Leymah lässt nicht locker

Wie eine junge Liberianerin genug vom Krieg in ihrem Land hatte und mithalf, ihn zu beenden. Ein Porträt der Friedensnobelpreisträgerin Leymah Gbowee, von Milena Österreicher.

1989, als Leymah Gbowee 17 Jahre alt ist, bricht in ihrem Heimatland Liberia der Bürgerkrieg aus. Charles Taylors Rebellen greifen die Truppen von Machthaber Samuel Doe an. Mit ihrer Mutter und ihren Schwestern flieht sie nach Ghana. „Die Dinge, die man bis heute von dieser Zeit im Fernsehen sieht, die hungrigen Migranten, die Frauen und Kinder, die von Ort zu Ort ziehen, das waren auch meine Erlebnisse.“ Gbowee, für die „Women for peace“-Konferenz im Juni nach Österreich gekommen, erzählt mit fester Stimme von damals. Sie hat viel mitgemacht, auch in den Jahren danach.

1991, als sich die Kämpfe für eine Zeit lang beruhigen, kehrt die junge Frau wieder in ihre Geburtsstadt, Liberias Hauptstadt Monrovia, zurück.

Eigentlich wollte sie nach der Schule studieren und Ärztin werden. Durch den Krieg ist alles anders: Sie macht eine Ausbildung zur Streetworkerin und arbeitet mit Kindern, die vom Krieg traumatisiert sind.

Als die Gewalt im westafrikanischen Küstenstaat wieder ausbricht, beschließt sie, gemeinsam mit anderen Frauen für den Frieden zu kämpfen. „Ich dachte mir: Morgen schon könnten uns unsere Kinder fragen, ‚Mama, was hast du damals für den Frieden gemacht?‘.“

Frauen in Aktion. Lange ist Gbowee im Bereich der Trauma-Behandlung aktiv. Mehr und mehr wird sie in die Friedensarbeit involviert. 2002 schließlich gründet sie mit anderen Frauen die Bewegung „Women of Liberia Mass Action for Peace“, bei der Christinnen und Muslimas zusammen protestieren. „Die Gemeinschaftlichkeit war so wichtig. Wir wurden eine Bewegung, mit der sich alle Menschen identifizieren konnten.“ Die Frauen kleiden sich als Zeichen des Friedens in Weiß. Sie beten auf öffentlichen Plätzen, veranstalten Protestgesänge und verteilen Flyer. Darauf war zu lesen: „Wir sind es leid, dass unsere Kinder getötet werden!“, oder „Wir sind es leid, vergewaltigt zu werden!“.

Gbowee erzählt, dass sie in dieser Zeit vor nichts mehr Angst hatte, denn die schlimmsten Dinge seien bereits Realität gewesen: Kinder als Soldaten, fast die Hälfte der Frauen zumindest einmal Opfer sexueller Gewalt, an die 250.000 Tote.

Der Protest der Bewegung wirkt: Charles Taylor empfängt Gbowee 2003 persönlich und verspricht ihr, zu Friedensverhandlungen nach Ghana zu reisen. Als die Kämpfe in vielen Teilen des Landes weitergehen, ruft Gbowee daraufhin Liberias Frauen auf, die Hausarbeit zu verweigern. „Wir drohten auch mit einem Sex-Streik, das brachte uns in die Medien“, sagt Gbowee und muss schmunzeln.

Endlich Friede. Auch als 2003 in der ghanaischen Hauptstadt Accra Friedensverhandlungen tagelang ohne Ergebnis verlaufen, reisen die „Frauen in Weiß“ an. Sie belagern die Ausgänge des Gebäudes, wo die Gespräche stattfinden. Wenige Monate später endet der Bürgerkrieg.

Er hinterlässt viele Narben, bis heute. Gbowee: „Zum Beispiel was die Infrastruktur betrifft. Wir haben noch immer nicht überall fließendes Wasser oder Strom. Zudem kämpfen wir mit den Nachwirkungen des moralischen Zusammenbruchs, zu dem es während des Krieges kam.“ Die Grauen des Krieges und die Trauer über die Opfer wirken noch lange nach.

Gbowee holt nach Kriegsende ihren Jugendwunsch nach und studiert. Im US-amerikanischen Harrisonburg macht sie den Master in „Konflikttransformation“. „Frauen können auf verschiedenen Ebenen für Frieden wirken. Als Mütter können wir unseren Kindern beibringen, wie man respektvoll miteinander umgeht, und ihnen wichtige Werte vermitteln“, meint die Aktivistin. „Außerdem wissen Mütter meist am besten über die Gemeinschaft Bescheid, in der sie leben. Sie wissen daher auch, was gerade gut läuft und was nicht.“

Frauen müssten besonders wachsam die politischen Geschehnisse in ihrem Land verfolgen und darauf achten, wie mit ihren Rechten umgegangen wird.

2011 wird Leymah Gbowee zusammen mit ihrer Landsfrau, der liberianischen Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf, und der jemenitischen Bürgerrechtlerin Tawakkol Karman der Nobelpreis für Frieden verliehen.

Lebenslust. Bei der „Women for peace“-Konferenz in Graz beweist Gbowee ihren Sinn für Humor. Auf dem Bühnensofa scheint sie zwischenzeitlich immer wieder kurz einzunicken. Als die US-Menschenrechtsaktivistin Jody Williams sie vor dem Publikum daraufhin ironisch „meine heute sehr enthusiastische Kollegin Leymah“ nennt, antwortet Gbowee lächelnd: „Jody hat meinen Enthusiasmus angesprochen. Ich war gestern Nacht vor meiner Anreise feiern wegen des Schulabschlusses meiner Tochter. Ich liebe es zu tanzen! Und nun spüre ich einfach, dass mein Körper mir sagt, dass er nicht mehr der einer 18-Jährigen ist.“

Die heute 44-Jährige Liberianerin ist sechsfache Mutter. Sie leitet mit der „Gbowee Peace Foundation Africa“ ihre eigene Organisation.

Milena Österreicher ist freie Journalistin und lebt in Wien.

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