA im Jahr 2012 gegründet. Die SchülerInnen besuchen die Räumlichkeiten des Abendgymnasiums in Floridsdorf, legen ihre Prüfungen aber an einer kooperativen Mittelschule in Wien ab.

„Zum Ankommen braucht es mehr als den richtigen Umgang mit Dativ und Akkusativ“, betont der administrative Leiter von PROSA, Sassan Esmailzadeh. PROSA wurde unter dem Dachverband „Vielmehr für Alle – Verein für Bildung, Wohnen und Teilhabe“ gegründet, einer Initiative für Geflüchtete rund um Fragen des Wohnens, Arbeitens und der sozialen Hilfe.

Für die 24 MitarbeiterInnen und 80 Ehrenamtlichen bei PROSA ist es nebensächlich, welchen Aufenthaltsstatus und Herkunftsort die SchülerInnen haben. Im Vordergrund stehen das Lernen voneinander und der Rückhalt durch einen geregelten Alltag, betont Esmailzadeh.

Die Deutschtrainerin Lisa Oberbichler bestätigt das. Sie empfindet PROSA als „kämpferisch, bestärkend, lustvoll und irrsinnig respektvoll – ein gefühlt hierarchiefreier Raum“.

Ein Vertrauensort. Die Solidarität bei PROSA ist also groß – nicht nur zwischen den 125 SchülerInnen, sondern auch mit den TrainerInnen. Für relativ ausgeglichene Geschlechterverhältnisse sorgen bei PROSA 70 Schüler und 55 Schülerinnen. Einen diskriminierungsfreien Raum bietet PROSA speziell in Form von getrennten Vertrauensräumen für Männer und Frauen. Diskussionen um Sexualität, Beziehungen und Rollenbilder befähigen die SchülerInnen, Machtstrukturen zu hinterfragen.

Die Rolle der VertrauenslehrerInnen beschränkt sich oft auf das aktive Zuhören oder das Weiterleiten an die SozialarbeiterInnen im Haus.

Unbequeme oder tabuisierte Themen werden bei PROSA nicht totgeschwiegen. Gender-Fragen beim Putzplan der Schule werden offen diskutiert, auch die finanziellen Herausforderungen des Projektes werden angesprochen. „Hier wird gemeinsames Leben und Lernen realisiert. Es funktioniert“, sagt Oberbichler.

Unterstützend dabei sind die vielen partizipativen Lernmethoden, die bei PROSA angewendet werden.

Wandel notwendig. Im Bereich der Bildungs- und Jugendarbeit steht das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) in Kontakt mit Institutionen wie PROSA. Bei einem Besuch bei PROSA erklärte Marie-Claire Sowinetz von UNHCR Österreich die schwierigen allgemeinen Rahmenbedingungen: Geflüchtete müssten auf Bildungsangebote meist lange warten, so Sowinetz, die da Handlungsbedarf sieht. Einjährige Übergangsklassen für den späteren Besuch einer berufsbildenden mittleren und höheren Schule seien ein erster Schritt. Der weitere richtige Weg wäre eine Ausdehnung der Ausbildungspflicht bis 18 Jahre auf Jugendliche, die noch im Asylverfahren sind.

Auch bei PROSA wird das Angebot der Nachfrage nicht gerecht: Auf etwa 500 Anmeldungen vergibt PROSA laut Esmailzadeh 20 bis 30 Plätze. Die Finanzierung des vergangenen Schuljahres erfolgte aus Spenden und etwa zu einem Drittel aus dem Fonds Soziales Wien (FSW).

Für die Zukunft wünschen sich Oberbichler und Esmailzadeh zwei Dinge: kurzfristig mehr finanzielle und personelle Unterstützung. Langfristig, dass es PROSA nicht mehr braucht – weil der Staat seine Verantwortung wahrnimmt.

Jana Donat ist freie Journalistin und schließt demnächst ihr Master-Studium „Internationale Entwicklung“ in Wien ab.

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