Lhasa: The Living Road

Warner

Von Werner Leiss
Eine neues Werk von Lhasa: Damit wurde zwar seit Jahren spekuliert, von vielen auch schon mehr als sehnsüchtig erwartet. Nach sechs Jahren des Wartens überrascht es nun doch fast, dass der äußerst überzeugende Erstling „La Llorona“ doch noch einen Nachfolger gefunden hat.
Lhasa de Sela wurde 1972 als Tochter eines mexikanischen Schauspielers und einer US-amerikanischen Schauspielerin geboren. Ihre Kindheit verlief äußerst ungewöhnlich, unterwegs in einem Wohnmobil, pendelnd zwischen den USA und Mexiko. Fernseher gab es keinen, dafür umso mehr Inspiration durch Bücher und Musik. Ihren ersten Auftritt als Sängerin hatte Lhasa bereits mit dreizehn in einem griechischen Café in San Francisco. 1991 gelangte sie durch ihre drei Schwestern, die für den weltbekannten Cirque de Soleil arbeiteten, nach Montreal, wo sie den Gitarristen Yves Desrosiers kennen lernte. Die Zusammenarbeit des Paares mündete schließlich in der Veröffentlichung des anfangs erwähnten Albums „La Llorona“, einem Erfolg ganz ohne großen Werbeetat. Völlig zu Recht, zu überzeugend betören die hier ausschließlich mit Lhasas eigentümlicher Altstimme spanisch gesungenen Lieder, denen man die Leidenschaft vom ersten Ton an anhört.
Die Erwartungshaltung ist in so einem Fall und nach so langer Zeit natürlich hoch. „The Living Road“ nun beginnt beim ersten Hören etwas verhalten mit dem spanischen Lied „Con Toda Palabra“ und setzt sich mit einem fast klassischen, französisch gesungen Chanson fort. Darauf folgt das englisch gesungene Singer-Songwriter Stück „Anywhere On This Road“. Und dreisprachig geht es so weiter, und obwohl oder gerade auch weil Lhasa auf diesem Album die Wahl der Sprache, in der sie singt, der jeweiligen Stimmung und Instrumentierung anpasst, klingt hier nichts zerrissen. Walzer-Anklänge, Latin und skurrile Blueselemente sind hier zu finden. Instrumente wie Glockenspiel, Violine oder Klarinette werden verwendet. Die Arrangements verbreiten oft eine Melancholie, die einmal durch den Einsatz einer traurigen Trompete ein wenig an die Berliner Berufsmelancholiker Element Of Crime erinnern, freilich auch an Tom Waits und manchmal sogar an Leonard Cohen.
„The Living Road“ enttäuscht ganz und gar nicht, ist im Gegenteil noch um einiges anspruchsvoller. Wer den Vorgänger kennt und liebt, ist lediglich aufgefordert sich dem beträchtlich erweiterten musikalischen Spektrum zu öffnen.

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